Gesundheit : Bombensicher

Wer Atomwaffen besitzt, gilt als unangreifbar – warum das Begehren nach nuklearer Macht wächst

Thomas de Padova

„Schurkenstaaten“, was immer George W. Bush darunter verstehen mag, müssen künftig um ihre Souveränität bangen. Nordkorea hat bereits angekündigt, ein Schicksal wie das des Irak durch eine kompromisslose Atompolitik vermeiden zu wollen. Denn auch das sind die Signale der internationalen Politik: „Wer Atomwaffen besitzt, der ist unangreifbar, dessen Souveränität ist geschützt“, sagt Patricia Lewis, Kernphysikerin und Direktorin am UN-Institut für Abrüstungsforschung in Genf.

Bei der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, die am Wochenende in Hannover zu Ende ging, zeigten sich Wissenschaftler und Abrüstungsexperten besorgt darüber, dass der Irak-Krieg für die internationalen Abrüstungsbemühungen fatale Folgen haben könnte. „Iran oder Nordkorea haben nun ein noch stärkeres Interesse daran, Atomwaffen zu bekommen“, meint Frank von Hippel von der Universität Princeton, ehemals Berater der Clinton-Regierung.

Unter anderem zur Überwachung der nordkoreanischen Atompolitik haben die Japaner soeben Spionagesatelliten ins All geschickt. Und Japan ist ein Staat, den die Entwicklung der Atombombe vor keine großen technischen Schwierigkeiten stellen würde. „Die Debatte, ob sich Japan Atomwaffen zulegen wird, wird in dem Moment losgehen, in dem klar wird, dass Nordkorea Atomwaffen besitzt“, sagt Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg gegenüber dem Tagesspiegel.

Nordkoreas Weg zur Waffe

Nordkorea scheint von diesem Ziel nicht mehr weit entfernt zu sein. Das Land verfolgt derzeit offensichtlich zwei Wege, zur Atombombe zu kommen: mit Uran und mit Plutonium. Es sind die klassischen Kernwaffenmaterialien. Die Sprengkraft der 1945 auf Hiroshima abgeworfenen Bombe basierte auf hochangereichertem Uran („Heu“), in Nagasaki brachten die USA dagegen Plutonium zur Detonation. Beide Atombomben kosteten Zehntausende das Leben.

Waffenfähiges Plutonium und hochangereichertes Uran sind vor allem im Arsenal der USA und Russlands im Überfluss vorhanden. „Es gibt weltweit mehr als 2000 Tonnen Heu“, sagt von Hippel. „Das meiste davon stammt aus dem militärischen Sektor.“ Das Zerstörungspotenzial, das sich dahinter verbirgt, ist enorm. Zum Bau einer Atombombe braucht man – je nach Anreicherungsgrad – nur etwa 30 bis 50 Kilogramm Heu.

Trotz dieses großen Überschusses sei an das spaltbare Material aber nicht leicht heranzukommen, sagt Patricia Lewis. „Für Staaten, die kein ziviles Nuklearprogramm haben, ist dies sehr schwierig.“

Unter zivilem Deckmantel kann sich langfristig allerdings nahezu jedes Land den Bombenstoff beschaffen. Kernforschung und Kernenergie eröffnen den Zugang zum Waffenmaterial und zum nötigen technischen Know-how. Sie sind nicht strafbar, im Gegenteil: Das internationale Atomgeschäft blüht.

„56 Länder betreiben heute Forschungsreaktoren“, sagt Wolfgang Liebert, Koordinator der interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit an der TU Darmstadt. Und die Hälfte der weltweit rund 300 Forschungsreaktoren arbeitet noch immer mit Heu.

Daneben gibt es derzeit 441 Atomreaktoren, die in 31 Ländern elektrischen Strom produzieren. 32 weitere Reaktoren sind im Bau. Mehr als 80 Prozent dieser Kernreaktoren sind Leichtwasserreaktoren, was unter anderem heißt: Sie erzeugen Plutonium. Es wird in etlichen Ländern im Zuge der Wiederaufbereitung sogar von den Brennelementen abgetrennt und isoliert. Weltweit haben sich dadurch mehr als 200 Tonnen separiertes Plutonium allein im zivilen Sektor angesammelt. Für den Bau einer Bombe sind nur etwa fünf bis acht Kilogramm Plutonium erforderlich.

