Gesundheit : Das Anti-Drogenprojekt Gut Schmerwitz ist in Schwierigkeiten

Alexander Pajevic

Die als Selbsthilfe organisierte Suchthilfe Synanon hat sich mit ihrem ehrgeizigen Projekt, auf dem Gut Schmerwitz im Landkreis Potsdam-Mittelmark ein Dorf mit eigener Landwirtschaft aufzubauen, offenbar finanziell übernommen. "Man hat das zu enthusiastisch gesehen", sagt Ulrich Letzsch, Assistent der Geschäftsführung.

Nach der Wende habe es einen großen Ansturm von Süchtigen auf die Berliner Einrichtungen gegeben, so dass man nach neuen Möglichkeiten suchen musste. 1991 kaufte die 1971 in West-Berlin gegründete gemeinnützige Stiftung, die bereits mehrere Zweckbetriebe unterhält, mit Hilfe der brandenburgischen Landesregierung von der Treuhand das ehemalige Volkseigene Gut. Auf 1300 Hektar wird seitdem biologische Landwirtschaft nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes betrieben; damit ist Gut Schmerwitz der größte Demeter-Betrieb Deutschlands.

Neben der Landwirtschaft, deren Produkte auch auf Berliner Wochenmärkten vertrieben werden, existieren noch eine Schlosserei, eine Töpferei und eine Tischlerei. Mit mehr als 30 Angestellten sollten für bis zu 500 Drogenabhängigen - intern "Synanisten" genannt - hier wieder eine neue Lebensperspektive geschaffen werden. Dazu wurden in dem aufwendig neu aufgebauten Dorf eine eigene Infrastruktur geschaffen, die neben der medizinischen Versorgung auch die Betreuung für Kinder suchtkranker Eltern beinhaltet.

Ursprünglich, so Letzsch, hatte man gehofft, dass der Betrieb sich selbst tragen und schon 1998 schwarze Zahlen erwirtschaften würde. Derzeit ist jedoch für das Jahr 2000 mit einem Defizit von bis zu einer Million Mark zu rechnen, das durch Ersparnisse von Synanon aufgefangen werden muss. Ein Sanierungskonzept wurde bereits erarbeitet. Als erster Schritt wurden die Neuaufnahmen gestoppt; Süchtige werden stattdessen an Synanon-Berlin oder andere befreundete Einrichtungen verwiesen. Derzeit leben nur noch 110 Synanisten auf Gut Schmerwitz. Weitere Maßnahmen sind der Verkauf oder Vermietung von Immobilien, die Landwirtschaft wird durch Flächenstilllegung - und Verkauf verkleinert, auch Entlassungen mussten vorgenommen werden. "Uns blieb keine andere Möglichkeit", so Letzsch.

"Landwirtschaft ist nur ein Punkt von Schmerwitz", gab er jedoch zu bedenken. Letztlich handele es sich dabei ja um Suchthilfe, an die man nicht die gleichen Maßstäbe wie an einen nur auf Wirtschaftlichkeit orientieren Betrieb anlegen könne. Teil der Aufgabe sei auch etwa die "Entgiftung" von Abhängigen, die eine Betreuung rund um die Uhr erfordere. Die Leistung eines Synanisten ein Jahr nach Beginn seines Entzuges betrage lediglich etwa ein halbes Prozent dessen, was eine ausgebildete Fachkraft in der Landwirtschaft erbringe, so Letzsch und er fügt hinzu: "Wir haben über neun Jahre die Suchthilfe für Brandenburg abgedeckt." Peter Elsing, Vorsitzender des Stiftungsvorstandes zeigt sich jedoch optimistisch. "Wir werden das schon irgendwie hinkriegen", sagte er. Synanon hofft jetzt auf Zuschüsse der öffentlichen Hand.

Derzeit finanziert sich Gut Schmerwitz durch den Erlös seiner Produkte sowie aus den Zuschüssen der Sozial- und Jugendhilfe für die Bewohner. Der Landkreis - aus dessen Töpfen diese Mittel kommen - ist dem Projekt zwar wohlgesonnen, sieht sich jedoch schon jetzt finanziell überfordert. Laut Günther Baaske, Sozialdezernent von Potsdam-Mittelmark, fließen derzeit schon etwa eine Million Mark an Mitteln des Kreises nach Schmerwitz, die man beim Land als Sonderbelastung laut Gemeindefinanzierungsgesetz geltend gemacht habe. Er spricht jedoch auch von einer "einzigartigen Einrichtung", die sich von den sonstigen "08/15"-Therapien des Landes abhebe.

Auch die Landesdrogenbeauftragte Ines Kluge betont die Bedeutung von Synanon für Brandenburg; die sofortige Hilfe und Therapie seien etwas Besonderes. So sei dem Land auch daran gelegen, das Gut zu erhalten. "Wir sind daran, eine Lösung zu finden", sagte sie. Doch da nach Schmerwitz Süchtige aus ganz Deutschland kommen, sieht Sozialdezernent Baaske nicht nur Brandenburg, sondern auch den Bund in der Verantwortung. "Wir können hier nicht die Drogenhilfe für die Süchtigen aus Bayern oder Hamburg machen", sagt er. "Aber ohne zusätzliche Mittel wird es nicht gehen. Suchthilfe kostet nun einmal Geld und da ist Selbsthilfe immer noch der billigste Weg".

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