Gesundheit : Der ganz besondere Saft

Der Sommer ist traditionell eine Durststrecke für Blutspenderdienste. Weil viele lieber in Urlaub fahren Dabei gibt eine neue Studie Hinweise darauf, dass der Aderlass noch weitere Vorteile haben könnte.

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Lebensretter. In der DRK-Region Ost (Berlin, Brandenburg und Sachsen) werden täglich 1500 Blutkonserven benötigt. Sie lassen sich nicht künstlich herstellen. Foto: dapd
Lebensretter. In der DRK-Region Ost (Berlin, Brandenburg und Sachsen) werden täglich 1500 Blutkonserven benötigt. Sie lassen sich...Foto: dapd

Blut ist ein ganz besonderer Saft. Fünf bis sechs Liter davon zirkulieren im menschlichen Körper. Bei Unfällen, bei bestimmten Erkrankungen oder bei größeren medizinischen Eingriffen können Menschen aber so viel davon verlieren, dass ihr Leben in Gefahr ist. Blut von Spendern mit der passenden Blutgruppe kann diese Menschen retten. Vor allem in den Sommermonaten wird das Blut aber oft knapp – weil viele bei schönem Wetter lieber rausgehen oder in Urlaub fahren anstatt zum Blutspenden zu gehen. Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz oder Blutspendedienste von Krankenhäusern rufen die Bevölkerung dann regelmäßig und sehr dringlich zur Spende auf – auch dieses Jahr wieder, obwohl der Sommer bisher nicht unbedingt gehalten hat, was er verspricht. „Blutkonserven sind nur eine begrenzte Zahl von Tagen haltbar“, sagt der Sprecher der DRK-Blutspendedienste, Friedrich-Ernst Düppe. „Deswegen können unter bestimmten Umständen – wie Erkältungswellen, Reisetätigkeit oder Hitzewellen im Sommer – gefährliche Engpässe bei der Versorgung entstehen.“ In Berlin und Brandenburg verteilt das DRK zur Zeit ein Freizeitspielset als Dank, um die Bevölkerung auch in den Sommermonaten zum Blutspenden zu ermuntern.

Jetzt könnte es für bestimmte Bevölkerungsgruppen aber auch noch einen wesentlich ernsthafteren Grund geben, Blut zu spenden: Für diejenigen nämlich, die unter Bluthochdruck leiden. Eine neue, in Berlin entstandene Studie gibt Hinweise darauf, dass an der alten Lehre vom Aderlass etwas dran sein könnte. Bei Hämochromatose-Erkrankten ist das heute schon bewiesen.

Blut verdankt seine rote Farbe dem Eisen. Menschen, die an der seltenen Krankheit Hämochromatose leiden, speichern zu viel davon. Statt zwei bis sechs Gramm schwimmen bis zu 80 Gramm in ihrem Blut. Im Laufe der Jahre leiden lebenswichtige Organe, unter anderem die Leber und die Bauchspeicheldrüse. Deshalb gehört es zur Behandlung, dass der Arzt ihnen in regelmäßigem Abstand ein paar hundert Milliliter Blut abnimmt. Blut zu spenden kann ihr Leben retten.

In früheren Jahrhunderten herrschte die medizinische Lehrmeinung vor, dass noch viel mehr Patienten von dieser Blutabnahme profitieren könnten: Diejenigen mit einer besonderen „Blutfülle“, erkennbar an Hautfarbe und Puls, aber auch an starker Neigung zu Fieber. In der antiken Vier-Säfte-Lehre wurden sie als „Sanguiniker“ bezeichnet. Der Aderlass, ein sogenanntes ableitendes Verfahren der Naturheilkunde, kam aber schließlich so sehr in Mode, dass kaum ein Kranker davon verschont blieb. Dass hilflose Ärzte selbst bleiche Schwerkranke noch regelmäßig zur Ader ließen, brachte diese Behandlungsform, ähnlich wie den unvermeidlichen Einlauf zum Abführen, gründlich in Misskredit. In Molières Komödien werden die Heilkundigen, die ihr eingeschränktes Repertoire mit wohltönenden lateinischen Worten bei ihren gutgläubigen und gut zahlenden Kunden zur Geltung bringen, eindrucksvoll auf die Schippe genommen. „Der Aderlass wurde oft missbräuchlich angewendet, in den alten Schriften wird er aber vor allem zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen empfohlen“, sagt Andreas Michalsen vom Immanuel-Krankenhaus, Inhaber der Stiftungsprofessur für Klinische Naturheilkunde der Charité.

