Gesundheit : Das Vorbild der „Weißen Rose“

Hildegard Hamm-Brücher begrüßt die Erstsemester an der Freien Uni

Tilmann Warnecke

Ein gutes Bildungssystem gleicht der gelungenen Förderung des Sports: Nur wo es genügend Breitensportler gibt, können Spitzenkräfte Olympiasiege erringen. Mit diesem Vergleich erklärte Hildegard Hamm- Brücher ihren Zuhörern im Audimax der Freien Universität Berlin, wofür Studenten und Lehrende heutzutage kämpfen sollten: dafür, dass Chancengleichheit und Exzellenz zugleich kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Beides zusammen erst verleiht einem demokratischen Bildungssystem das Gütesiegel, sagte die 83jährige Liberale, die 2002 nach 54 Jahren aus der FDP austrat. Die Partei hatte sich aus ihrer Sicht nicht deutlich genug von anti-israelischen Positionen Jürgen Möllemanns distanziert.

Einige hundert Erstsemester, aber auch Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker, kamen gestern zur Immatrikulationsfeier nach Dahlem, um zu hören, was die Politikerin zur Hochschuldebatte beizusteuern hat. Mit Universitäten kennt sich Hamm-Brücher gut aus: Als ehemalige Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium hat sie die Bildungspolitik der Bundesrepublik von Anfang an geprägt.

„Zum Studienbeginn gibt es zwar keine Schultüte mehr, aber dies soll trotzdem ein besonderer Tag sein, an dem ein neuer Lebensabschnitt für Sie beginnt“, sagte Hamm-Brücher zu den Uni-Neulingen. Sie selbst studierte während des Zweiten Weltkriegs Chemie an der Universität München und erlebte, wie die Mitglieder der Weißen Rose gegen die Nationalsozialisten Widerstand leisteten. Deren Handeln müsse auch heute noch als „geistig-politisches Vermächtnis an den Universitäten fortwirken“. Die Eliten einer Gesellschaft entstünden für sie deswegen „durch außergewöhnliche Leistungen, menschliche Vorbildhaftigkeit und lebenslange Bewährung“.

Keine Angst vor der Elite

Davon sei in der Diskussion um Elite-Universitäten jedoch wenig zu hören. An die Adresse der „lieben Hochschullehrer“ richtete sie deswegen den Hinweis, dass Eliten „weder durch privilegierte Studiengänge oder Diplome produziert, patentiert oder garantiert“ würden. Ihrer Vorrednerin vom Asta schlug Hamm-Brücher dagegen vor, ihre Ablehnung des Elite-Gedanken zu überprüfen. Genauso wenig wie Chancengleichheit Gleichmacherei sei, müssten Studenten vor dem Elitebegriff Angst haben. Die Studentin hatte unter lautem Johlen der Studenten das „Lob der Faulheit“ beschworen.

Aus ihrer Erfahrung als „einer im parlamentarischen Pulverdampf ergrauten Politikerin“ zweifele sie allerdings an der Reformfähigkeit der Deutschen, sagte Hamm-Brücher. Noch fehle es an einer „Idee“ der Universität, die in die Zukunft weist. Auch sei unklar, wie das Nebeneinander von Exzellenz und Chancengleichheit finanziert werden solle. Im Kleinen könne jedoch jeder Student seinen Teil zu einem Aufbruch an den Universitäten und in der Gesellschaft beitragen: „Was auch immer Sie studieren – erweitern Sie ihren geistigen und politischen Horizont!“

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