Gesundheit : Der Überlebensreflex

Wer die Fähigkeit zu schlucken durch einen Hirnschaden verliert, kann nicht mehr essen und trinken. In Berlin gibt es eine spezielle Sprechstunde für diese Menschen

Sebastian Leber

Zu Hause hatten ihr die Ärzte keine Hoffnung gemacht. Einer wollte Christa Piterek aus NordrheinWestfalen den Kehlkopf entfernen, ein anderer sagte, sie werde nie wieder essen oder trinken können. Jetzt sitzt die 64-Jährige im Arztzimmer und löffelt Götterspeise in sich hinein. Seit einer Woche geht das wieder.

Alle 20 bis 30 Sekunden schluckt ein gesunder Mensch. Das sind bis zu 3000 Schluckbewegungen pro Tag, insgesamt werden so rund anderthalb Liter Speichel aus dem Mundraum in die Speiseröhre befördert. Und natürlich die Nahrung. An dem Vorgang sind verschiedene Muskelgruppen in Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre und sogar am Mageneingang beteiligt. 26 insgesamt. Das erklärt, warum Schluckstörungen so viele unterschiedliche Ursachen und Ausprägungen haben können. Manche Patienten, die den weiten Weg nach Biesdorf in Rainer Seidls Sprechstunde auf sich nehmen, können nur unter großer Anstrengung schlucken. Andere können es überhaupt nicht, müssen über eine Magensonde ernährt werden und sind auf eine Kanüle im Hals angewiesen, um zu atmen. Manche werden im Krankenbett ins Zimmer geschoben, sie liegen im Wachkoma. Allen rückt Seidl mit dem Endoskop zu Leibe.

Die ersten Male ist das ausgesprochen unangenehm, sagt Christa Piterek. Weil das Endoskop durch die Nase eingeführt wird. Dann muss es etwa 15 Zentimeter den Atemkanal entlang, bis die kleine Kamera an der Spitze die richtige Position erreicht hat. „Home-Position“ heißt das, weil die Kamera von hier aus die besten Bilder macht. Die sieht Seidl groß auf einem Monitor: In der Mitte ist der Kehlkopf, der Eingang zur Luftröhre. An seinen Seiten sitzen zwei dünne, vibrierende Streifen – die Stimmlippen, im Volksmund Stimmbänder genannt. Und vor all dem sieht man einen ruhig daliegenden Knorpel – den Kehldeckel. Der ist besonders wichtig: Bei jeder Schluckbewegung wird er über den Eingang der Luftröhre geschoben, verschließt sie und stellt so sicher, dass Speichel und Nahrung nicht in die Lunge geraten, sondern in die Speiseröhre befördert werden. Um zu erkennen, ob der Bewegungsablauf funktioniert, gibt Seidl seinen Patienten blau gefärbtes Wasser zu trinken. Oder Waldmeister-Götterspeise. Bei vielen sieht er auch nach mehrmaligem Schlucken auf dem Monitor noch ein Gemisch aus Brocken und weißem, schaumigen Speichel im Mund. Sie bekommen die Nahrung einfach nicht herunter.

Seit fast zehn Jahren gibt es die Sprechstunde, einmal die Woche findet sie in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik auf dem Gelände des Unfallkrankenhauses Berlin statt. Weil nur wenige Kliniken in Deutschland so etwas anbieten, ist der Andrang groß. Das Problem ist, sagt Seidl, dass die meisten HNO- Ärzte zwar Schäden am Kehlkopf erkennen, aber wenig über dessen Funktion und die komplexen Bewegungsabläufe wissen. In der Sprechstunde verfolgt er deshalb einen interdisziplinären Ansatz: Er selbst ist HNO-Arzt, seine Kollegin Ricki Nusser-Müller-Busch ist Logopädin.

Bei etwa 70 Prozent der Patienten sind Hirnschäden die Ursache für die Störung. Etwa nach einem Schlaganfall oder durch einen Tumor. Christa Piterek fiel vor 15 Monaten im Supermarkt einfach um. Diagnose: Schlaganfall, schwere Hirnblutung. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl, wird über eine Magensonde ernährt. Das Hirn ist geschädigt, aber noch so intakt, dass man ihr auch komplexe Bewegungsabläufe wie das Schlucken wieder antrainieren kann. Dass sie den Weg nach Berlin fand, sei allein der Hartnäckigkeit ihres Ehemanns zu verdanken, sagt Seidl. „Der hat sie von A nach B geschleppt und sich mit keiner pessimistischen Diagnose zufrieden gegeben.“ Seit Juli ist Christa Piterek stationär in der Klinik untergebracht, bekommt zwei Mal täglich ein Intensivtraining, anderthalb Stunden, mit Übungen, um die Muskeln zu stärken und die Motorik zu schulen. Zum Beispiel den „Shaker“: Dabei liegt sie auf dem Rücken und hebt den Kopf, bis sie ihre Fußspitzen sehen kann. So hebt sie automatisch den Kehlkopf.

Die zweithäufigste Ursache für Schluckstörungen sind „strukturelle Ursachen im Schlucktrakt“. Meistens sind damit Tumoren im Kehlkopf, an den Stimmbändern oder an der Zunge gemeint, die entfernt werden mussten. Und dann gibt es die Patienten, bei denen Seidl überhaupt keine körperlichen Ursachen feststellen kann. Die schlucken nicht mehr, weil sie Angst haben – meistens nach einem Trauma. Ein 30-Jähriger hatte sich beim Fahren auf der Autobahn so fürchterlich an einem Stück Currywurst verschluckt, dass er anschließend nicht mehr essen konnte. Nach fünf Sitzungen mit Gesprächen und Entspannungsübungen bekam er das Problem in den Griff.

Christa Piterek wird derzeit noch über eine Magensonde ernährt. Bald braucht sie die nicht mehr. Bis Weihnachten will sie das Ding los sein, sagt sie und schaut Seidl an. Der grinst. Sind ja noch drei Wochen, sagt er.

Die Sprechstunde findet mittwochs um 14.30 Uhr in der HNO-Klinik auf dem Gelände des Unfallkrankenhauses Berlin, Warener Straße 7, statt. Man braucht einen Überweisungsschein eines HNO-Arztes, Terminvergabe unter 56 81 43 04, Infos unter www.schlucksprechstunde.de.

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