Gesundheit : Der Versuchung ein Schnippchen schlagen

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Von Michael Degen

Odysseus ließ sich an den Mast seines Schiffes binden und verstopfte die Ohren seiner Seeleute mit Wachs, um dem betörenden Lockruf der Sirenen zu widerstehen. Wie das Beispiel beweist, kannten die Menschen schon vor Tausenden von Jahren die Methode der „Selbstbindung“, mit der man der Schwäche der eigenen Willenskraft einen Riegel vorschiebt. Neueste Forschungsergebnisse belegen nun auch empirisch, dass diese heroische Psychotechnik hervorragend geeignet ist, um dem „inneren Schweinehund“ erfolgreich ein Schnippchen zu schlagen.

Unser Verhalten in der Gegenwart gerät häufig mit unseren Plänen für die Zukunft in Konflikt. Zwar nehmen wir uns in den meisten Fällen vor, zukünftig „das Richtige“ zu tun, aber unsere guten Vorsätze werden nur zu oft vom Wunsch nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung durchkreuzt. Wir beschließen, eine Diät zu beginnen, aber beim nächsten Mahl erliegen wir der Versuchung eines Schokoladensoufflés. Wir nehmen uns vor, regelmäßig zu joggen, aber finden nie die Zeit dazu.

Psychologische Experimente zeigen aber nun, dass Menschen im Prinzip durchaus fähig sind, Bedürfnisse aufzuschieben und die „weisere“ Alternative zu wählen. Die Bedingung ist nur, dass der emotionale Effekt der Alternativen in der fernen Zukunft liegt. Das Prinzip hat der Psychologieprofessor George Loewenstein von der Carnegie Mellon Universität mit einem einfach Versuch aufgezeigt. Teilnehmern an Experimenten wurden Gutscheine für Gratismahlzeiten angeboten.

Vor die Wahl gestellt, einen Gutschein zu erhalten, der sich frühestens nach 100 Tagen einlösen lässt, oder zwei Gutscheine, die sich frühestens nach 101 Tagen einlösen lassen, zogen fast alle Experimentteilnehmer Letzteres vor. Aber wenn die Entscheidung in die Gegenwart verlagert wurde, kehrten sich die Präferenzen um: Ein großer Teil der Konsumenten zieht einen sofort einlösbaren Gutschein zwei Gutscheinen vor, die sich erst morgen einlösen lassen.

Keine Wurst in den Kühlschrank

Ein Lustgewinn, der sich erst in der Zukunft erzielen lässt, wird offenbar, in der Sprache der Ökonomen, stark „abdiskontiert“. Dadurch wirken zum Beispiel selbst zwei Mahlzeiten morgen nicht so attraktiv wie eine Mahlzeit heute. Bei den beiden Alternativen, die 100 oder 101 Tage in der Zukunft liegen, fällt die zeitliche Abfolge dagegen überhaupt nicht mehr ins Gewicht.

Wie es aussieht, ahnen viele Menschen, dass ihre Widerstandskraft gegen zukünftige Verlockungen stärker ist als ihre Willenskraft in der aktuellen Versuchungssituation. Darum legen sie sich bei den verschiedensten Gelegenheiten durch Selbstbindung auf den Pfad der Tugend fest. Im Extremfall schränkt man wie Odysseus seine zukünftige Entscheidungsfreiheit prophylaktisch ein.

Wer Schwierigkeiten hat, einer Diät zu folgen, bewahrt tunlichst keine Wurst im Kühlschrank auf. Wer dazu neigt, den Wecker morgens abzustellen und einfach weiter zu schlafen, kann abends den Wecker ein paar Meter vom Bett entfernt aufstellen, so dass er gezwungen ist, aufzustehen.

Eine andere Methode besteht darin, im Voraus das emotionale Gewicht der Alternativen zu verändern. Wer um 50 Euro wettet, dass man ihn nicht mehr mit einer Zigarette erwischen wird, wertet den unangenehmen Effekt einer Verfehlung auf.

Es war jedoch bisher in der Wissenschaft noch offen, ob die Selbstbindung tatsächlich Einfluss auf das Erreichen unserer Ziele hat. Dieser Frage sind nun der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Dan Ariely und Klaus Wertenbroch, Professor für Marketing am Institut Insead, der Kaderschmiede für Manager im französischen Fontainebleau, nachgegangen.

Beim ersten Versuch bekamen 100 Studenten der Wirtschaftswissenschaften die Aufgabe gestellt, für einen Kurs drei Arbeitspapiere zu verfassen. In der Hälfte der Fälle wurden drei gleichmäßig über das Semester aufgeteilte Abgabetermine vorgegeben. Die anderen Teilnehmer durften sich ihre Fristen selbst setzen. Spätester Abgabetermin war aber das Semester-Ende, und die vorab getroffene Vereinbarung musste eingehalten werden.

Nicht auf den letzten Drücker

Wie die Ergebnisse zeigen, hatten die meisten Probanden die Weitsicht, sich selbst gestaffelte Fristen zu setzen und nicht alles auf den letzten Termin zu verschieben. Nichtsdestotrotz wiesen die Arbeiten mit den fest vorgeschriebenen Fristen eine höhere Qualität auf; sie wurden von neutralen Juroren im Durchschnitt besser benotet.

Das lag offenbar nur daran, dass sich viele Teilnehmer selbst legere Abgabetermine setzten, die immer noch viel „Luft“ ließen. Die Probanden, die sich selbst freiwillig drei gleichmäßig aufgeteilte Abgabetermine setzten, schnitten nämlich genauso gut ab wie jene, bei denen dieses Muster von außen aufgezwungen war. In einem anderen Versuch wurden Probanden beauftragt, drei komplizierte, mit vielen Fehlern behaftete Texte Korrektur zu lesen. Die eine Hälfte bekam drei, gleichmäßig über drei Wochen aufgeteilte Abgabetermine vorgeschrieben, die andere durfte sich ihre Fristen wieder selbst bestimmen.

Auch diesmal erzielten die Teilnehmer, die drei gleichmäßig aufgeteilte Abgabetermine hatten, die besten Resultate: Egal, ob die Fristen auf Zwang oder freier Entscheidung beruhten, ging diesen Probanden die größte Zahl an Fehlern ins Netz. Die Teilnehmer, die alles auf den „letzten Drücker“ verschoben, schnitten dagegen am schlechtesten ab.

Mit der Macht der Selbstbindung ist es demnach durchaus möglich, die schwachen Seiten der eigenen Persönlichkeit zu bezwingen. Allerdings enthalten die Befunde auch einen Wermutstropfen: Die Teilnehmer mit den drei gleichmäßig aufgeteilten Abgabeterminen konnten der Arbeit am wenigsten Freude abgewinnen. Zugleich brachten sie die längste Zeit für das Erstellen der Arbeiten auf.

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