Gesundheit : Das Eis ist gebrochen

Während die Arktis schneller schmilzt als erwartet, verbünden sich Briten und Deutsche beim internationalen Klimaschutz

Thomas de Padova

Die Umweltgeschichte Großbritanniens hat so viele dunkle Kapitel wie die anderer europäischer Staaten. Im 18.Jahrhundert zum Beispiel wurde die englische Flotte auf 1000 Kriegs- und 10000 Handelsschiffe aufgerüstet – auf Kosten riesiger Waldgebiete. Für den Bau jedes einzelnen Kriegsschiffes fällte man damals mehr als 3500 alte Eichen.

In heutiger Zeit sticht zwar immer noch eine britische Kriegsflotte an der Seite der US-Armada in See. Andererseits jedoch macht sich Premierminister Tony Blair für den Schutz des Klimas stark. Aus durchaus eigennützigen Gründen, wie bei der deutsch-britischen Klimakonferenz in Berlin vergangene Woche deutlich wurde.

„Atlantik und Ärmelkanal greifen die britische Küste in nie gekanntem Ausmaß an“, sagte Bundesumweltminister Jürgen Trittin. Die Küstenstadt Lyme, sei akut bedroht, von Kent bis Dorset, von Gwynedd bis Essex und Hull kämpften die Briten bereits gegen die Folgen des allmählichen Klimawandels. Und der Meeresspiegel wird den Vorhersagen der Forscher zufolge weiter steigen: um 35 bis 85 Zentimeter in den kommenden 100 Jahren. Dazu trägt neben der größeren Ausdehnung des erwärmten Wassers auch das Abschmelzen der Gletscher bei, vor allem in Grönland.

In einer neuen Klimabilanz für die Arktis, die Anfang dieser Woche in Reykjavik in Island vorgestellt werden soll, kommen Forscher zu dem Ergebnis, dass sich die Arktis in den zurückliegenden Jahrzehnten mehr als doppelt so stark erwärmt hat wie die mittleren Breiten. Während die globale Mitteltemperatur in den vergangenen 50 Jahren um 0,4 Grad Celsius gestiegen ist, sind es in der Arktis 1,1 Grad, wie Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung erläutert.

„Die Schmelzzonen in der Arktis haben sich seit 1995 kontinuierlich ausgedehnt“, sagt Lemke. Diese Entwicklung verstärkt sich teilweise von selbst. „Positive Rückkopplung“ nennen das die Forscher. Denn wenn die Sonnenstrahlung auf helles Eis trifft, werden 90 Prozent davon zurückgeworfen und nur zehn Prozent absorbiert. Ist das Eis dagegen erst einmal weg, fällt das Sonnenlicht auf das viel dunklere Meerwasser, das nun fast sämtliche Strahlung aufnimmt und sich so noch weiter aufwärmt. Und steigt.

Die Briten verfolgen den langsamen Anstieg des Meeresspiegels mit Sorge. Und auch den des Ölpreises. Ihnen geht es noch stärker als den Deutschen um ihre Unabhängigkeit. Die eigenen Ölvorräte in der Nordsee sind allerdings in den vergangenen Jahren noch schneller geschrumpft als die etlicher anderer Staaten. Denn während im ölreichen Mittleren Osten die Ölhähne weiterhin nur halb geöffnet sind, haben die Briten wie auch die USA gefördert, was der Boden hergab.

Die Lage auf dem Ölmarkt spitzt sich weiter zu: Schon um das Jahr 2009 würde die Hälfte des Welt-Erdöls aus dem Mittleren Osten kommen, schätzt Sir David King, Wissenschaftsberater der britischen Regierung. Deshalb sei es längst an der Zeit, nach Alternativen zum Erdöl als Energiequelle zu suchen.

Beide Länder wollen sich dabei künftig öfter über die Schulter schauen und Städtepartnerschaften zum Klimaschutz etwa zwischen London und Berlin knüpfen. „Die Briten haben zum Beispiel keine Einspeisevergütung für Windenergie wie die Deutschen“, sagte Hans-Joachim Schellnhuber, der als Wissenschaftler derzeit sowohl das britische Tyndall Centre als auch das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung leitet. „Man muss sich die Praktiken des jeweils Anderen genau anschauen, um das Bestmögliche zu erreichen.“

Nun sollen Empfehlungen für den britischen Vorsitz der führenden Industrienationen (G8) im kommenden Jahr ausgearbeitet werden. Tony Blair möchte den Klimaschutz zu einem zentralen Thema machen, nachdem auch Russlands Präsident Putin das Klimaschutzprotokoll von Kyoto am vergangenen Freitag unterzeichnet hat und das Abkommen endlich in Kraft treten kann. Die Bush-Regierung dagegen hat sich von den 1997 in Kyoto vereinbarten Zielen wieder distanziert und das Abkommen bisher nicht ratifiziert.

Den Briten kommt in Zukunft eine besondere Vermittlerrolle zu, die USA von der Notwendigkeit der Verminderung ihres Kohlendioxidausstoßes zu überzeugen. Dieser macht immerhin ein Viertel der gesamten weltweiten Emissionen aus. Einige amerikanische Bundesstaaten haben unterdessen eigene Klimaschutzziele festgelegt. So sollen etwa in Kalifornien neu zugelassene Fahrzeuge in gut zehn Jahren 30 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen als heute.

Bei den Pkw liegt der mittlere Benzinverbrauch in den USA derzeit bei 10,7 Litern, die beliebten Kleinlaster verfeuern auf 100 Kilometern durchschnittlich sogar 13,3 Liter. Entsprechend viel trägt der Verkehr zu den Emissionen bei. Fast 30 Prozent des Energieverbrauchs gehen zu Lasten des Verkehrs.

Robert Jackson und William Schlesinger von der Duke-Universität im amerikanischen Durham haben soeben in den „Proceedings“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften vorgerechnet, dass sich gerade hier mit heutigen technischen Mitteln sehr viel erreichen ließe: Eine Halbierung des Kraftstoffverbrauchs würde zu einer Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen der USA um zehn Prozent führen. Jackson und Schlesinger heben besonders die Rolle von Hybridautos hervor. Bei ihnen wird der Antrieb je nach Fahrsituation geschickt zwischen einem Benzin- und einem Elektromotor aufgeteilt.

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