Gesundheit : Clinton sah sie nur aus der Ferne

ERIK HEIER

Stormy Mildner ahnt, daß sie ein Problem haben wird.Die Mitarbeiterin aus dem Büro, die für die Besucher-Tour durch das Capitol zuständig ist, kommt nicht.Zwei Damen aus Michigan warten in der Vorhalle, mit vielen klugen Fragen zu Architektur und Geschichte des amerikanischen Parlamentsgebäudes.Stormy ist gerade mal zwei Tage in Washington DC, als deutsche Praktikantin des demokratischen Kongreßabgeordneten David E.Bonior.Die Führung fällt daher dürftig aus: hier ein Konferenzraum, da der Plenarsaal.

Vier Wochen lang arbeitete Stormy Mildner, 23jährige Nordamerikanistik-Studentin am John F.Kennedy-Institut der FU Berlin, im Büro des zweithöchsten Abgeordneten der Demokraten im Repräsentantenhaus.Ihrem Chef, David E.Bonior, obliegt als sogenanntem Minority Whip der Demokraten im Repräsentantenhaus die strategische Aufgabe, Mehrheiten für Gesetzesvorlagen seiner Partei zu organisieren.Kongreßabgeordnete kennen, ganz im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen, keinen Fraktionszwang.Um so besser dafür die Stimmungen der Wähler.

Dank E-Mails zum Beispiel.Boniors Büro bekommt 200 pro Tag, nicht wenige davon aus seinem Wahlkreis in Michigan.E-Mails zu sortieren, gehört zum Schicksal der Praktikanten - sofern welche da sind.Am ihrem ersten Arbeitstag findet Stormy 3000 Mails vor, aufgelaufen in der praktikantenlosen Zeit.Das Wählervolk beklagt Gesetzesentwürfe zur Besteuerung von E-Mails, verlangt die Legalisierung von Marihuana oder möchte auf zehn Seiten die Geschichte Rußlands erläutern, in einhundertfacher Ausführung.Stormy hat ein Jahr auf einer amerikanischen High-School verbracht.Die Kunst des Querlesens in Englisch ist hilfreich.

Stormy steuert auf einen Job bei der Welthandelsorganisation WTO hin, oder bei der EU.Erfahrungen mit dem amerikanischen System sind da unbezahlbar, das Praktikum selbst freilich unbezahlt.Das Führungszentrum der Weltmacht knausert.Nicht jedes Praktikum im politischen Washington endet mit einem Exklusiv-Buchvertrag.

Am Anfang stand eine Trockenübung.Im Mai vor einem Jahr machten Studenten für zwei Tage am John-F.-Kennedy-Institut ihr eigenes Repräsentantenhaus auf und spielten den Gesetzgebungsprozeß nach Art des Hauses durch.Stormy traf dabei Ed Bruley, Mitarbeiter von Bonior, der als Berater für "University goes Congress" nach Berlin kam: "Da habe ich ihn einfach gefragt".Ergebnis: zwei Praktika in den USA.

Im vergangenen Herbst begleitete Stormy Bonior während des Kongreß-Wahlkampfes.Vierzehn Tage lang tingelt der populäre Congressman mit Gemahlin bei sengender Hitze durch seinen Wahlkreis in St.Clair und Maccomb County, von Frühstück zu Grillfest.Bonior erklärt dem Bürger, wie er die Umwelt sauberhalten und das Bildungssystem verbessern will - und daß der republikanische Gegenkandidat, dessen überdimensionales Plakat-Konterfei an jeder Straßenecke lächelt, selten regelmäßig Steuern zahlt und sich kaum im Wahlkreis sehen läßt.Stormy marschierte von Tür zu Tür, verteilte Einladungen, erfragte Meinungen."Das kostete schon Überwindung", meint sie.Kein Wunder: Manch patziger politisch Anderswählender schickt statt eines freundlichen Grußes kurzerhand seinen unfreundlichen Kettenhund vor die Holzveranda.

Ein halbes Jahr später, im April nach Boniors erfolgreicher Wiederwahl, sitzt Stormy im Abgeordnetenbüro auf Capitol Hill und bastelt jeden Morgen erst einmal aus sieben nationale Zeitungen die Pressemappe zusammen.Nach einer Woche weiß sie, was alles nicht fehlen darf: aktuelle Themen wie der Bananenstreit zwischen der USA und der EU oder auch Berichte über die Auto- und Stahlhochburg Detroit, aus Boniors Nachbarwahlkreis.Und natürlich der Kosovo-Krieg: Nach den ersten Bomben verschwindet Monica Lewinski aus den Schlagzeilen."Für die Bevölkerung waren die Angriffe wie ein Schock", sagt Stormy."Die waren doch auch so etwas gar nicht vorbereitet".Auch im Büro wird hitzig debattiert.Vietnam ist immer noch ganz nah, das Kosovo dagegen weit weg.David Bonior hatte auf die Zustimmung des Kongreß zu Luftschlägen gedrängt.Die Vertreibungen der Kosovo-Albaner durch die Serben könne doch nicht hingenommen werden.Stormy trifft den bärtigen Whip kaum, er eilt von Meeting zu Meeting.Bill Clinton sieht sie nur einmal, aus weiter Ferne.

Wenn Stormy nicht gerade kniehohe Zeitungsstapel archiviert, auf Botengängen im verzweigten Tunnelsystem unter Capitol Hill ihren Orientierungssinn herausfordert oder Wähleranfragen zu Boniors Ansichten über Rentenversicherung, Abtreibung und Irak-Sanktionen beantwortet, arbeitet sie an ihrem eigenen Forschungsprojekt.Im Auftrag ihres Chefs recherchiert sie über Kirchenbrandstiftung in den gesamten USA.Am Ende setzt sie im Auftrag des Congressman Bonior einen Brief an Justizministerin Janet Reno auf.Das Hilfsprogramm für Kirchen afroamerikanischer Gemeinden, fordert sie, müsse auch auf anderere religiöse Minderheiten ausgedehnt werden, beispielsweise zum Schutz von Moscheen und Synagogen.Frau Reno arbeitet noch an einer Antwort.

Nach abendlichen Arbeitsschluß kommt die Erschöpfung.Kurzzeitig.Dann aber folgen die kostenlosen Museemsbesuche und schließlich die Parties.

Im "Smithsonian Museum" läuft Stormy unverhofft den beiden Capitol-interessierten Damen über den Weg.Adressenaustausch und Einladung nach Michigan folgen.Stormy revanchiert sich mit einer kompetenten Spontanführung durch die amerikanische Hauptstadt: "Da kenne ich mich wenigstens aus".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben