Gesundheit : Bücher in Gefahr: Vom Schimmel befallen

Anne Strodtmann

Wassereinbrüche in Bibliotheken sind gefürchtet. Sie beschädigen Bücher und Dokumente so schwer, dass sie sofort einer Trockenbehandlung und Restaurierung bedürfen. In der Berliner Stadtbibliothek in der Breiten Straße in Mitte ereignen sich Wassereinbrüche nach starken Regenfällen häufiger. Die baulichen Mängel sowohl in der Berliner Stadtbibliothek als auch in der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg sind schwerwiegend. Vor kurzem hat Claudia Lux den Abgeordneten im Hauptausschuss erläutert, dass der Buchbestand - und damit das eigentliche Vermögen der Bibliothek - in den Magazinen akut bedroht ist. Dennoch werden der Zentral- und Landesbibliothek, in der die Stadtbibliothek und die Amerika-Gedenkbibliothek seit 1995 vereinigt sind, weitere Sparauflagen gemacht, statt die dringendsten Schäden erst einmal zu beseitigen.

Der Buchbestand der Bibliothek bedarf umfangreicher Sicherung und Restaurierung. In Zeiten der DDR wurden rund 30 000 Bücher der Stadtbibliothek in einer Nacht- und Nebelaktion ausgelagert und in einer Scheune auf Kalkboden gelagert. Als nach der Wende diese Buchbestände gesichtet wurden, stellte man fest, dass rund ein Drittel der Bücher vom Kalk total zerfressen war. Sie konnten nur noch entsorgt werden. Ein weiteres Drittel ist schwerst geschädigt, und es ist sehr kostenintensiv, wenn man sie noch rechtzeitig vor ihrem endgültigen Zerfall restaurieren würde. Es handelt sich immerhin um kostbare Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Auch das noch am besten erhaltene restliche Drittel bedarf intensiver Pflege, da auch diese Bücher bereits geschädigt sind.

Nicht nur der Kalk hat die Bücher in Mitleidenschaft gezogen. Durch die feuchte Lagerung in der Scheune hat sich Schimmel gebildet und der wurde in die Magazine der ZLB eingeschleppt. Eine Schimmelsanierung ist solange nicht sinnvoll, wie die Gefahr von ständig drohenden Wassereinbrüchen in beiden Häusern - der letzte ereignete sich nach starken Regenfällen vor wenigen Wochen - gebannt ist. Derzeit wird ein Gutachten erstellt, in dem geklärt wird, in wie weit der Schimmelbefall auch auf die übrigen Bestände der ZLB übergegriffen hat. Eine Schimmelsanierung ist auch deswegen dringend, da die Schimmelsporen ein beträchtliches Gesundheitsrisiko für die Mitarbeiter darstellen. Wenn nicht bei der jetzt anstehenden zweiten Lesung des Haushalts im Abgeordnetenhaus noch ein Wunder passiert, werden die Gelder für die Bestandserhaltung kaum noch aufzubringen sein.

"Wäre die Zentral- und Landesbibliothek ein Unternehmen der Privatwirtschaft, müsste sie im kommenden Jahr Konkurs anmelden!" So dramatisch sieht die stellvertretende Vorsitzende der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB), Gabriele Beger, die Lage. Denn von einem für notwendig gehaltenen Gesamtetat in Höhe von 42,6 Millionen Mark für das Jahr 2001 waren zunächst nur 1,4 Millionen Mark als Einsparsumme abgezogen worden. Jetzt sollen der ZLB auch noch zusätzliche Etatkürzungen in Höhe von 3,7 Millionen Mark als pauschale Minderausgabe aufgedrückt werden.

Die Zentral- und Landesbibliothek wurde 1995 als Stiftung des öffentlichen Rechts errichtet. Ihr Zweck ist es nach dem Stiftungsgesetz, "die Literatur aus und über Berlin zu sammeln und zu erschließen sowie zum literarisch-kulturellen Leben der Region beizutragen". Bei der schwierigen Haushaltssituation des Landes hält die Zentral- und Landesbibliothek eine Sparsumme von 1,4 Millionen für angemessen, aber nicht mehr.

