Gesundheit : Der Müsli-Effekt und die Schokoladenseite des Lebens

SARA ABDULLA

An diesen langen, dunklen Wintertagen sind wir nicht selten angespannt und gereizt.Und das nicht nur wegen nachweihnachtlicher Kreditkarten-Rechnungen oder der mitunter grauen Kälte im "Winter-Blues".Auch wegen der Neujahrsdiät.

Wenn Sie, wie Millionen andere auf der Welt, Fett und Zucker zum 1.Januar entsagt haben, haben Sie vermutlich in den letzten paar Wochen eine verwirrende biologische und psychologische Achterbahnfahrt hinter sich.Auch wenn sich die Forscher noch nicht über die Ursache einig sind, so ist es dennoch fast unstrittig, daß die Ernährung die Stimmung beeinflußt.Und daß sich unsere Stimmung umgekehrt auch auf unsere Ernährung auswirkt.Wie eine Studie in der Fachzeitschrift "International Journal of Food Science and Nutrition" ergab, fühlen sich selbst Ratten nach einem Hühnersüppchen besser - obendrein schlafen sie danach besser und sind aktiver.

Um genauer zu sein: Es sind bestimmte Ernährungskompositionen, die unser Wohlbefinden stimulieren.Mit Ausnahme von Koffein, Alkohol und einigen künstlichen Nahrungszusatzstoffen ist es gewöhnlich das Verhältnis von Kohlehydraten, Fett, Protein und Ballaststoffen in der Ernährung mehr noch als die Menge an Knuspereien, Sahne oder Couscous, das die Stimmung beeinflussen kann.So hat die Forschung zum Beispiel die alltägliche Erfahrung bestätigt, daß ein sehr fettes Essen einschläfernd wirkt - unabhängig von seinem Kaloriengehalt.

Fett macht uns nicht nur müde, es sorgt auch für eine Art "Wohlfühl-Effekt".So stand es an der Spitze bei einer Reihe von Experimenten zu der Frage, wie Essen die Schmerzwahrnehmung beeinflussen kann.Die Versuche wurden von Sue Zmarzty und ihren Kollegen vom Zentrum für Humane Ernährung an der Universität von Sheffield in Großbritannien ausgeführt und in der Zeitschrift "Physiology of Behaviour" veröffentlicht.Die Wissenschaftler untersuchten das Schmerzempfinden von Versuchspersonen, deren Schreibhand in Eiswasser getaucht wurde.Wer anderthalb Stunden zuvor besonders fetthaltige Pfannkuchen gegessen hatte, war unempfindlicher als jemand, der Pfannkuchen mit wenig Fett, viel Kohlehydraten und gleichem kalorischen Brennwert zu sich genommen hatte.

In einer weiteren Studie von Anita Wells und Kollegen von der Universität von Sheffield, veröffentlicht im "British Journal of Nutrition", zeigten die Forscher, daß Menschen, deren Fettgehalt an der Nahrung von 41 auf 25 Prozent der täglichen Energieaufnahme gesenkt wurde, sich selbst als zorniger und feindseliger einstuften.Wer sich dagegen weiter fetthaltig ernährte, war weniger angespannt und ängstlich.Kein Wunder, daß wir es hassen, Diät zu halten.

Aber auch der Anteil der Kohlehydrate an einem Essen hat dramatischen Einfluß darauf, wie wir uns fühlen."Viele Menschen benutzen Kohlehydrate, um ihre Stimmung kurzzeitig zu heben", sagt der Psychologe Larry Christensen von der Universität von Süd-Alabama.Er erforscht die stimmungsändernde Wirkung von Kohlehydraten und Koffein bei Depressiven."Es scheint so zu sein, daß der Kohlehydrat-Verbrauch dazu in der Lage ist, schlechte Laune zu ändern", fährt er fort, "aber nur ein wenig".Mit anderen Worten: Wenn es ihnen mies geht und es sie nach der klebrigen Pastete gelüstet, dann ist die Wissenschaft auf ihrer Seite - aber Wunder dürfen Sie nicht erwarten.

Ein anderer Nutzen der "Kohlen" ist ihre Wirkung auf die Aufmerksamkeit.Essen mit hohem Kohlehydratanteil - besonders Frühstück - mildert nachweislich Müdigkeit, bessert die Geistesgegenwart und läßt einen positiver über das Leben denken.Eine Tatsache, die unterstrichen wird durch das zyklische prämenstruelle Begehren von 70 Prozent der Frauen nach Kohlehydraten und durch die saisonalen Kohlehydrat-Exzesse von Menschen mit einer Winterdepression.

Aber die eigentliche Frage ist: Warum macht uns ein Teller mit Pommes frites um drei Uhr nachmittags schläfrig? Warum läßt uns eine Schale Müsli am Morgen froh ins Büro streifen, ein Lied auf den Lippen? Und warum nur ist jeder Mensch so von Schokolade besessen?

Die meisten Forscher sind sich einig, daß eine Antwort auf die erste Frage "Cholecystokinin" lautet, oder kurz: CCK."CCK ist ein Hormon, das im Darm als Reaktion auf Nahrung freigesetzt wird - besonders auf fettiges Essen", erläutert John Francis von der Sheffield Hallam Universität.Er erforscht die seelischen und körperlichen Zusammenhänge des Eßverhaltens."Es verlangsamt die Magenentleerung und signalisiert Sattheit oder das Gefühl, voll zu sein." Das könnte dazu führen, daß fetthaltiges Essen oft als sättigender empfunden wird.Aber viel vom "Fett-Appeal" rührt von dem Gefühl her, das Fett im Mund hervorruft, technisch gesprochen: seinem "oral-sensorischen Eindruck".

