Gesundheit : Boss in der Nanowelt

Alle reden nur von DNS – dabei ist die RNS vielseitiger

Hartmut Wewetzer

Jetzt hat sie es endlich aufs Treppchen geschafft. Die Ribonukleinsäure (RNS), die kleine Schwester der DNS, hat den „Durchbruch des Jahres“ errungen. Gekürt wurde sie von der Redaktion des amerikanischen Fachblatts „Science“, das jedes Jahr die zehn wichtigsten Forschungsergebnisse auswählt.

Die RNS steht zu Unrecht im Schatten der übermächtigen DNS. Denn während diese nur träge im Zellkern liegt und darauf wartet, dass andere Moleküle sich an ihr zu schaffen machen, die genetische Information kopieren oder die DNS teilen und verdoppeln, ist die RNS ein wendiges, aktives und vielseitiges Molekül. Es kann Bote und Botschaft sein, sich selbst kopieren, und manches spricht dafür, dass die RNS schon vor der DNS existierte – in einer eigenen RNS-Welt.

Die zentrale Rolle der RNS bei der Herstellung der Proteine, der Bausteine und Handwerker des Lebens, ist lange bekannt. Die RNS liefert eine Blaupause der Erbinformation aus dem Zellkern an die Ribosomen, die Eiweißfabriken der Zelle.

Den Wissenschafts-„Oscar“ 2002 bekam nicht diese altbekannte RNS, sondern eine neu entdeckte Molekülfamilie namens „kleine RNS“. „Fast könnte man sie Nano- RNS nennen“, schwärmt der „Science“-Chefredakteur Donald Kennedy. „Die Nano-RNS spielt bei der Steuerung der Gene eine so entscheidende Rolle, dass man von einem Paradigmenwechsel sprechen kann.“

Dabei gibt es zwei Typen von „Nano- RNS“: Zum einen die Micro-RNS, kurz miRNS genannt. Das sind kurze, nur 21 bis 28 biochemische „Buchstaben“ umfassende RNS-Schnipsel. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, die Übersetzung der Erbinformation in den Bau von Eiweißen, die Translation, zu stoppen. Eigene „Mikrogene“ im Erbgut sind für die miRNS zuständig.

Der zweite neuartige RNS-Typ nennt sich interferierende RNS, oder kurz: RNSi. Was wie ein dynamisches Autokürzel klingt, ist ein Mechanismus, um Gene stillzulegen. Dazu wird eine doppelsträngige RNS von einer biochemischen Schere zerschnitten. Diese kurzen Abschnitte blockieren nun exakt jene Gene (genauer: deren Blaupausen in Form von RNS), die zu ihnen passen. Wie das geschieht, ist noch nicht völlig verstanden. Aber mit Hilfe der RNSi werden Viren abgewehrt, „springende“, selbstsüchtige Gene in die Schranken gewiesen und der Embryo geformt.

Vielleicht also ist die RNS der eigentliche „Boss“ im Mikrokosmos der Zelle. Viele Forscher setzen auch auf sie, wenn es um zukünftige, punktgenaue Therapien geht.

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