Die Iraker versuchten schon in den 70er Jahren, eine Plutoniumbombe zu bauen. Sie hatten einen Forschungsreaktor aus Frankreich importiert, der ihnen den Bombenstoff erzeugen sollte. Die Israelis, die – ebenfalls mit einem französischen Reaktor – dasselbe Ziel verfolgten und auch erreichten, zerstörten den irakischen Reaktor Anfang der 80er Jahre bei einem Luftangriff. Auch die Israelis stellte die Gewinnung von Plutonium jedoch vor einige Schwierigkeiten.

Plutonium entsteht zwar in Atomreaktoren bei der Kernspaltung von Uran als mehr oder weniger gewünschtes Nebenprodukt. Doch wer es von den Brennstäben ablösen möchte, muss unter anderem mit diesen stark radioaktiven Stäben umzugehen wissen und die chemischen Trennverfahren beherrschen, wie sie Großbritannien, Frankreich, Russland oder Japan in großem Maßstab für die Wiederaufbereitung verwenden.

Plutonium zu besitzen, reicht für den Bau der Bombe allerdings noch nicht aus. In einer Atomwaffe setzt nur dann eine explosive Kettenreaktion ein, wenn eine Mindestmenge an waffentauglichem Material zusammenkommt: die kritische Masse.

Im Falle des hochangereicherten Urans ist es vergleichsweise leicht, diese kritische Masse zusammenzubringen. Es genügt, zwei unterkritische Uranmassen von jeweils etwa 25 Kilogramm durch eine Sprengladung irgendwie miteinander zu verbinden, damit die Explosion erfolgt. „Das können auch Terroristen“, sagt Neuneck. „Und das simple Ding braucht nicht einmal getestet zu werden“, ergänzt von Hippel.

Die Plutoniumbombe tickt anders. Sobald die kritische Masse hier erreicht wird, setzen die Kernreaktionen so schnell ein, dass die Bombe auseinander fliegt, ehe sie ihre volle Sprengkraft entwickeln kann. Die acht Kilogramm Plutoniummasse müssen daher geschickt um das Explosionszentrum herum angeordnet und auf einmal, zeitlich exakt abgestimmt, zur Detonation gebracht werden. Die vernetzte Zündung muss innerhalb von Bruchteilen einer Millisekunde erfolgen. „Das ist für Terroristen sehr schwierig“, sagt von Hippel.

Der Irak war auf dem Plutoniumweg nicht erfolgreich, Israel und Indien schon. Auch das Waffenarsenal der Atommächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien besteht vor allem aus Plutonium-Bomben. Die Iraker gaben nach der Zerstörung ihres Forschungsreaktors jedoch nicht auf. In den 80er Jahren legten sie ein neues Nuklearprogramm auf. Diesmal sollte Uran zum Ziel führen. Die Hauptschwierigkeit dabei war es, aus Natururan, das leicht zu beschaffen ist, hochangereichertes Uran zu gewinnen.

Natururan besteht zu 99,3 Prozent aus Uran-238 und zu 0,7 Prozent aus Uran-235. Für den Betrieb eines Kernreaktors muss der Anteil an Uran-235 von 0,7 Prozent auf etwa drei bis fünf Prozent erhöht werden. Von Heu spricht man ab einem Gehalt von 20 Prozent Uran-235. Und je mehr Uran-235 das Heu enthält, desto reaktionsfreudiger wird der Stoff. Atombomben haben oft einen Uran-235-Gehalt von 80 bis 90 Prozent.

„Eine solche Anreicherung erreicht man nur in vielen Schritten“, sagt Wolfgang Liebert. „Und am schwierigsten ist die Etappe von 0,7 auf 20 Prozent.“ Der Irak versuchte dies in den 80ern auf zwei Weisen: erstens mit der amerikanischen „Calutron-Technologie“. Sie erlaubt es, unterschiedlich schwere Kerne wie Uran-238 und Uran-235 voneinander zu separieren und pro Jahr einige Kilogramm Heu herzustellen. Zudem erwarb der Irak spezielle Zentrifugen, um die Stoffe voneinander zu trennen. „Diese Technologie ist inzwischen auch nach Pakistan und Nordkorea gewandert“, sagt von Hippel. Allerdings benötige man eine große Zahl solcher Zentrifugen, um auch nur ein paar Kilogramm waffentaugliches Uran im Jahr herzustellen.