Ihrem eigentlichen Zweck könnten die beiden Bibliotheken bei Kürzungen in diesem Umfang nicht mehr gerecht werden, teilte die Generaldirektorin der ZLB, Claudia Lux, dem Haushaltsausschuss des Abgeordnetenhauses mit. Ein großer Teil des Etats ist bereits festgelegt für Mietkosten in Höhe von 12 Millionen Mark für die landeseigenen Gebäude der Stadtbibliothek oder für die Abgaben an den Landesbetrieb für Informationstechnik, der für die Leitungen zuständig ist, mit denen die beiden Bibliotheken vernetzt sind.

Weitere Einsparungen wären nur in zwei Bereichen möglich: bei den Neuerwerbungen und beim Personal. Für Neuerwerbungen wurde bisher etwa die Summe ausgegeben, die der Haushaltsausschuss jetzt der ZLB abverlangen will: 3,7 Millionen Mark. Mit diesem Betrag wurden bisher rund 50 000 Bücher, Zeitschriften und neue Medien jährlich angeschafft. Wird das Geld für Neuerwerbungen gekappt, hätte das einen sofortigen Einkaufsstopp zur Folge. Für die rund 1,7 Millionen Bibliotheksbenutzer würde es bedeuten, dass keine aktuelle Literatur angeschafft werden könnte, dass Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements, Loseblattsammlungen und andere Periodika gekündigt werden und der Ausbau bei den neuen Medien zum Erliegen käme. Die Lücken können später kaum wieder geschlossen werden.

Auf längere Sicht besteht ein gewisses Einsparpotential bei den freiwerdenden Personalstellen. Der Wegfall von 3,7 Millionen Mark entspricht den Kosten für 50 Mitarbeiter. Eine Reduzierung des Personals hätte jedoch einen erheblich schlechteren Service zur Folge. So könnten die jetzt geltenden Öffnungszeiten nicht länger gehalten werden. Das hätte, wie Lux ausführte, zur Folge, dass bei gleichbleibenden Benutzerzahlen das Gedränge unerträglich würde. Benutzer könnten unter solchen Sparbedingungen nur dann eingelassen werden, wenn andere das Haus verlassen. Bereits heute sind die Öffnungszeiten in der Gedenkbibliothek eigentlich zu knapp bemessen.

Wenn die ZLB im nächsten Jahr eine Tariferhöhung von rund zwei Prozent verkraften muss, kommen Mehrkosten von rund 442 000 Mark auf sie zu. Das bedeutet, dass freiwerdende Stellen nicht wieder besetzt werden können. Sechs Stellen werden dann wahrscheinlich wegfallen müssen.

Auch andere für die Benutzer wichtige Service-Leistungen könnten unter dem Diktat der Stellenkürzungen nicht länger aufrechterhalten werden: Die öffentlichen Büchereien stellen für zahlreiche Benutzer die wichtigste, wenn nicht die einzige Möglichkeit dar, kostenlos das Internet zu nutzen. Wenn die Zentral- und Landesbibliothek aufgrund der drastischen Einsparungsforderungen dafür Gebühren erheben müsste, würde sie sich jedoch kaum noch von den kommerziellen Internet-Cafés unterscheiden, wie Gabriele Beger gegenüber dem Tagesspiegel betonte. "Es ist gerade die Aufgabe der öffentlichen Bibliotheken, den Benutzern die Informationen und Informationsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen", betont die stellvertretende Bibliotheksleiterin. Die ZLB habe sich der Bildungsoffensive des Berliner Senats angeschlossen. "Für die große Bedeutung, die diese Informationsmöglichkeit für die Jugendlichen habe, geben die Trauben junger Leser vor den Computern beredtes Zeugnis."

Die vorgesehene Kürzung der Haushaltsmittel zieht aber noch weitere Kreise: Der für 2001 vorgesehene Beitritt der Zentral- und Landesbibliothek zum Verbund der öffentlichen Bibliotheken ist akut gefährdet. Denn dafür sind Mehrkosten in Höhe von knapp anderthalb Millionen Mark erforderlich.

Wie weit kann man eine ausgelutschte Zitrone noch auspressen? Diese Frage sollten sich die Abgeordnten bei den erneuten Etatberatungen stellen.

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