Laut der neuen Studie, für die Michalsen mit Kollegen aus Berlin und Essen zusammenarbeitete, hatten 64 Patienten mit einem sogenannten Metabolischen Syndrom nach einem zweimaligen kleinen Aderlass einen deutlich niedrigeren Blutdruck als zuvor. Beim Metabolischen Syndrom kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Risiko für Arteriosklerose, Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen: Übergewicht, erhöhte Blutfettwerte, Vorstufen einer Zuckerkrankheit – und eben: erhöhte Blutdruckwerte. In den USA ist rund ein Drittel der Bevölkerung davon betroffen. Nachdem sie im Abstand von vier Wochen zweimal 350 bis 400 Milliliter Blut abgenommen bekommen hatten, war der obere, systolische Wert bei den Studienteilnehmern um durchschnittlich 16,6 mmHg gesunken, also zum Beispiel von 156 auf 140. Bei einer Kontrollgruppe war er dagegen gleich geblieben. Ein Erfolg, der mit einer Änderung des Lebensstils, aber auch mit Medikamenten oft nicht auf Anhieb zu erreichen ist. „Wir waren über das Ausmaß des blutdrucksenkenden Effekts deutlich überrascht“, kommentiert Michalsen. Vorsicht ist trotzdem angebracht, denn erstens ist das vorläufig nur eine kleine Studie mit wenigen Teilnehmern, und zweitens ist noch unklar, wie lange der erwünschte Effekt anhält.

Auch darüber, wie genau er zustande kommt, gibt es bisher nicht mehr als plausible Annahmen: Abdulgabar Salama, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin der Charité am Campus Virchow, vermutet, dass ein Zusammenhang mit der Abnahme des Eisengehalts des Blutes besteht. Denn Eisen fördert die Oxidation der Gefäße. Ist wenig davon im Blut, dann bleiben die Wände der Blutgefäße möglicherweise elastischer und können den Druck besser ausgleichen. Bisher sei das aber nur eine Theorie, betonen Salama und Michalsen.

In einer großen Beobachtungsstudie, die von der Carl-und-Veronica-Carstens-Stiftung mit 224 000 Euro unterstützt wird, wollen die Mediziner dem Thema nun genauer auf den Grund gehen. Sie suchen dafür noch Menschen zwischen 30 und 65 Jahren, die an erhöhtem Blutdruck leiden. In der Studie, die über ein Jahr laufen soll, werden unter anderem auch die Eisenspeicherwerte der Teilnehmer gemessen. Bisher sind 50 Menschen mit leichtem Bluthochdruck eingeschlossen, bis zu 400 sollen es insgesamt werden.

Noch ist unklar, ob die modernisierte Form des Aderlasses ihnen wirklich hilft. Wenn alles gut geht, könnten aber gleich zwei Menschen profitieren – anders als zu Molières Zeiten, als die Blutgruppen noch nicht entdeckt waren und an Transfusionen noch nicht zu denken war. Denn eines werden die Teilnehmer auf jeden Fall sein: Spender, deren besonderer Saft einem Patienten zugutekommt.

Anlässlich des diesjährigen Welt-Blutspende-Tages am 14. Juni wurden die regelmäßigen Blutspender von der Weltgesundheitsorganisation bewusst als „moderne Helden“ bezeichnet. Robert Schneider, der Referent für Blutversorgung des Deutschen Roten Kreuzes, legt Wert darauf, dass das Blutspenden eine altruistische Tat ist. „Die Menschen, die sich dafür entscheiden, tun das, um anderen zu helfen.“ Das wird so bleiben, auch wenn den Spendern an manchen Orten, zum Beispiel an der Charité, inzwischen eine kleine Aufwandsentschädigung gezahlt wird. Für viele Spender ist ohnehin das gute Gefühl, sich für die Gesundheit eines Mitmenschen nützlich gemacht zu haben, die größere Belohnung. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob einige von ihnen auch selbst gesundheitlich davon profitieren. „Für Menschen mit erhöhtem Blutdruck könnte die Blutspende eine echte Win-win-Situation werden“, hofft jedenfalls Abdulgabar Salama, dessen Institut an der neuen großen Studie beteiligt ist.

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