Gesundheit : Charité: Hochleistungsmedizin nutzt den Patienten

Manfred Dietel

In der Berliner Wissenschaftspolitik werden derzeit gefährliche Planspiele mit dem Ziel betrieben, den klinischen und damit den patientenorientierten Standort der Charité in Berlin-Mitte zu schließen (vgl. Tagesspiegel vom 19. November). Um die Diskussion zu objektivieren, seien hier die Gegengründe dargestellt

1. Die Patienten: Wer populistische Ideen zur Schließung des Charité Hochhauses äußert, muss sich fragen lassen, wo die Berliner Patienten, die heute dort von national und international anerkannten Hochleistungsmedizinern behandelt und geheilt werden, dann zukünftig betreut werden sollen. Wohin kann sich der Tumorpatient wenden, der einer qualifizierten vernetzten Therapie bedarf? Er ist auf eine spezielle Diagnose, onkologische Operation, medikamentöse Behandlung und kontrollierte Nachsorge in einem Team angewiesen. Dies kann nur in großen funktionell abgestimmten Einheiten wie dem Tumorzentrum der Charité-Mitte erfolgen. Weitere Beispiele sind Patienten mit Rheuma- oder Herzkreislauf-Erkrankungen, in der Geburtshilfe oder Gynäkologie und viele mehr. Hier soll auf Kosten der Gesundheit der Berliner Bevölkerung, speziell der Schwer- und Schwerstkranken, gespart werden.

2. Die Investitionen: Etwa 450 Millionen sind in den letzten fünf Jahren am Campus Charité in Mitte investiert worden - in die Innere Medizin, Kreissaal, Infrastruktur, Forschungslaboratorien, Ausstattung etc. Dies alles wieder aufzugeben, grenzt an Wahnsinn. So ist die fein austarierte Zielplanung auf eine gleichwertige und funktionelle Verteilung der Kliniken und Institute gerichtet und würde bei Aufgaben des klinischen Bereiches zu einer gewaltigen Fehlinvestition mit Bauruinen führen.

3. Die Finanzen: Die Investitionen für die Charité zahlt Berlin nur zur Hälfte, die zweiten 50 Prozent zahlt der Bund. Da die meisten Aufträge, zum Beispiel im Baugewerbe, an Berliner Firmen gehen, erhält der Senat einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Anteils über Steuereinnahmen (Gewerbesteuer) wieder zurück - abgesehen von den dadurch gesicherten Arbeitsplätzen. Das Sparen an Investitionen, die mit 50 Prozent subventioniert werden, ist also wenig überzeugend und führt nur dazu, dass sich die Steuereinnahmen in Berlin weiter reduzieren.

4. Medizinische Forschung ohne Klinik ist wie ein Theater ohne Zuschauerraum. Will sagen, das Ziel der medizinischen Forschung ist stets die Verbesserung der Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten des Patienten, so dass die Trennung von beiden widersinnig ist. "In Mitte nur noch Forschung" - wer solche plakative Aussagen macht, zeigt seine Unkenntnis der örtlichen und fachlichen Situation.

5. Die Lehre, insbesondere der Reformstudiengang würde gefährdet. Alle mit Ausbildungsfragen beschäftigten Institutionen (Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz, Bildungsministerien) fordern eine enge Verzahnung der theoretischen Medizinerausbildung mit der klinischen Praxis. Dieser Gedanke ist im Reformstudiengang der Charité, mit dem sich die Politik gern schmückt, verwirklicht. Mit dem jetzt angedachten Konzept würde alle Mühen - die Vorbereitungen laufen seit zehn Jahren, die ersten Semester sind jetzt immatrikuliert - und Investitionen sinnlos. Auch die in der neuen Ausbildungsordnung für Ärzte (Regelstudiengang) geforderte Vernetzung von Klinik und Vorklinik würde nicht zu verwirklichen sein.

6. Die Mitarbeiter: Selbst wenn man einmal den (absurden) Gedanken einer Schließung akzeptiert, dann muss allen klar sein, dass ein unendlich quälender Prozess eintreten würde, da die Stellen der im Hochhaus beschäftigten Mitarbeiter nicht wegfallen, sondern auf andere Häuser, besonders auf den Standort Virchow Klinikum, verteilt werden müssen. Dies gilt auch für die Leiter der Kliniken und Institute, die dann an den anderen Campus oder das FU-Klinikum Benjamin Franklin "zwangsversetzt" werden. Die Entwicklung aller drei Standorte wäre auf Jahre blockiert.

