Gesundheit : Der Mars am Badestrand

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Von Hubertus Breuer

Sie röhren in Raumanzügen auf Motorrollern durch rote Wüsten und hausen in einem engen Wohnzylinder, in dem sie mit dem Planeten Erde kommunizieren – die ersten Marskolonisten. Um ihr „Habitat" erstreckt sich eine rostrote, zerklüftete Landschaft, die sie mühsam kartieren. Dort sammeln die Siedler Bodenproben auf der Suche nach Lebensspuren. Erfolgreich: im Staub tummeln sich Mikroben, die höchst irdisch wirken. Das ist indes kein Beweis für den Ursprung des Lebens auf unserem Nachbarplaneten – denn die Marsstation liegt mitten in der malerischen Wüste Utahs.

Das Fremdobjekt wurde von der Mars Society in die öde Wildnis gestellt, eine private Organisation mit rund 5000 Weltraumenthusiasten als Mitglieder. Es ist bereits der zweite Wohncontainer, den die Gesellschaft in unwirtlichen Gegenden aufbaut. Im kanadischen Eismeer, auf Devon Island, steht eine ganz ähnliche Büchse. In den Silos soll die Besiedlung des Mars vorbereitet werden – wenn auch in bescheidenem Rahmen. Da den Nationen bislang noch der Wille zu diesem Megaprojekt fehlt, versucht der Verein vorerst, kräftig Breitenwirkung zu erreichen. Romantische Marscamps eignen sich bestens dafür.

Jetzt wollen die Orbitalaspiranten auch Europa mit einer solchen Marsstation beglücken. In Denver, im US-Bundesstaat Colorado, hat jetzt der Bau der „European Mars Analog Research Station", schlicht „EuroMars", begonnen. Die auch in Utah und auf Devon Island angestrebte „holistische Simulation" soll dort noch realistischer als bisher ausfallen. So verfügt der neue Behälter über drei statt nur zwei Decks. Das erlaubt, die wichtigsten Lebensbereiche – den Gemeinschaftsraum, die Schlafkajüten und den Forschungsbereich – klar voneinander zu trennen. Die Innenausstattung wird so entworfen, wie es auf dem Mars zu erwarten wäre. „Sie wird niedrigerer Schwerkraft angepasst sein", erklärt Sven Knuth, zweiter Vorsitzender der deutschen Mars Society: „Sitzen zum Beispiel ist bei einem Drittel der Gravitation nicht so wichtig."

Gewaltige Herausforderungen

Forschungspuristen mögen die Nase rümpfen, wenn sie hören, welch brennende Fragen die Planetenstürmer in der EuroMars-Station erforschen wollen. So beabsichtigen sie zu ermitteln, wie lange eine Mannschaft benötigt, die klobige Astronautengarnitur anzulegen. Was die optimale Teilnehmerzahl für eine Expedition sei und – wie gehen Crew-Mitglieder überhaupt miteinander um? Solche Fragen wirken leider nur voreilig, führt man sich vor Augen, welch gewaltigen Herausforderungen sich eine Marsmission ausgesetzt sieht.

So steht bislang völlig in den Sternen, welcher Raketenantrieb die Astronauten zum Mars bringen soll. Ebenso unklar ist, wie sich dem Muskel- und Knochenabbau der langen Reise vorbeugen lässt. Selbst in dem Fall, dass die Raumfahrer unbeschadet ankommen, tun sich neue Hindernisse auf: mit Durchschnittstemperaturen um Minus 55 Grad Celsius, mageren 38 Prozent Erdanziehungskraft und einer dünnen Atmosphäre aus unbekömmlichem Kohlendioxid wird der erste Marsflug der Menschheit fürwahr kein Frühlingsspaziergang, für den sich auf Erden einfach in einer Wohntonne trainieren ließe.

Doch muss man der Mars Society Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wissenschaftlich ernsthafte Forschung betreibt die Gesellschaft dennoch – nur nicht in ihren Marscamps. So plant die Organisation, gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology, eine Raumkapsel zu testen, welche die Auswirkung geringer Schwerkraft an Mäusen testet.

In Australien tüftelt die Society an einem Fahrzeug mit einer Druckkabine. Am weitesten sind die Anstrengungen aber wohl in Deutschland gediehen: hier hat der Verein eine Ballonmission zum Mars auf den Weg gebracht. Die Amateurfunkvereinigung „Amsat" will im Jahre 2007 eine Mission zum Mars starten, um dort einen Satelliten in die Umlaufbahn zu setzen.

Der Ballon, liebevoll „Aerobot" genannt, soll mit auf die Reise kommen, um in der Umlaufbahn abgestoßen zu werden. Hitzeschild und Abfangfallschirm bremsen den Sturz des Luftschiffs ab, ehe es sich in einer Höhe von einigen Kilometern entfaltet.

Von Marswinden getrieben, soll es dann über den roten Planeten segeln, während Atmosphärensensoren, Magnometer und eine hochauflösende Kamera den Planeten auskundschaften. Das ambitionierte Projekt, an dem mehrere deutsche Universitäten und Institute mitwirken, wäre die erste deutsche Marsmission.

Langer Weg mit kleinen Schritten

Die Politik der kleinen Schritte bringt uns den fernen Planeten letztlich doch näher als der die Einbildungskraft stark strapazierende Sprung nach vorne in zusammengeschraubten Wohncontainern. Das Getreidesilo für Europa wird ihren Dienst daher vor allem zunächst als Werbetrommel erfüllen – ebenso wie die Behausungen in Utah und auf Devon Island.

Wo Euro-Mars im nächsten Jahr übrigens letztlich aufgestellt wird, ist noch nicht entschieden. Ein unwirtlicher Flecken im Nordosten Islands steht hoch im Kurs. Der Standort sei, wie die Society anmerkt, „fotogen und geeignet für Fernsehberichte und andere Medien." Sollte die Vulkaninsel aber zu abgelegen sein, kommt auch Spanien für das Kultobjekt noch in Frage. Vielleicht erleben wir dann die erste Besiedlung des Mars am Badestrand.

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