Gesundheit : Das eingebildete Risiko

Früher Tod durch Feinstaub oder Lärm? Verlässliche Daten fehlen, sagen Forscher

Adelheid Müller-Lissner

Kein Zweifel: Wir sind heute materiell wie medizinisch wesentlich besser versorgt als alle unsere Vorfahren und wir leben länger als sie. Neun von zehn Deutschen wurden laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2004 über 65 Jahre alt.

Wir haben uns aber längst daran gewöhnt, dass auch Hiobsbotschaften im Zahlengewand daherkommen: Alle zehn Sekunden stirbt auf der Welt ein Mensch an den Folgen des Tabakkonsums, gibt die WHO bekannt. 400 Menschen fallen jedes Jahr in Deutschland dem Lungenkrebs zum Opfer, weil sie Passivraucher waren, hört man vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Wer in seiner Wohnumgebung chronisch mehr als 65 Dezibel ausgesetzt ist, fällt aufgrund des Lärmstresses leichter einem Herzinfarkt zum Opfer als die Anwohner ruhiger Straßenzüge, wie Charité-Sozialmediziner kürzlich ermittelten.

Die Gefahrenquelle, die im Jahr 2005 auffallend zeitgleich mit den Veränderungen der EU-Grenzwerte neu in die Liste aufgenommen wurde, heißt Feinstaub. Das Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) rechnet hoch, dass eine zusätzliche Feinstaubkonzentration von zehn Mikrometer pro Kubikmeter unserer Atemluft die Gesamtsterblichkeit um sechs Prozent erhöht. Durch langfristige Schwebstaubbelastung wird die Lebenserwartung um bis zu zwei Jahre sinken, so schätzen die Experten.

Doch wie kommen ihre Zahlen zustande? Feinstaub, Schadstoffe vom Bau, Tabakrauch, Lärm oder auch der Anteil an Radioaktivität in höheren Luftschichten der nördlichen Hemisphäre, der noch Jahrzehnte von Tschernobyl bleiben wird: Das alles sind Bestandteile unserer Lebenswelt, mit denen wir rechnen müssen – deren Anteil an unseren Krankheiten und der Verringerung der Lebensspanne sich andererseits sehr schwer errechnen lässt.

„Wir führen nur Indizienprozesse mit einem beträchtlichen Irrtumsrisiko“, sagt der Statistik-Professor und Epidemiologie-Experte Karl Wegscheider von der Universität Hamburg. Zwar wurden die Methoden der bevölkerungsbezogenen Erforschung von Gesundheitsrisiken (siehe Infokasten) in den letzten Jahrzehnten entscheidend verfeinert. Einige Fallstricke, die es etwa beim Test eines neuen Arzneimittels so nicht gibt, lassen sich in der Epidemiologie aber beim besten Willen nicht beseitigen.

Beispiel Lärm: Um herauszufinden, ob ein hoher Geräuschpegel im Wohnumfeld herzkrank macht, wird man darauf achten, dass sich andere Unterschiede zwischen den Bewohnern ruhiger und lauter Straßenzüge, etwa Alter und sozialer Status, nicht störend dazwischen schieben. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass Menschen, die bewusst in einen betriebsamen Innenstadt-Kiez ziehen, auch sonst „ungesünder“ leben – und deshalb mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Infarkt bekommen. Oder dass es in einer lauten Gegend auch dreckiger ist – die Wirkung von Dezibel und Feinstaub also zusammenkommen.

Studien, die die Wirkung von Lifestyle-Faktoren messen, leiden sozusagen selbst unter Verunreinigung. Man kann sie nicht so sauber anlegen wie eine Untersuchung, in der sich beispielsweise zwei Gruppen von Patienten dadurch unterscheiden, dass sie die echte Pille bekommen oder ein Scheinpräparat. „Wir können nie sicher sein, dass wir alle ‚Confounder’ ausreichend kontrolliert haben, wir müssen damit leben, dass bestimmte Variable nicht messbar sind“, sagt Wegscheider, der an der Lärm-Studie der Charité-Sozialmediziner beteiligt war.

Den veröffentlichten Zahlen merkt der Laie das nicht an. Der Psychologe Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, spricht angesichts des Eindrucks, den auf zwei Stellen hinter dem Komma genaue Prozentzahlen beim modernen Medienkonsumenten auslösen, von der „Illusion der Gewissheit“. Wir haben nicht gelernt, ihnen mit gebührender Skepsis zu begegnen. „Im Unterschied zu Geschichten, Klatsch, Tratsch und Mythen, die unser Denken seit dem Beginn menschlicher Kultur geformt haben, sind öffentliche Statistiken eine sehr junge kulturelle Errungenschaft“, begründet das Gigerenzer. Im Umgang mit ihnen wird das Rüstzeug hinderlich, das einst dem Überleben unserer Vorfahren diente. „Aufnahmebereitschaft für Horrormeldungen“, so nennt Statistik-Experte Wegscheider unser evolutionäres Erbe ganz nüchtern.

Griffige Formulierungen wie etwa die von den „Klimatoten“ tun ein Übriges. „Wir Menschen fürchten im Allgemeinen Gefahren, die neu und unbekannt sind“, sagt Gigerenzer. Feinstaub, den man erst seit kurzem messen kann, wirkt demnach bedrohlicher als die Zigarette, die in neun von zehn Fällen die Ursache für Lungenkrebs bildet. So zucken wir auch zusammen, wenn wir lesen, der Hitzesommer 2003 habe in Europa 20 000 Todesopfer gefordert. Dass hier nicht Gesunde plötzlich starben, sondern das fragile Leben kranker Hochbetagter aufgrund unzureichender Pflege um Monate oder Wochen verkürzt wurde – solche feinen Unterschiede gehen angesichts der großen Zahlen unter.

Mediziner versuchen ihnen aber zunehmend Rechnung zu tragen, indem sie, statt von zusätzlichen Todesfällen zu sprechen, präziser auf verlorene Lebensjahre hochrechnen. Etwa bei Tabakkonsum: Wer dreißig Jahre lang täglich ein bis zwei Packungen Zigaretten raucht, hat einen durchschnittlichen Verlust von sechs Lebensjahren zu erwarten. Das weiß man inzwischen ziemlich genau.

Über das Schicksal jedes Einzelnen von uns sagt es aber nichts. Auch wenn gewiss ist, dass radioaktive Strahlung oder bestimmte Baumaterialien krebserregend sind, kann man die konkrete Krebserkrankung nicht sicher auf eine bestimmte Ursache wie das Reaktorunglück von Tschernobyl oder den Aufenthalt in einem asbestverseuchten Gebäude zurückführen.

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