Gesundheit : Der Mann, der die Bombe liebte

Erst im Alter zweifelte er: Atompionier Edward Teller ist tot

Gideon Heimann

War es Altersweisheit oder eine Konzession an den Zeitgeist? Jedenfalls bereute Edward Teller noch zu Beginn dieses Jahres in einem ZDF-Interview den Abwurf der Atombombe über Japan, an deren Entwicklung er entscheidend beteiligt gewesen war. Es hätte 1945 vermutlich als Abschreckung ausgereicht, eine Explosion in ungefährlicher Höhe über Tokio auszulösen, meinte er nun. Der oft als „Vater der Wasserstoffbombe“ bezeichnete Physiker starb jetzt 95-jährig in Stanford, Kalifornien.

Seine Arbeit an Kernwaffen hingegen sah der gebürtige Ungar stets als Mittel der Friedenssicherung: „Atomwaffen sind nicht dazu da, um angewendet zu werden, sondern um ihre Anwendung zu verhindern.“ Und da das während des Kalten Krieges bis zum Kollaps des Sowjetimperiums nicht schief gegangen ist, fühlte er sich in seiner Ansicht bis zu seinem Tod bestätigt.

Er polarisierte die Meinungen wie kein anderer Physiker – für Rüstungsgegner war er der besessene „Dr. Seltsam“ aus Kubricks Film. Doch für ihn war die Bedrohung aus dem Osten real, keine Einbildung – wie man angesichts der nach dem Zerfall offensichtlich werdenden Schwäche des Sowjetsystems hätte annehmen können.

Seine größten Erfolge müssen vor dem politischen Hintergrund jener 40er und 50er Jahre gesehen werden. Schon die Atomforschung der Nazis wurde als Gefahr betrachtet, eine, die den Physikern durchaus als real erschien. So hatte die erste Kernspaltung Ende 1938 im Berliner Labor von Otto Hahn und Fritz Straßmann stattgefunden, Lise Meitner brachte ihre Kollegen aus dem schwedischen Exil auf den richtigen Weg der Theorie dahinter.

1939 erkannte Werner Heisenberg, dass die Kraft des Atoms auch für die Waffentechnik genutzt werden kann. Im „Uranverein“ arbeiteten er, Carl Friedrich von Weizsäcker und andere Physiker daran, die Kernspaltung nutzbar zu machen. Ob es dabei um eine billige Energiequelle ging oder wirklich auch um Waffen, ob die Wissenschaftler vorgeblich oder tatsächlich die Arbeit herauszögerten – im Ausland wuchs das Gefühl der Bedrohung. Teller wusste nicht, wie weit die deutschen Wissenschaftler schon gekommen waren. Er kannte aber ihre Fähigkeiten. Schließlich hatte er 1930 an der Universität Leipzig bei Heisenberg promoviert.

Die wissenschaftliche Gemeinde war gerade auf einem so jungen Forschungsgebiet eine grenzenlose – nur über Deutschland senkte sich ein Vorhang, der nur sehr schwer zu durchblicken war. So konnte Teller nicht einschätzen, ob sich seine Kollegen aus moralischen Gründen vor dem Bau der Atombombe zurückhalten würden, sollten sie die Förderung der Politik erhalten. Zum Glück begriff die Naziführung die Möglichkeiten der Kernphysik gar nicht.

Teller war wegen seiner jüdischen Herkunft 1934 nach Dänemark emigriert, ins Labor von Niels Bohr. Und dieser wiederum hatte noch wenige Kontakte zu Heisenberg. Zu einem entscheidenden Treffen kam es 1941: Bohr entnahm diesem Gespräch – ob nun irrtümlich oder nicht –, dass die deutschen Forscher ernsthaft an einer Bombe arbeiteten. Dies jedenfalls gab er weiter, was die Aktivitäten in den USA bestärkte.

Teller, der schon 1935 in die USA emigriert war, schloss sich dem Forscherteam an, das von J. Robert Oppenheimer bei Los Alamos in der Wüste von Neu-Mexico zusammengeholt wurde, um die Atombombe zu bauen.

Als Oppenheimer nach den Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki sah, welche Höllentür die Wissenschaft geöffnet hatte, begann er – im Gegensatz zu Teller – zu zweifeln. Es kam zum Bruch zwischen ihnen, wobei Teller geholfen hat, Oppenheimer aus dem Forschungsprogramm zu werfen: Er hat bei Anhörungen an Oppenheimers Zuverlässigkeit gezweifelt, und das ist etwas, was ihm im Rückblick als das Peinlichste seiner Laufbahn erschien.

Schließlich war in den USA bald nach Kriegsende unter Senator Joseph McCarthy die Jagd auf Kommunisten und Atomspione ausgebrochen. Teller wollte „seine“ Wasserstoff-Fusionsbombe bauen, die zuvor als zu teuer abgelehnt wurde. Nun setzte er es durch und schuf damit eine noch viel stärkere Waffe als es die auf Spaltung beruhende Plutoniumbombe war.

Weil ihm seine Weggefährten in Los Alamos zu wankelmütig erschienen, machte er sich für eine weitere Atomforschungseinrichtung stark: In Nordkalifornien entstand das Lawrence Livermore Laboratorium, zu dessen Direktor er später ernannt wurde. Und noch in den Folgejahren setzte er sich stets für eine machtvolle Verteidigung des Landes ein. Nun nicht mehr mit immer stärkeren, sondern mit präziseren Waffen.

Zur Physik kam Teller über die Mathematik, mit der er sich schon in seiner Kindheit in Budapest befasste. Dort wuchs er zweisprachig auf und staunte früh darüber, dass es für dieselben Dinge unterschiedliche Bezeichnungen gibt. So richtig wohl fühlte er sich deshalb nur in der Welt der Zahlen.

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