Gesundheit : Das Studienfach können sie nicht frei wählen

Melanie Krebs[Selma Nalbantoglu]

Kritische Studenten sind unerwünscht - Schlechte Bibliotheken und herzliche ProfessorenMelanie Krebs, Selma Nalbantoglu

"Burasi Istanbul ..., das ist Istanbul." Diese Feststellung kann ein Jubelruf oder ein Stoßseufzer sein. Je nachdem, ob man gerade von der asiatischen Seite des Bosporus den Sonnenuntergang hinter den osmanischen Moscheen genießt oder auf der europäischen Seite im überfüllten Autobus sitzt, der sich durch den Feierabendverkehr quält. Je nachdem, ob man in einem Teegarten die Zeitung liest, oder ob man sich nach einem neuerlichen Gang zur Univerwaltung in der Uni-Mensa trifft, um sich über die nicht enden wollenden Probleme auszutauschen.

Ein Jahr als Gaststudentinnen an zwei der großen bekannten, staatlichen Istanbuler Universitäten liegt hinter uns. Die eine verbrachte es selbstfinanziert an der Istanbul Üniversitesi (IÜ), im Fachbereich Türkische Literatur, die andere mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Architekturfakultät der Istanbul Teknik Üniversitesi (ITÜ).

Wir vermuten, dass wir die ersten Ausländerinnen in der Geschichte des türkischen Hochschulwesens sind, die versucht haben, als Gaststudentinnen immatrikuliert zu werden. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass noch nach vier Monaten Bearbeitungszeit keine von uns einen Studentenausweis hatte. Vor allem an der Istanbul Universitesi war das eine unhaltbare Situation, da der Zugang zur Uni eigentlich nur mit Studentenausweis möglich ist.

Die bürokratische Schwerfälligkeit wurde aufgewogen von der Freundlichkeit der Professorinnen und Professoren den deutschen Gästen gegenüber, die sie mit Tipps und mit Büchern aus den privaten Regalen versorgten - die Bibliotheken sind schlecht. Die Kontaktaufnahme mit den Kommilitonen verlief dagegen sehr viel schleppender. Erst während des zweiten gemeinsam besuchten Seminars waren sie so weit aufgetaut, dass man vor oder nach der Veranstaltung noch ein privates Wort wechselte.

Die türkischen Studenten sind deutlich jünger als die deutschen. Das Studienfach können sie nicht frei wählen. In der Regel beginnen sie die vierjährige universitäre Ausbildung nach der elften, seltener nach der zwölften Klasse und nach dem obligatorischen zentralen Universitätszugangstest, dessen Ergebnis Schlüssel zu Studienfach und -ort ist - in einem Alter also, da das aktuelle Kinoprogramm oder der neueste Lover der besten Freundin interessanter sind als Verbformen, Osmanischunterricht, Tragwerkslehre oder zeitgenössische türkische Architektur. Weitere Gründe für die Reserviertheit sind sicher außerdem, dass man sich auch unter Studenten erst lange Zeit siezt, aber auch, dass türkische Studenten nicht unbedingt sofort nachvollziehen können, wie man ein selbstgewähltes Thema eigenständig zum Abschluss bringen kann.

In den türkischen Unis diktieren die Dozenten, oder sie schreiben den Unterrichtsstoff an die Tafel, der dann von den Studenten auswendig gelernt und am Ende des Semesters in Multiple-choice-Tests reproduziert wird. Das Lehrer- Schülerverhältnis allgemein ist viel hierarchischer als in Deutschland, im Grunde gibt es gar nichts, was zwischen beiden Gruppen zu besprechen wäre. Es ist auf jeden Fall ratsam, sich für das Jahr ein eigenes Programm zu entwerfen, sei es die Vorbereitung einer Abschlussarbeit oder das Absolvieren eines Praktikums. Sonst stellt man sich bald die Frage, was man hier eigentlich macht.

Kritik, sei es am Unterricht oder, noch schlimmer, an der allgemeinen Situation in der Türkei, ist etwas, was eigentlich nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wird. So hängen zwar in der Caféteria der Architekturfakultät Poster von Che Guevara, Plakate der sozialistischen Partei und Protestschriften gegen YÖK, den allseits verhassten Rat für höhere Ausbildung, der die Hochschulen kontrolliert. Doch bleiben sie dort wohl eher zur Dekoration hängen, denn als Ausdruck politischer Gesinnung. An der IÜ dagegen werden solche Bekenntnisse schnellstens beseitigt, und es kommt regelmäßig zu Auseinandersetzungen, die leicht gewalttätig werden können. Am Anfang des Studienjahres wurden oft genug Studentinnen mit Kopftuch gewaltsam entfernt und später gar nicht mehr hinein gelassen.

Wie für alle anderen der gut zehn Millionen Istanbuler stellte sich natürlich auch für uns die Wohnungsfrage, die sich auf unterschiedlichste Weise lösen läßt. Es gibt Studentenwohnheime, die aber in der Regel nur Mehrbettzimmer bieten, was zweifellos die billigste Unterkunft ist. Wer lieber ein eigenes Zimmer haben möchte, sollte sich auf eine längere Suche einstellen. Wenn man nicht bereit ist, Anfahrtswege von mehr als einer Stunde in Kauf zu nehmen, ist es kaum billiger als in Deutschland.

Es gibt unendlich viele Istanbuls und doch nur eins. Weit scheint Sultanate, das historische, heute touristische Istanbul von dem des Akmerkez oder der Bagdat Caddesi entfernt, wo sich die Oberschichtsgattinnen mit der Kreditkarte ihres Mannes den Tag vertreiben. Eine Fahrt durch Istanbul ist nicht nur eine Reise durch die Geschichte, sondern stets auch quer durch die türkische Gesellschaft: Straßenkinder, Kinder in Schuluniform, Frauen mit Kopftuch und welche mit Minirock, Menschen mit Aktenkoffern und - alle mit Handy ... Auch die Wahl des Verkehrsmittels mag ein Gradmesser sein: Autobus, Minibus, Taxi, Auto, Auto mit Chauffeur.

Nur ein typisches Auslandssemester zur Erweiterung des Erfahrungshorizonts ist das Leben in Istanbul nicht. Zu oft ist es körperlich anstrengend, ermüdend, frustrierend, doch auch facettenreicher als in Deutschland. Ist man beispielsweise gerade nach Atem ringend eine bis zum Bersten mit Autos verstopfte Straße hinaufgelaufen und meint gleich an Kohlenmonoxidvergiftung zu sterben, kommt man schon wieder mit einem Menschen ins Gespräch, der sich interessiert, aufgeschlossen, höflich, großzügig gibt, so dass der gemeine Alltag hinter einem bleibt und "burasi Istanbul" damit letztlich doch wieder zum Jubelruf wird!

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