Gesundheit : Der Nachwuchs will sich nicht "verschrotten" lassen

Anja Kühne

Edelgard Bulmahn diskutiert mit aufgebrachten Forschern

"Intellektuellenfeindlichkeit" ist Edelgard Bulmahns neuem Hochschulrahmengesetz vorgeworfen worden, es handle sich um eine "Missgeburt". Das "Gängelungsministerium" werde "eine ganze Forschergeneration vernichten". Die Stimmung unter den Nachwuchswissenschaftlern, die die Bundesbildungsministerin doch aus ihrer Misere befreien will, ist schlecht. Am Mittwochabend stellte sich Edelgard Bulmahn bei einer Diskussion in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften einem aufgebrachten Publikum. "Ich bin bestürzt über die massiven Fehlinformationen durch Medien und Hochschulverwaltungen", sagte Bulmahn. Doch für ihre Aufklärungsarbeit erntete sie bis zumSchluss der Veranstaltung immer wieder abfälliges Stöhnen, hämisches Gelächter und Zwischenrufe.

In den letzten Wochen hat die Forscher vor allem die Sorge umgetrieben, die nicht mehr ganz jungen unter ihnen könnten durch die neue Befristungsregel aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgesperrt werden. Nach dem neuen Gesetz sollen Wissenschaftler sich nicht länger als 12 Jahre (in der Medizin 15 Jahre) für ihren Beruf in der Wissenschaft qualifizieren. Wer sich danach noch länger in befristeten Arbeitsverhältnissen durchschlagen will, braucht eine gute Begründung. Denn Kettenverträge sind nicht ohne weiteres erlaubt.

Die Forscher fühlen sich betrogen

Manche Wissenschaftler befürchten, die Institutionen würden sich nun weigern, für befristete Projekte Forscher einzustellen, die schon zwölf Jahre (oder gar länger) in der Wissenschaft gearbeitet haben: aus Angst, den Mitarbeitern könnte es gelingen, sich auf eine unbefristete Stelle einzuklagen. Früher war es möglich, Begrenzungen zu umgehen, indem man die Institution wechselte.

"Die Gruppe der 35 bis 45-Jährigen muss sich betrogen fü hlen", sagte Jürgen Kocka vom Wissenschaftszentrum Berlin unter rauschendem Beifall. "Die Leute haben sich habilitiert in der Hoffnung, auf befristeten Projektstellen überleben zu können. Diese Lebenspläne sind jetzt zerstört." Aber die Neuerung sei nicht nur "unsozial, sondern auch leistungshemmend", denn sie werde dem Bedürfnis der Wissenschaftsinstitutionen nicht gerecht, befristet anstellen zu können. "Sie wollten Flexibilität, doch Sie erreichen das Gegenteil", kritisierte Kocka.

"Befristungen bleiben möglich"

"Ich bin überrascht von der Heftigkeit der Diskussion", meinte der Rechtswissenschaftler Ulrich Preis von der Universität Köln, der das kritisierte Befristungsmodell vorbereitet hat. Die Institutionen sollten mit der Neuerung dazu aufgefordert werden, sich für eine unbefristete Beschäftigung zu entscheiden, wenn ihnen dauerhaft an einzelnen Mitarbeitern gelegen sei. Dauerhaft befristete Verhältnisse seien weder im EU- noch im deutschen Recht erlaubt. Bei "vorübergehendem Arbeitsbedarf", etwa bei befristeten Forschungsprojekten, seien Verträge nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz aber möglich und für die Hochschulen arbeitsrechtlich unbedenklich. Peter Gaehtgens, Präsident der Freien Universität, glaubt trotzdem nicht, dass die Hochschulen vor Klagen sicher sind: "Es gibt doch genug schlechte Erfahrungen."

"Vieles an Protest wäre ausgeblieben, wenn Sie Übergangsregelungen geschaffen hätten", hielt Thomas Mergel von der Initiative "wissenschaftlicher-nachwuchs.de" der Ministerin vor. Für Habilitierte gebe es keine Chance mehr, die Wartezeit auf eine Professur zu überdauern. Selbst wenn das Gesetz keine Altersbeschränkungen hat, sind sie nach Meinung der Forscher implizit doch angelegt. "Die, die Sie hier behalten wollen, gehen ins Ausland," rief eine Privatdozentin mit erstickter Stimme. Sie selbst habe Kontakt zu Princeton. "Ich will mich vonIhnen nicht verschrotten lassen!" Den ratlosen Habilitierten gab der Jurist Preis einen überraschenden Rat: "Bewerben Sie sich doch auf eine Juniorprofessur?"

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