Gesundheit : Der Masterplan der Charité

Die Berliner Hochschulmedizin hält an vier Standorten fest

Uwe Schlicht

Es gibt Zahlen, die können einem die Luft zum Atmen nehmen. Besonders in Berlin, der Stadt, die den Haushaltsnotstand ausgerufen hat. Die vereinigte Charité soll 98 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 sparen. Sie hat ein Defizit von 53 Millionen Euro auszugleichen und sie hat einen Sanierungsbedarf in Höhe von 438 Millionen Euro. Wie soll die Charité das alles schultern, ohne einen ihrer vier Standorte aufzugeben?

Die Charité will dennoch die Spitzenposition unter den medizinischen Fakultäten in Deutschland neben München und Heidelberg halten. 100 Millionen Euro an Drittmitteln für die Forschung hat die Charité im vergangenen Jahr eingeworben. Das ist in Deutschland ein Rekord. Die Medizin verfügt über mehr Drittmittel als alle Berliner Universitäten gemeinsam einwerben. Aber diese Summe bewahrt die Charité nicht vor Schularbeiten.

Da gilt es zunächst die „übergroße Angst der Politiker zu überwinden, die bei einem Defizit gleich an die Schließung eines Standortes denken”, sagt der neu gewählte Dekan der Charité, Martin Paul, der zuvor Dekan des Fachbereichs Humanmedizin der FU war. „Deswegen müssen wir noch in diesem Sommer einen überzeugenden Masterplan vorlegen.”

Was allein die Summe von 98 Millionen Euro bedeutet, kann sich die Öffentlichkeit vorstellen, seit sie die Sparmaßnahmen an den drei Berliner Universitäten kennt. FU, HU und TU müssen bis zum Jahr 2009 zusammen 75 Millionen Euro sparen. Das kostet sie über 200 Professuren. Muss die Charité also über 200 Professuren opfern? Das würde auf ihre Schließung hinauslaufen, denn die Charité hat überhaupt nur 260 Professuren.

Der Dekan der vereinigten Charité, Martin Paul, macht gegenüber dem Tagesspiegel folgende Rechnung auf: Die Universitäten haben einen Personalkostenanteil am Landeszuschuss von 80 bis 85 Prozent. Die Medizin dagegen nur von 70 Prozent. Die Charité rechnet damit, dass sie nur 50 Professuren aufgeben muss – das wären etwa 20 Prozent. Die auferlegte Sparsumme entspricht etwa einem Drittel ihres Etats für Forschung und Lehre. Wenn sie bei den Professoren weniger als ein Drittel spart, muss sie vor allem beim wissenschaftlichen und technischen Personal sowie in der Verwaltung besonders spitz rechnen. Von 15 000 Beschäftigten werden in diesem Jahr 400 Stellen eingespart. Das ist nur ein erster Schritt. Den Stellenabbau will die Charité mit vorzeitigem Ruhestand, Abfindungen und Sozialplänen bewältigen. Im Übrigen vertraut sie auf die ohnehin hohe Fluktuation beim Pflegepersonal.

Es gibt Bereiche, die besonders bluten müssen. Die Polikliniken zum Beispiel verzeichnen ein Defizit in Höhe von 45 Millionen Euro – das hat der Rechnungshof festgestellt. Das liegt an den ungünstigen Fallpauschalen, die die Krankenkassen gedeckelt halten. Nur 55 Euro pro Fall erstatten die Krankenkassen für medizinische Leistungen in den Polikliniken, sagt Martin Paul. Im Durchschnitt entstünden jedoch Kosten von 75 Euro pro Fall. Die Polikliniken werden nicht aufgegeben, aber die Patientenzahl wohl verringert werden. Die Charité ist jedenfalls entschlossen, aus ihren Beträgen für Lehre und Forschung nur noch 21 Millionen Euro für die Polikliniken aufzubringen.

Auch in der Vorklinik wird gespart. Der Gesetzgeber hat die Zahl der Medizinstudenten in Berlin auf 600 Studienanfänger begrenzt. Damit kann man die aufwändigen Vorkliniken in Mitte und Steglitz/Dahlem abbauen. Die Anatomie bleibt in Dahlem nur mit einer Professur als Verbindung zur theoretischen Medizin erhalten. Spareffekte wird es auch in der Zahnmedizin und der Rechtsmedizin geben, weil sich die Charité nach der Fusion Doppelangebote in größerem Umfang nicht mehr leisten kann: Im Sommer fällt die Standortentscheidung.

Das dickste aller zu bohrenden Bretter betrifft die Investitionen. Die Charité muss auf dem Campus Mitte den unterirdischen Versorgungsring schließen, der erst zu zwei Dritteln fertiggestellt ist. Das Bettenhochhaus ist weiter zu sanieren. Und in Steglitz ist das Bettenhaus des Campus Benjamin Franklin aus den sechziger Jahren zu sanieren. Die Gesamtkosten werden mit 438 Millionen Euro veranschlagt. Hier könnte sich entscheiden, ob die Charité vier Standorte halten kann.

Die Charité wird durch Grundstücks- und Gebäudeverkäufe kaum die Summe aufbringen, um an Stelle des Berliner Senats den Landesanteil zu zahlen. Sie bereitet sich daher auf eine Streckung der Investitionskosten und eine Reduzierung der Sanierung auf das Nötigste vor, kündigt Paul an. Der Dekan ist fest davon überzeugt, dass die Politiker die falsche Konsequenz aus dem Gutachten des Unternehmensberaters Roland Berger ziehen würden, wenn sie der Charité jetzt einen Standortverzicht verordneten. Schließlich sollen sich die Träger der neuen Charité – die HU und die FU – zu ihrem gemeinsamen Kind bekennen. Der Standort Buch wiederum sei wegen der Verbindung zum Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin ohnehin unverzichtbar: „Keiner hätte sich für den neuen Vorstand zur Verfügung gestellt, wenn wir die Zukunft der Charité an vier Standorten nicht für möglich gehalten hätten“, sagt Martin Paul.

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