Gesundheit : Der Wachrüttler

Jeff Gedmin leitet das Institut seit drei Jahren – zum Teil vom Kaffeehaus „Starbucks“ aus

Elisabeth Binder

Seine Ausstrahlung ist so energiegeladen, dass ein doppelter Espresso dagegen wie ein Schlafmittel wirkt. „Dies ist mein Nachmittagsbüro“, deutet er auf den runden Tisch vor sich, der mitten in der trubeligen Stadtmitte-Filiale der Kaffeehauskette „Starbucks“ steht: Laptop, Handy, einige beschriebene Din-A-4-Bögen. Jeff Gedmin trägt Jeans und einen grauen Pullover.

Seit drei Jahren leitet der 46-Jährige das Aspen-Institut; man kann sagen, dass er es nach Jahren des schleichenden Niedergangs wieder wachgerüttelt hat. Und das in schwierigen Spar-Zeiten. Seine Mannschaft musste er von 20 Mitarbeitern auf neun reduzieren. Das Stadtbüro, das früher zusätzlich zur Zentrale auf Schwanenwerder zur Verfügung stand, hat er gekündigt. Bei Starbucks zu sitzen, ist billiger. Vielleicht will er demnächst schon eine Debattenrunde hier stattfinden lassen.

Jammern ist Gedmins Art überhaupt nicht. „Ich bin Amerikaner, ich glaube an Märkte“, sagt er. „Die nächsten sechs bis zwölf Monate werden kritisch, aber wenn wir einen Markt haben, werden wir weiterexistieren.“ Ende des Jahres laufen die Zahlungen des Berliner Senats für das Aspen-Institut aus, von der amerikanischen Regierung gibt es auch kein Geld. „Das habe ich schon alles versucht.“

Bei der Werbung um Sponsoren konkurriert er mit anderen transatlantischen, in Berlin angesiedelten Organisationen wie der American Academy und dem German Marshall Fund. Aber all das kann Jeff Gedmins Laune nicht trüben. Etwa einmal in zwei Monaten fliegt er in seine Heimatstadt Washington, um neue Sponsoren zu finden und für die Arbeit des Aspen-Instituts in Talkshows zu werben. Er tritt auch in Berlin und London in TV-Runden auf, schreibt unermüdlich Kolumnen in amerikanischen, britischen und deutschen Zeitungen, auch im Tagesspiegel, und fühlt sich bei all dem glücklich „wie ein Kind im Schokoladenladen“. Die Vielseitigkeit seiner Arbeit gefällt ihm einfach.

Vom Musikstudenten, der „links, links, links“ war, wandelte sich Gedmin irgendwann zum glühenden Antikommunisten. Er liebt es, zu polarisieren, starke Meinungen zu vertreten und leidenschaftlich zu streiten. Dafür musste er sich oft beschimpfen lassen, galt spätestens beim Ausbruch des Irak-Krieges trotz seines überbordenden Charmes vielen als Inbegriff des bösen Amerikaners. Doch selbst daraus hat Gedmin noch Erfolgserlebnisse gezogen. Einmal kam ein Kontrahent nach einem heftigen Streit in einer Talkrunde zu ihm und sagte: „Ich glaube, dass Sie echt sind und werde versuchen, Ihre Argumente zu verstehen.“ Das hat ihm gefallen.

„Wir sollten nicht versuchen, diplomatisch zu sein, sondern ganz genau das sagen, was wir denken und andere Menschen wirklich herausfordern, das Gleiche zu tun“, sagt Gedmin. Seine Abneigung gegen Zeitverschwendung, die dedizierte Art, positiv zu denken und der gnadenlose Pragmatismus wirken in ihrer geballten Kombination so amerikanisch wie eine Cola mit extra viel Eis. Diese Züge seiner Persönlichkeit haben wohl auch entscheidend dazu beigetragen, aus dem Aspen-Institut wieder eine lebendige Institution zu machen, die sich ganz den Herausforderungen der Jetzt-Zeit stellt. Als nach dem Ende des Kalten Krieges die Mission zunächst erfüllt schien, lief es Gefahr, zu einem etwas verschnarchten Honoratiorenclub zu degenerieren.

Selbst in amerikanischen Think Tanks groß geworden, isoliert Jeff Gedmin schon mal eine Reihe von Denkern für zweieinhalb Tage in einer südfranzösischen Villa, „damit sie wirklich Ergebnisse produzieren. Das kostet nicht mehr als ein Hotel, und in der Nähe gibt es nichts, was Ablenkung bieten könnte.“ Ungewöhnliche Projekte sind seine Spezialität.

Im Frühjahr brachte er Bianca Jagger zusammen mit Jörg Schönbohm in einem Kreuzberger Wirtshaus aufs Podium. Demnächst will er sich verstärkt Themen rund um den Iran widmen: „Das wird das große Thema der Zukunft sein.“

Im Kalten Krieg hat das Aspen-Institut eine große Rolle gespielt in West-Berlin, das auch als Hauptstadt der Spione galt. Nun führt der Chef seine Gespräche in einem öffentlichen Café. Hat er keine Angst vor Geheimdiensten? „Wir haben doch keine Geheimnisse“, lacht Gedmin. „Wenn wir nur können, bringen wir alles in die Medien.“

Ob ihn das Aspen-Institut auf Dauer ausfüllen wird? Immerhin hat er drei Job-Angebote der Bush-Regierung ausgeschlagen, bevor er die Leitung des Berliner Instituts übernahm. „Ich bin sehr glücklich hier“, sagt Gedmin mit Nachdruck. Die Elektrizität, die ihn umgibt, lässt allerdings auf das Politiker-Gen schließen.

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