Gesundheit : Bis zum Äußersten

Sportler kämpfen um jeden Millimeter und Tausendstelsekunden. Wo liegen die Grenzen des Möglichen?

Walter Schmidt

Man schrieb das Jahr 1912, als dem US-Amerikaner George Horine Unglaubliches gelang: Er übersprang die Zwei-Meter-Marke. Überhaupt purzelten die Weltrekorde in jenem Jahr nur so: 19 an der Zahl. Der finnische Läufer Hannes Kolehmainen benötigte lediglich 14 Minuten und 36,6 Sekunden für eine Distanz von 5000 Metern.

Heute würden die einstigen Rekorde beim Publikum allenfalls mitleidigen Applaus auslösen. Die 5000 Meter legte der Äthiopier Kenenisa Bekele vergangenen Juni in 12 Minuten und 37,35 Sekunden zurück – zwei Minuten flinker als Kolehmainen vor 92 Jahren. Und beim Hochsprung liegt die Latte inzwischen bei stolzen 2,45 Metern. Der Kubaner Javier Sotomayor bezwang die Höhe 1993 – ein elf Jahre alter Weltrekord.

Solche Greise unter den Bestmarken dürfte es künftig öfter geben. Wo die Ausrüster nicht mit immer ausgefeilteren High-Tech-Skiern, Rennrädern oder Sprungstäben nachhelfen können, wird es eng für die Athleten. Vor allem in Sportarten, in denen es um Hundertstelsekunden geht, sind die Leistungsgrenzen zumindest fast erreicht.

Gelenke, Muskeln und Sehnen setzen der Rekordflut ebenso Grenzen wie Herz und Kreislauf. „Auch durch noch mehr oder besseres Training und optimierte Ernährung lässt sich da nicht viel mehr herauskitzeln“, sagt Petra Platen, die an der Deutschen Sporthochschule in Köln die Leistungssport-Medizin leitet.

Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, sieht „in vielen Disziplinen einen Rückgang der absoluten Leistung“. Heute könne man „Weltmeister-Titel mit Leistungen bekommen, die vor vielen Jahren noch nicht einmal dazu gereicht hätten, unter die ersten sechs zu kommen“. Dies zeige erfreulicherweise, „dass die Doping-Bekämpfung greift“.

Niemand ist imstande, absolute Leistungsgrenzen anzugeben, denen sich der Mensch nach Ansicht von Wilfried Kindermann „ohne Zweifel" in vielen Sportarten nähere. Doch „der Einfluss verschiedener Faktoren ist schwer abschätzbar“, sagt der Sportmediziner der Uni Saarbrücken. So können Sportgeräte, aber auch die individuelle Technik des Athleten unkalkulierbar verbessert werden. Hinzu kommen Umwelteinflüsse wie die Ernährung. Unwägbar aber ist vor allem der bisherige wie künftige Einfluss des chemischen und genetischen Dopings (siehe Infokasten unten).

Besonders in den Kraft- und den Ausdauer-Sportarten liegen die Leistungsgrenzen im Nebel. „Da man nicht weiß, welche Spitzenleistungen sauber erbracht worden sind und welche mit Hilfe von Manipulationen zustande kamen“, sagt Kindermann.

So hätten sich die Prognosen der Weltrekord-Entwicklung in der Leichtathletik, aufgestellt in den 80er Jahren durch Experten des DDR-Sports, nicht bewahrheitet. Einige der damaligen Weltrekorde gelten noch heute. Zum Beispiel Jürgen Schults gewaltiger Diskuswurf über 74,08 Meter im Jahr 1986.

Schließlich gibt es Kindermann zufolge bei den Frauen in einigen traditionellen Männer-Disziplinen noch Nachholbedarf. Beispielsweise sei absehbar, „dass in nicht allzu ferner Zeit auch Frauen im Stabhochsprung die Fünf-Meter-Grenze überspringen werden“. Anfang Juli meisterte die Russin Swetlana Feofanowa eine Höhe von 4,88 Metern; bei den Männern liegt der Rekord, erzielt vom Ukrainer Sergej Bubka, seit 1994 bei 6,14 Metern. Ist das Ende der Hochsprung-Stange damit erreicht?

„Wissenschaftlich beweisen lassen sich Leistungsgrenzen nicht“, sagt der Freiburger Sportmediziner Hans-Herrmann Dickhut. Auch nicht auf der 100- Meter-Sprintstrecke. Doch die meisten, wenn nicht alle Fachleute, bezweifeln hier ein Fallen der 9-Sekunden-Grenze. „In absehbarer Zeit dürfte, wenn keine Manipulationen hinzukommen, die absolute Grenze bei 9,5 oder 9,6 Sekunden liegen. Viel weniger wird nicht gehen.“

Aber warum? „Der Aufwand, den man treiben muss, um dahin zu kommen, nimmt exponentiell zu“, sagt Dickhut. Um den Weltrekord heute noch um eine Zehntelsekunde zu unterbieten, muss sehr viel mehr trainiert werden als vor zehn oder 20 Jahren. „Man muss dazu immer an der Grenze der Belastbarkeit trainieren.“

Eine spannende Frage wird sein, wie das Publikum und die Medien reagieren werden, wenn Rekorde immer seltener oder unspektakulärer werden. Spürbar sei schon, dass die Rekordjagd, wie sie noch vor zehn Jahren inszeniert worden sei, „zurückgefahren wird, weil man Rekorde einfach nicht mehr so leicht erreichen kann“, sagt Dickhut. Veranstalter und Medien würden Sportler-Idole irgendwann einmal anders aufbauen müssen, „nicht mehr einfach über Weltrekorde“. Auch seine Kölner Kollegin Petra Platen schätzt, dass das Sportmarketing in Zukunft stärker gefragt sein wird, um die Zuschauer noch bei der Stange zu halten.

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