Gesundheit : Der Schöpfer war ein Käfernarr

Der Ökosystemforscher Robert May über Vielfalt und Auslöschung der Arten

Matthias Glaubrecht

Es sei sicher nicht die Schuld der Käfer, meinte Lord Robert May mit hintergründigem Humor. Zwar gilt es angesichts von etwa einer Million Arten allein dieser Insektenklasse unter Biosystematikern als Bonmot, dass der Schöpfer wohl bis zum Exzess ausgerechnet in Käfer vernarrt gewesen sein müsse. Doch unsere Ignoranz der belebten Natur gegenüber sei im höchsten Maße besorgniserregend weil ebenso grenzenlos wie die Zahl der Arten auf der Erde.

Zwar kennen wir ziemlich präzise die Zahl der Sterne in der Milchstraße, die Zahl der Gene in einem Virus oder wissen, welche Masse ein Elektron hat. Doch niemand hat die lebenden Tier- und Pflanzenarten auf unserem Planeten gezählt, obgleich wir derzeit einen Großteil dieser biologischen Vielfalt in erschreckendem Maße vernichten. Und dies, daran ließ Robert May am Dienstagabend anlässlich eines Vortrags im Rahmen der Ernst Mayr-Lecture der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften keinen Zweifel, sei die größte Dummheit der Menschheit.

Robert May war zwischen 1995 und 2000 wissenschaftlicher Chefberater der britischen Regierung und Leiter des Amtes für Wissenschaft und Technologie. Derzeit Präsident der britischen Royal Society und Forschungsprofessor an den Universitäten in Oxford und London, gilt der 1996 für seine Verdienste um die Wissenschaft in den Adelsstand erhobene May als einer der brillantesten Naturwissenschaftler unserer Zeit

Geboren 1936 in Sydney, verließ er mit einem Doktortitel in theoretischer Physik Australien, um an der Harvard University in den USA eine Professur für angewandte Mathematik anzutreten. In den frühen 70er Jahren hauchte er jenem Zweig der Ökologie neues Leben ein, der sich mit der Frage beschäftigt, ob die artenreichsten ökologischen Systeme tatsächlich die stabilsten sind. Von 1973 bis 1988 hatte er eine Professur für Biologie an der Princeton University inne, wo May die Rolle von Infektionskrankheiten als Regulative in Ökosystemen untersuchte. Dies führte ihn zur Erforschung der Dynamik von Viruserkrankungen.

In seinem Berliner Vortrag widmete sich Robert May der Frage, welche Zukunft die biologische Vielfalt auf einer zunehmend vom Menschen überbevölkerten Erde noch haben kann. Erwartungsgemäß verheißt auch seine Analyse nichts Gutes. Mit typisch britischem Understatement wies er auf jene wahrhaft „unglückliche Unkenntnis“ hin, in der Biologen noch immer leben müssen, wenn es um das Ausmaß von Arten-Vielfalt und Arten-Sterben geht.

Für Linné war’s noch einfach

Für den schwedischen Biologen und Systematiker Carl von Linné war die Sache um 1758 noch überschaubar. In seiner „Systema naturae“ gab er ein Verzeichnis aller damals bekannten Tiere und kam auf die Zahl von genau 4236 Arten. Als der amerikanische Insektenforscher Terry Erwin sich 1982 daran machte, von den Zahlen der Insekten, die auf einem einzigen Baum im Regenwald Panamas lebten, auf die Artenzahl auf der ganzen Erde hochzurechnen, kam er auf geschätzte 30 Millionen. Inzwischen sind die Fachleute etwas vorsichtiger und haben die Hochrechnung auf etwa die Hälfte korrigiert. Doch auch mit rund zehn bis 15 Millionen lebenden Tier- und Pflanzenarten ist die Zahl noch immer stattlich. Indes: Kaum mehr als zehn Prozent sind erfasst und ein zentrales Artenarchiv fehlt noch immer.

Doch es sind nicht die rund 25 000 recht gut bekannten Arten an Vögeln, Säugetieren, Reptilien und Amphibien, die in den Ökosystemen die fundamental wichtigen Rollen spielen. Vielmehr sind es die unbekannten, meist kleineren Wirbellosen – insbesondere Schnecken und Käfer, aber auch Würmer und Millionen von Insektenarten – die jene Biodiversität stellen und das Leben in den Ökosystemen der Erde bestimmen.

Mit den mageren Sach- und Personalmitteln jedenfalls, die die Politik bereit ist in die Erfassung und Erforschung der biologischen Vielfalt zu investieren, werden wir in tausend Jahren nicht wissen, was um uns herum lebt, was zu unserem eigenen Überleben vielleicht einmal wichtig sein könnte, und was wir dennoch rücksichtslos weltweit im großen Stil vernichten. Hochrechnungen zur Artenvielfalt aber sind auch deshalb so problematisch, weil Biologen bislang kaum verstehen, wie Ökosysteme wirklich funktionieren und warum einige Arten sich behaupten, während andere aussterben.

Eines zumindest sei sicher, so Robert May: Im Unterschied zum millionenfachen Artensterben in der Geschichte des Lebens auf unserem Planeten, das phasenweise 99 Prozent aller Arten ausmerzte, steht der Verantwortliche bei diesem gigantischen und rasanten Massenexodus zweifelsfrei fest – der Mensch. Wobei das Artensterben dort am größten ist, wo das Bruttosozialprodukt am niedrigsten und die Menschen am ärmsten sind. „Die Zukunft der Artenvielfalt entscheidet sich dort, wo wir selbst nicht wohnen“.

Beinahe ketzerisch fragt er schließlich, warum wir denn überhaupt jede Tier- und Pflanzenart versuchen sollten zu retten. Seine Antwort: Wie beim Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen einer technischen Apparatur, bei der jedes Teil eine Funktion hat, müsse man sämtliche Teile eines Ökosystems behalten – vor allem dann, wenn man gar nicht weiß, welche ökologische Funktion diese oder jene Art hat.

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