Gesundheit : Der Wasserstoff, aus dem die Träume sind

Jeremy Rifkin sucht in seinem neuen Buch „Die H2-Revolution“ nach einem Ausweg aus der kommenden Energiekrise

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Von Gideon Heimann

Wenn der Publizist Jeremy Rifkin ein Buch über ,,Die H2-Revolution" schreibt, ist das Interesse groß, etwas Neues zu erfahren über die Umstellungen in Energieversorgung und Lebensweise, die uns in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen. Denn da sind immense Probleme technischer, wirtschaftlicher und politischer Art zu lösen. Aber für jenen, der die Energiediskussion der vergangenen 20 bis 30 Jahre verfolgt hat, hält sich bei der Lektüre die Überraschung in Grenzen: Der Wasserstoff selbst kommt (nach dem Einleitungskapitel) erst im achten Abschnitt, auf der 187. Seite von 264 vor. Der Umstieg auf regenerative Energiequellen – Wasserstoff ist dabei ja nur das interessanteste Speichermedium – wird zudem unsystematisch behandelt.

Es ist ein Buch, dessen Stärke darin besteht, Entwicklungen nicht nur der gerade erst vergangenen Jahre zusammenzufassen. Dass sich der Mensch in seiner frühen Geschichte immer mehr Energie erwirtschaftet hat – etwa durch Ackerbau und Viehzucht – störte das Gleichgewicht noch nicht. Das Problem entstand, da mehr verzehrt wurde, als die Sonne mit ihrer Energie wachsen ließ: Mit dem Abholzen weiter Landstriche, mit der Förderung von Kohle, dann von Öl und Gas wuchs der Raubbau an den über Jahrmillionen hinweg gespeicherten Energieträgern.

Hieraus auszusteigen, ist spätestens für uns eine dringende Notwendigkeit: Die Quellen sind endlich. (Eine Erkenntnis, die uns freilich schon der Club of Rome 1973 deutlich vor Augen führte.) In acht bis 18 Jahren werden wir voraussichtlich das Öl-Fördermaximum erreichen, danach wird es knapper und damit teurer und teurer.

Was Rifkin allerdings nicht erwähnt, sind die riesigen Mengen an Gashydrat (Methan), die vor allem in den Schelfgebieten der Meere lagern. Wobei noch niemand weiß, wie man da herangehen kann, ohne die Umwelt extrem zu belasten.

Die größten Ölvorräte liegen in arabischen Ländern, warnt Rifkin, und dort drohen Umwälzungen, weil der Fundamentalismus wieder erstarkt. Dann: Die vom Menschen ausgelösten Emissionen von Kohlendioxid können das Klimasystem bald völlig durcheinanderbringen, zumal es nicht stabil ist, sondern ,,eine winzige Änderung der Rahmenbedingungen genügt, eine Zufallsvariation in einem Teilbereich des Systems, um große Veränderungen auszulösen, wenn sich das System an einem Schwellenwert befindet."

Die dezentrale Energieumwandlung mit Hilfe von Wasserstoff hingegen böte die Chance, „virtuelle Kraftwerke" zusammenzuschalten, was das Gesamtsystem auch unempfindlicher macht gegen Ausfälle. Nun, über den denkbaren Nutzen einer solchen Technik spricht zum Beispiel der SPD-Energieexperte Hermann Scheer schon seit über zehn Jahren.

Rifkin geht es aber nicht nur um die Sicherung von Ressourcen für die Zukunft, sondern um die ,,Demokratisierung der Energie" überhaupt. Wie soll der institutionelle Rahmen aussehen, der die gewünschte Umstellung umgreifen kann? Darum könnten sich Kooperativen und Genossenschaften kümmern sowie Non-Profit-Organisationen, die vielerorts für die Entwicklung von Stadtteilen sorgen. So erleben auch kommunale Versorger ,,eine neue Renaissance, weil die Kunden der häufigen Stromausfälle und der Preistreiberei überdrüssig sind." Immerhin: ,,34 Millionen Amerikaner beziehen ihren Strom von ländlichen Elektrokooperativen."

„Fuchterregende Dimensionen“

Und die Weltbevölkerung? „Die einzige tragfähige Strategie ist die Nutzung erneuerbarer Energiequellen und der Ausbau des Wasserstoffenergienetzes." Sicher, ,,diese Aufgabe hat furchterregende Dimensionen“, aber das ist eben die einzige Chance, um Milliarden von Menschen aus der Armut zu holen.“ Rifkin bleibt auch hier seiner Hoffnung auf den Sieg der Vernunft treu. Verunsichert wird der Leser freilich, wenn er Daten präsentiert bekommt, die er leicht selbst auf Plausibilität prüfen kann. Da ist zum Beispiel die Rede davon, dass ,,der amerikanische Durchschnitts-User (...) zwölf Stunden die Woche im Datennetz surft, in dieser Zeit frisst sein Rechner gut 1000 Kilowattstunden aus der Steckdose“. Das ist fast um den Faktor 100 an der Realität vorbei, denn mit 1000 Kilowattstunden kommt ein Single samt elektrischem Durchlauferhitzer, Waschmaschine, Geschirrspüler, Licht und Computer jedenfalls in Deutschland etwa ein halbes Jahr weit. Das festzustellen, reicht ein Blick auf die eigene Stromrechnung. Und es gibt in dem Buch noch einige solcher Daten, die ähnlich merkwürdig klingen.

Strom aus der Sonne ist die Basis

Doch das ändert nichts an den Problemen mit den fossilen Energieträgern und der Notwendigkeit, in den nächsten 20 bis 30 Jahren die regenerativen Quellen in großem Umfang zu erschließen. Wasserstoff ist ein Transportmittel in dieser Kette, die Grundlage dafür ist die Stromgewinnung aus Sonne, Wind- und Wasserkraft sowie aus Erdwärme.

Das fordern Wissenschaftler schon lange. Aber vielleicht ist es ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn Multiplikatoren wie Rifkin das in die breitere Öffentlichkeit tragen, woran schon etliche Menschen arbeiten und was uns alle in naher Zukunft beschäftigen muss. Auch wenn es noch viel Geld kosten wird. Teuer wird es in jedem Fall.

Jeremy Rifkin: „Die H2-Revolution. Wenn es kein Öl mehr gibt . . . Mit neuer Energie für eine gerechtere Weltwirtschaft“. Campus Verlag Frankfurt, 304 Seiten, 25,50 Euro, ISBN 3-593-37097-2

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