Es existieren tatsächlich einige Hinweise darauf, daß Geschmack, Geruch und jene flüchtige Qualität, die Nahrungs- und Getränke-Hersteller als das "Mundgefühl" bezeichnen, ausgeprägt zu vielen der oben geschilderten Phänomene beitragen.So fand etwa Sue Zmarzty heraus, daß, wenn sie diese Faktoren ausschaltete, indem sie ihre Versuchspersonen durch Magensonden ernährte, die schmerzabschwächenden Effekte durch die Nahrung verschwanden."Es gibt also einen deutlichen oral-sensorischen Einfluß in unserer Studie", nimmt sie an.

Was wahrscheinlich etwas mit der Tatsache zu tun hat, daß oral-sensorische Stimulation - besonders bei süßen Sachen - einen "Vergnügungspfad" ebnet, nämlich den der körpereigenen "endogenen" Opioide.Und damit zur Schokoladen-Frage.Obwohl es soviele Theorien über den Lockruf der Schokolade gibt wie Schokolade-Marken existieren, sind die meisten Forscher der Meinung, daß die Anziehungskraft auf dem Geruch beruht.Selbst wenn sie nicht einen abhängig machenden oder psychoaktiven Stoff enthält, führt das Gefühl von Schokolade im Mund zu chemisch hervorgerufener Hochstimmung im Gehirn, einem "Kick".

Die vorherrschende Erklärung für den Müsli-Effekt beruht wiederum auf hormoneller Ursache.Kohlenhydrate (mit denen Cerealien wie Müsli vollgepackt sind) erhöhen den Traubenzucker-Gehalt im Blut, was die Freisetzung des Hormons Insulin fördert.Insulin führt zur Ausschüttung der Aminosäure Tryptophan, die sich im Gehirn anreichert.Tryptophan ist ein Ausgangsstoff für Serotonin, einem Botenstoff des Nervensystems, der Stimmung, Schlaf und Appetit kontrolliert.

Aber es gibt noch raffiniertere Faktoren, die unsere emotionale Antwort auf Ernährung beeinflussen - etwa Schuldgefühle.Umfragen ergeben immer wieder, daß sich Menschen nach einer Mahlzeit "gut" oder "schlecht" fühlen, je nachdem, ob sie ihr Essen als "unanständig" oder "wertvoll" einstufen.Besonders dann, wenn es um Schokolade geht.Ironischerweise überschätzen jene, die sich schuldig fühlen, nicht nur ihr Körpergewicht.Sie essen immer weiter.

Konditionierung - also Erwartung auf Grund von Erfahrung - spielt ebenfalls eine Rolle."Viele Effekte, die die Ernährung auf die Stimmung und den Bewußtseinszustand hat, lassen sich im Labor hervorrufen, indem man Versuchspersonen erlaubt, zu schnuppern oder sich auf ein besonderes Schmankerl zu freuen", sagt Christensen.

Auch die Uhrzeit entscheidet darüber, wie Essen unsere Laune beeinflußt.Ein großes Mahl am Morgen hat einen anderen Einfluß als ein opulentes Mittagessen."Der einzige Grund, warum es eine zeitliche Beziehung zwischen dem Verzehr von bestimmtem Essen und Stimmungsänderungen gibt, ist der, daß Menschen im Laufe des Tages mehr beansprucht und ermüdet werden", sagt Judith Wurtman vom Massachusetts Institute of Technology."Kohlehydrate können Streß nur dann mildern, wenn es auch Streß gibt."

Keith Conners, Psychologe an der Duke Universität in North Carolina, sieht das anders.Er glaubt, daß, wenn Sie zur gleichen Zeit Kohlehydrate und Proteine essen, diese mit Tryptophan konkurrieren, wenn es darum geht, ins Gehirn zu kommen - und so die Freisetzung von Serotonin verhindern.

Aus all dem folgt, daß ein klebriger Kuchen oder ein weicher Käse eine ganze Menge bewirken können.Oder? "Die Veränderungen sind sehr subtil", sagt Peter Rogers vom britischen Institut für Ernährungsforschung in Reading."Es ist unwahrscheinlich, daß die Evolution ein System entwickelt hat, das sehr anfällig ist." Jenseits der großen Effekte der Nahrung auf den Energiehaushalt "hat der Körper gelernt, den Einfluß der Ernährung zu tolerieren - mit sehr geringem Einfluß aufs Gehirn".

Na bitte.Wenn Sie also das nächste Mal das Kaninchenfutter hinabzieht, machen Sie die Musik aus (sie kann die Nahrungsaufnahme steigern), nehmen Sie sich eine Banane (trügerische oro-sensorisch stimmungssteigernde Kohlehydrate und Zucker) und vergessen Sie den Kuchen, nach dem es Sie schon die ganze Woche verlangt: es ist nur ein Gebäck, kein Allheilmittel!

Sara Abdulla ist Autorin der internationalen Wissenschaftszeitschrift "Nature".Autoren von "Nature"schreiben regelmäßig im Tagesspiegel.Aus dem Englischen von Hartmut Wewetzer.

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