Gesundheit : „Das berührt die türkische Identität“

Der Historiker Christoph Neumann über die Armenier-Frage

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Es gibt kaum ein Thema, das die türkische Regierung und Öffentlichkeit so in Rage bringt wie die ArmenierFrage. Dabei fanden die Massaker zu einer Zeit statt, in der es die moderne Türkei noch gar nicht gab. Warum die Aufregung?

Weil die Angelegenheit eine Frage der türkischen Identität geworden ist. Das Osmanische Reich wird in der Türkei als Teil der eigenen Geschichte, als Teil des türkischen Nationalismus aufgefasst. Und das hat aus türkischer Sicht die Folge, dass die Vorwürfe die türkische Nation als historisch saubere Nation betreffen. Fragen nach der Rolle des osmanischen Staates im Gegensatz zu Einzelpersonen bei den Ereignissen sind heikel, denn Vorwürfe gegen den Staat werden hier zu Lande besonders übel genommen.

Die türkische Regierung steht auf dem Standpunkt, dass es sich bei den damaligen Vertreibungen um eine kriegsbedingte Tragödie handelte, bei der zwar viele Menschen ums Leben kamen, bei der aber keine Absicht eines Völkermordes bestand. Armenien spricht von einem Genozid. Beide Seiten sagen, sie könnten ihre jeweilige Position mit Dokumenten untermauern. Warum diese unüberbrückbaren Gegensätze?

Der türkische Nationalismus kollidiert hier mit dem armenischen Gründungsmythos. Es fällt auf, dass beide Seiten in diesem Streit kaum historisch interessiert sind. Sie wollen nicht fragen, sondern beweisen. Jeder trauert nur um seine eigenen Opfer, die historische Wahrheit wird zur Handelsware – auf beiden Seiten.

Lässt sich denn 90 Jahre nach den Ereignissen sagen, was wirklich geschah?

Es gibt noch viele offene Fragen, aber die internationale Forschung ist sich einig, dass die damalige Regierung des Osmanischen Reiches eine systematische Entfernung der Armenier aus Anatolien beabsichtigte. Die Regierung sah dies nicht als vorübergehende Vertreibung der Armenier, sondern als dauerhafte Veränderung Kleinasiens und sie nahm dabei den Tod von hunderttausenden von Menschen zumindest billigend in Kauf.

Das deutsche Kaiserreich war im Ersten Weltkrieg eng mit den Osmanen verbündet. Welche Rolle spielten die Deutschen bei den damaligen Ereignissen?

Es waren damals deutsche Militärs, deutsche Diplomaten und deutsche Geschäftsleute im Land, denken Sie etwa an die Bagdad-Bahn. Die Geschäftsleute taten viel, um Armenier zu retten. Dagegen drückten Teile der deutschen Militärs entweder beide Augen zu oder nahmen die Vertreibungen sogar als militärisch notwendig hin. Die deutsche Diplomatie war in einer merkwürdigen Zwischenposition: Trotz vieler Erkenntnisse der deutschen Vertreter vor Ort tat das damalige Auswärtige Amt nicht sehr viel, es gab höchstens hin und wieder matte Einwände.

Bis heute ist die Armenier-Frage in der Türkei ein Tabu. Orhan Pamuk wurde als „Verräter“ beschimpft, als er vor kurzem sagte, damals seien eine Million Armenier ermordet worden. Wieso kommt in der Türkei keine freimütige Debatte in Gang?

Es gibt schon Leute, die finden, dass man darüber reden müsste, aber keiner weiß wie. Selbst die muslimischen Opfer armenischer Guerrillas, die es damals gegeben hat, werden nur als Alibi verwendet, sie werden nicht als Opfer ernst genommen. In der Türkei gibt es keinen Alexander Mitscherlich, der zur Trauerarbeit angestoßen hätte. Orhan Pamuk wollte mit seiner Äußerung einen Stein ins Wasser werfen, er wollte eine Diskussion anregen, es ist traurig, dass er es nicht geschafft hat.

Wie kann es weitergehen? Worin könnte eine Lösung bestehen?

Alleine werden Türken und Armenier es nicht schaffen. Es ist vorstellbar, dass internationale Organisationen Versöhnungswerke gründen. Auch Netzwerke zwischen verschiedenen Universitäten sind denkbar. Historiker können viel tun, aber es ist auch ein sozialpsychologisches und ein pädagogisches Problem. Vielleicht kann man ja lernen, besser darüber zu reden oder zu trauern.

Das Gespräch führte Thomas Seibert.

Christoph Neumann (Jahrgang 1962) lehrt osmanische Geschichte an der privaten Bilgi-Universität in Istanbul und hat Orhan Pamuks Roman „Schnee“ aus dem Türkischen übersetzt.

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