Gesundheit : Bis zu 20000 Tote bei letzter Grippewelle

Ärzte: Impfung hätte Tausende gerettet

Adelheid Müller-Lissner

Was die echte Grippe betrifft, so war der letzte Winter eine heftige Saison. Doppelt so viele Menschen wie in durchschnittlichen Grippejahren mussten wegen grippebedingter Komplikationen im Krankenhaus behandelt werden. Und für zahlreiche Menschen war die Virusinfektion tödlich. „Die geschätzte Zahl von Todesfällen, die mit Influenza in Zusammenhang stehen, beträgt 15000 bis 20000“, gab Brunhilde Schweiger, Leitern des Nationalen Referenzzentrums Influenza im Berliner Robert-Koch-Institut (RKI), gestern bei einer Pressekonferenz der Arbeitsgemeinschaft Influenza bekannt. In der Saison 2004/05 wüteten die Viren demnach besonders lang und gleich mehrfach: Die Phase der stärksten Aktivität dauerte drei bis vier Wochen, und es zirkulierten parallel die Erreger A/H1N1, A/H3N2 und Typ B-Viren.

Auch nach mäßigeren Influenza-Wellen wundert man sich bei der Vorstellung der Zahlen von Erkrankten und Todesopfern meist über zwei Dinge: dass die Zahlen so hoch sind und dass sie nur so grob geschätzt werden können. Udo Buchholz von der Abteilung für Infektionsbiologie am RKI bot gestern für beides eine Erklärung. „Influenza-Todesfälle verstecken sich hinter anderen Erkrankungen, in der Todesstatistik tauchen sie als Lungenentzündungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Schlaganfall auf.“ Das Virus tötet vor allem Kranke und Alte. Weil hier die Grunderkrankung des Patienten oder die Komplikation, die letztlich zum Tode führte, aufgeführt sind, kommt etwa die amtliche Statistik des Jahres 1999 zum Schluss: „364 Personen verstarben an Grippe.“

Der scheinbaren Präzision dieser niedrigen Zahl setzt Buchholz Ergebnisse entgegen, die durch eine „einfache Methode zur Berechnung der influenzabedingten Übersterblichkeit“ erzielt werden. Grundlage der Kalkulation ist die Verteilung der relativen monatlichen Sterblichkeit. Die Forscher wandten ihre Methode für das Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung an. „Eine Spitzensterblichkeit zeigte sich immer dann, wenn Influenza-Viren kursierten“, fasst Buchholz zusammen. Bei vorsichtiger Schätzung komme man so auf einen jährlichen Mittelwert von 7000 Grippe-Toten, „realistisch sind jedoch eher 14000“. Eine weitere Beobachtung der Forscher betrifft die Gefährlichkeit der Subtypen des Grippevirus. „Bei zwei Wellen des Subtyps A/H3N2 gab es die höchste Sterblichkeit, gefolgt von B und A/H1N1.“

Im letzten Jahr kursierten alle diese Subtypen. Vom Impf-Cocktail, den die Weltgesundheitsorganisation empfohlen hatte, wurden sie nach Auskunft Schweigers abgedeckt. „Bei Anwendung der Impfempfehlungen der ständigen Impfkommission Stiko hätte Tausenden von Menschen das Leben gerettet werden können“, meint Schweiger.

Die Empfehlung der Stiko lautet: Grippe-Schutzimpfung für Menschen, die im Gesundheitsbereich beschäftigt sind, für chronisch Kranke und für ältere Menschen. Zwar ist die Schutzwirkung im höheren Lebensalter meist nicht mehr so ausgeprägt, sie liegt bei allenfalls 40 bis 50 Prozent. Diese nachlassende Wirkung haben erst kürzlich wieder Studien belegt. „Trotzdem ist die Impfung die effektivste Schutzmaßnahme gegen Grippe, die wir älteren Menschen zukommen lassen können“, versicherte der Allgemeinmediziner Joachim Szecsenyi von der Uni Heidelberg. Die Altersgrenze der Impfempfehlung für Gesunde ist mit 60 Jahren allerdings eher willkürlich gewählt.

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