7. Die Organisation: Der Vorschlag eine übergeordnete GmbH für die Berliner Universitäts-Krankenhäuser zu bilden, ist zwar oberflächlich betrachtet ganz einleuchtend, birgt aber erhebliche Gefahren. Mit großem Aufwand und Mühen wurde in den vergangenen fünf Jahren aus zwei Klinika und zwei Fakultäten (Virchow-Klinikum und "alte" Charité) eine Institution geschmiedet. Nun dieses mittlerweile größte Universitätsklinikum Europas auch noch mit dem räumlich weit entfernten FU-Klinikum Benjamin Franklin im klinischen Bereich zu fusionieren, die Fakultäten aber getrennt zu lassen, ist eine nicht mehr nachvollziehbare Idee. Jeder weiß, dass übergroße Institutionen unflexibel, ineffektiv und teuer sind. In Wirtschaft und Verwaltung geht man heute immer mehr den Weg der kleinen Funktionseinheiten, "das Unternehmen im Unternehmen". Beispiel: Der ehemalige Minister Seehofer hat das zu große Schlachtschiff Bundesgesundheitsamt in mehrere kleine Schnellboote aufgeteilt, mit Erfolg. Das moderne Prinzip der "Delegation der Verantwortung auf kleinere Einheiten" sollte zwischen den Uni-Kliniken und innerhalb der Kliniken weiter gestärkt werden. Das empfiehlt auch der Wissenschaftsrat.

8. Die Baukosten: Die immer wieder angesprochenen Sanierungskosten des Hochhauses sind möglicherweise niedriger als häufig angenommen wird. Da unter laufendem Betrieb saniert werden muss, ist eine segmentale Instandsetzung, die zum Teil übrigens bereits erfolgt ist, notwendig. Dies kann zu erheblichen Einsparungen führen. Hier sollten die Baufachleute noch einmal kreativ werden. Entscheidend ist allerdings, dass kontinuierlich weiter saniert wird.

9. Die Ökonomie: Im Hochhaus in Mitte sind alle Operationssäle und Funktionsbereiche der Charité zusammengefasst, die Betten stehen räumlich nahe - eine kostensparende Struktur, die eine sehr wirtschaftliche Betriebsführung erlaubt. Wird das Hochhaus geschlossen, so drohen Millionenverluste für die ganze Charité. Übrigens auch für das neue Vergütungssystem, die so genannten DRGs, ist die kompakte Organisation eine ideale Ausgangssituation .

10. Der Schaden für die Berliner Wissenschaft und die Glaubwürdigkeit der Politik: Am schlimmsten ist aber, dass die Glaubwürdigkeit der Berliner Politiker, die erst 1995 im Parlament einen Beschluss zur Sicherung der Charité mit großem Schwüren und großer Mehrheit verabschiedet hatten, in den nationalen und internationalen Wissenschaftskreisen und der allgemeinen Öffentlichkeit schwersten Schaden erleiden würde. Neue Berufungen werden schon jetzt immer schwieriger. Dies schadet nicht nur der Charité, sondern auch dem FU-Klinikum, dem Max-Delbrück-Zentrum, den Max-Planck-Instituten sowie den weiteren Wissenschaftsinstitutionen Berlins. Der Begriff Wissenschafts-Hauptstadt - ein von Politikern aller Fraktionen gern genutzter Begriff - würde endgültig zur Farce.

Die Zeiten sind schwierig, das Geld ist knapp, die politischen Möglichkeiten zur Änderung sind begrenzt - wir haben seit Jahren für all dies Verständnis. So wurden bereits enorme Sparleistungen erbracht: die Reduktion der Betten auf das geforderte Maß, Einsparung von Personal, Zusammenlegung von Kliniken und Instituten, Zusammenfassung der Verwaltung etc. Auch wurden viele Vorschläge zur Rationalisierung vorgelegt und umgesetzt: Dezentralisierung der Abteilungs-Organisation, innere Budgetierung etc. Auf der anderen Seite sind Gelder hereingeholt worden: Die Summe der eingeworbenen Drittmittel für die Forschung beträgt im Jahr 2000 fast 90 Millionen Mark(!), ca. 1500 neue Arbeitsplätz konnten so entstehen. Der Ansturm der Studenten auf Charité-Studienplätze ist stark, mehrere Weltneuheiten in der Behandlung von Patienten sind in der Charité eingeführt worden. Es wäre gelinde gesagt eine Katastrophe, wenn das zentrale Aushängeschild der Berliner Medizin- und Biowissenschaften mit exzellenten Leistungen in Forschung, Lehre und Krankenversorgung wegen der angespannten Haushaltslage geopfert werden würde.

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