Gesundheit : Das Semester beginnt: Neukölln ist kein Schimpfwort

Constantin Trettler

Neuberliner stehen vor der Qual der Wahl: Mitte ist chic, doch Friedrichshain ist jünger. Kreuzberg ist legendär, doch Tiergarten ist billiger. Soll ich also nach Prenzlauer Berg ziehen? Falsch! Bevor man hinaus auf Wohnungssuche geht, sollte man in sich gehen und die Frage klären: Welcher Wohntyp bin ich?

Wohntyp I: "Ich will mitten im Zentrum wohnen." Aber wo ist in Berlin die Mitte? Für viele West-Berliner ist immer noch die Gegend rund Zoo und Kurfürstendamm das Zentrum. Doch gelten solche Vorstellungen zunehmend als überholt: Also ist "Mitte" die Mitte. Namen lügen nicht - oder doch? Der geografische Mittelpunkt Berlins liegt nämlich in Kreuzberg, in Höhe der Alexandrinenstraße 15. Die Nähe zur Uni scheint jedoch vielen Studenten wichtiger. Für HU-Studenten liegt Mitte natürlich auf der Hand. Zur Freien Universität ist es von hieraus allerdings kein Katzensprung. Eine Wohnung in der Nähe der U-Bahnlinie 1 kann hilfreich sein. Wer aber an der Warschauer Straße einsteigt, fährt 40 Minuten bis zum Thielplatz.

Wohntyp II: "Ich will das ganze Nachtleben vor der Tür haben." Das geht schon mal gar nicht, weil sich die Berliner Ausgeh-Infrastruktur über sämtliche Innenstadt-Bezirke erstreckt. In Mitte sind die Bars rund um den Hackeschen Markt chic - doch wer seinen Cocktail nicht mit Guido Westerwelle schlürfen will, für den lohnt sich eine Exkursion in eine der unprominenteren Seitenstraßen, wo sich auch die zahlreichen Clubs verstecken. In Richtung Prenzlauer Berg sind Kastanien- und Schönhauser Allee empfehlenswert.

Oder gleich nach Friedrichshain. Besonders beliebt ist dort die Gegend um die Simon-Dach-Straße, die mit einer hohen Dichte an Bars und Kneipen aufwarten kann. Von hieraus ist es nicht mehr weit bis nach Kreuzberg - die U-Bahn (Linie 12) fährt am Wochenende die ganze Nacht durch alle 15 Minuten. Und lädt zu einer Erkundung von Oranien- und Wiener Straße ein. Aber auch weiter westlich wohnen Nachtmenschen glücklich: Schönebergs schönste Ecken reichen vom Kleistpark bis zum Nollendorfplatz.

Im verschlafenen Zehlendorf fühlt sich Wohntyp III wohl: "Ich brauche viel Ruhe und viel Grün." Der städtische Winter ist nicht sehr idyllisch, für Studenten aus ländlichen Gegenden mitunter sogar enttäuschend schmutzig und düster. Die Außenbezirke sind eine Alternative. Hier kann man sich in der Natur erholen, etwa in Zehlendorf. FU-Studenten können so mit dem Fahrrad zur Uni fahren. Allerdings sind Zehlendorfer Mieten fast die teuersten. Kleiner Trost für Stadtmenschen: Auch die Stadtparks können helfen. Oder man macht mal einen richtigen Ausflug ins Umland, um sich vom Lernen abzuhalten. Das ist nicht kostspielig und deshalb auch für den nächsten Kandidaten akzeptabel

Wohntyp IV: "Ich möchte billig wohnen." Das geht in Berlin immer noch vergleichsweise einfach. So lässt sich bereits sparen, wenn man nur zehn Minuten länger zu den Hauptausgeh-, Einkaufs- oder Erholungsgebieten braucht. Schon der Bezirksname macht Wohnungen billiger: Neukölln ist kein Schimpfwort. Erstaunlich, dass die Mieten etwa zwischen Landwehrkanal und Kottbusser Damm erheblich billiger sind, als auf der anderen Uferseite in Kreuzberg.

Auch in Moabit, dem nordöstlichen Tiergarten gibt es wahre Schnäppchen. Eine besonders ausgeprägte Kneipenszene sucht man hier zwar vergebens. In der Gegend um die Stephanstraße gibt es jedoch genügend günstigen Wohnraum, oft mit Ofenheizung. In Friedrichshain sind alte Wohnungen aber nicht zu empfehlen, denn was jetzt noch nicht saniert ist, ist demnächst dran. Bis dahin reagieren die Hausverwaltungen oft nicht auf Beschwerden. Selbst dann nicht, wenn die Wohnung dank Rohrbruch unter Wasser steht. Und wer will schon mit nassen Füßen in die Uni? Ein kühler Kopf ist besser - der in Selbstfindung gefestigte Wohntyp wird ihn nicht mehr verlieren.

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