Wie viel waffenfähiges Material der Irak damals herzustellen vermochte, ist nicht genau bekannt. „Doch als der erste Golfkrieg begann, war der Irak nur wenige Monate davon entfernt, eine Atombombe zu besitzen“, sagt Patricia Lewis. Von Hippel spricht von etwa einem Jahr. Die Waffeninspektoren fanden dies aber erst im Nachhinein bei ihren Überprüfungen heraus – und erschraken über Saddams verborgene Aktivitäten.

„Die USA hatten die Möglichkeiten des Irak unterschätzt“, sagt Patricia Lewis. Und diese Erfahrung habe die neuerliche Angst vor Massenvernichtungswaffen in diesen Tagen verstärkt – nun allerdings die Furcht vor biologischen und chemischen Waffen.

„Soweit wir wissen, hat Saddam Hussein heute keine Atomwaffen und kein nukleares Material“, erklärt von Hippel. Alle bekannten Atomanlagen seien im Zuge der Waffeninspektionen nach dem Golfkrieg zerstört worden. Pakistan, das ebenfalls Atombomben besitzt und diese wie Indien 1998 zuletzt testete, produziere immer noch hochangereichertes Uran. Das Land beschaffte sich dazu die holländische Zentrifugen-Technologie. „Und Nordkorea versucht es gerade, wobei wir nicht wissen, wie weit sie damit sind." In einem neueren US-Bericht heißt es, Nordkorea sei bei der Urananreicherung von Pakistan unterstützt worden – im Gegenzug für eine Lieferung von Mittelstreckenraketen.

Nordkorea besitzt überdies Plutonium. „Spezialisten sagen, dass Nordkorea heute genug Plutonium für zwei Atomwaffen hat", sagt Neuneck. Und kürzlich ist dort ein alter, aus Russland importierter Reaktor wieder in Betrieb genommen worden. Damit können die Nordkoreaner weiteres Plutonium produzieren: pro Jahr genug Material für zwei bis fünf Atomwaffen. „Man weiß, dass sie die Prozesse der Wiederaufbereitung bereits beherrschen", betont Liebert. Doch ob die Nordkoreaner schon dazu in der Lage seien, aus Plutonium Bomben zu bauen, sei ungewiss.

Auch der Iran hat sein Atomforschungsprogramm nun wieder aufgenommen. Das Land will in den kommenden 20 Jahren Reaktoren bauen, die rund 6000 Megawatt Kernenergie produzieren können. Ob dies ein Programm zu rein zivilen oder auch zu militärischen Zwecken ist, sei derzeit nicht absehbar, sagt von Hippel. Bislang zeigt sich der Iran gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) offen und kooperativ. Mohamed El Baradei, Direktor der Behörde, besichtigte vor einigen Wochen eine im Bau befindliche iranische Pilotanlage zur Urananreicherung in Natanz, die auch die janusköpfigen Gaszentrifugen einschließt.

Der weltweite Ausbau der Kernenergie kompliziert die Arbeit der Inspektoren jedoch. „Es ist viel schwerer zu kontrollieren, ob sich ein Staat an die Verträge zur Nichtverbreitung von Atomwaffen hält, wenn er ein ziviles Programm hat“, sagt Patricia Lewis. Die IAEA ist deshalb über die Situation im Iran sehr besorgt.

Attacke auf unterirdische Anlagen

Allerdings gehen Atommächte wie die USA nicht gerade mit gutem Beispiel voran. Statt ihren Abrüstungsverpflichtungen nachzukommen, wollen sie ihr Nuklearprogramm nun möglicherweise sogar ausbauen. Unter anderem sind „Minibomben“ bei den Amerikanern neuerdings hoch im Kurs. Sie können tief in die Erde eindringen und unterirdische Verstecke oder militärische Anlagen zerstören – um den Preis einer weiträumigen radioaktiven Verseuchung.

Lässt sich mit Atomwaffen der Weltfrieden sichern? „Die Welt wird nicht sicherer dadurch, dass mehr Staaten Nuklearbomben haben“, sagt Patricia Lewis. „Meines Erachtens sollten die Atommächte ihren Teil übernehmen, die Arsenale abbauen und die anderen davon überzeugen, sie auch abzuschaffen oder erst gar nicht zu errichten.“ Auch die USA bräuchten keine Nuklearwaffen. Sie könnten sie niemals einsetzen. Denn damit könne man keinen „sauberen“ Krieg führen. Auch nicht mit nuklearen „Minibomben“.

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