Gesundheit : Der Zucker, der an die Nieren geht

Es gibt immer mehr Diabetiker. Damit steigt auch die Zahl der Nierenerkrankungen. Beides lässt sich vermeiden

Elke Binder

Es gibt Krankheiten, die es eigentlich nicht mehr – oder nur noch kaum – geben müsste. Die diabetische Nierenerkrankung gehört dazu. Fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter der Diabetes vom Typ 2, dem „Alterszucker“. Weniger bekannt ist, dass ein Drittel von ihnen als Folge im Laufe des Lebens eine Nierenkrankheit entwickelt.

Da verwundert es kaum, dass die Niere des Diabetikers auf dem diesjährigen Weltkongress der Fachärzte in Berlin eines der Top-Themen war – und zugleich eines der dankbarsten. Denn wo sich Krebs- oder Aids-Spezialisten die Zähne ausbeißen, wissen Nierenärzte wie Eberhard Ritz vom Uniklinikum Heidelberg: „Wir haben heute die Mittel, das Fortschreiten der Nierenerkrankungen zu verhindern.“ Mehr noch: „Die katastrophale Diabetes-Epidemie können wir vermeiden“, sagte der Präsident der Tagung, die heute zu Ende geht.

Der Grund: Alterszucker ist eine Zivilisationskrankheit. Fettes und süßes Essen sowie wenig Bewegung lassen auch immer mehr junge Menschen erkranken. Kürzlich kam eine US-Studie zum Ergebnis, dass sich das Diabetes-Risiko allein durch zwei Stunden pro Tag vor dem Fernseher um ganze 14 Prozent erhöht. George Alberti, Präsident der International Diabetes Federation, war auf der Nierentagung sogar überzeugt, dass 90 Prozent der Diabetes-Fälle durch Veränderungen im Lebensstil verhindert werden könnten. Die verbleibenden Zuckerkranken gehören zum Typ 1, dessen Ursachen noch ungeklärt sind.

Doch ein Diabetiker muss nicht an der Niere erkranken. Zwar beschädigt der erhöhte Zucker im Blut die lebensnotwendigen Filter in der Niere, die Giftstoffe aus dem Blut entfernen. Der Blutzucker kann aber beim Typ 2 durch orale Medikamente und beim Typ 1 durch Insulin-Spritzen gesenkt werden. Mehrere große Untersuchungen haben gezeigt, dass durch eine strenge Kontrolle des Zuckers die Zahl der Nierenerkrankungen deutlich reduziert werden kann. Und nicht nur das. Hat die Krankheit schon begonnen, kann sie verlangsamt werden.

Bluthochdruck schädigt die Niere zusätzlich. Eine fatale Liaison: Zuckerkranke haben häufig auch einen zu hohen Blutdruck. Mediziner haben für diabetische Nierenkranke einen sehr niedrigen Wert von 125 zu 75 mm Hg als optimal bestimmt. Dazu muss der Patient blutdrucksenkende Medikamente einnehmen. Besonders wirksam sind Mittel, welche die Wirkung des „Renin-Angiotensin-Systems“ der Niere blockieren. Diese Hormone spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation des Blutdrucks. Vor allem die „ACE-Hemmer“ helfen. Selbst bei Dialyse-Patienten, also bei solchen, die an eine Blutwäsche angeschlossen sind, kann damit die Lebenserwartung verlängert werden.

Warum gibt es dennoch so viele Nierenkranke? Die Krankheit wird häufig zu spät erkannt. Bei einer Umfrage im britischen Newcastle stellte sich heraus, dass die Hälfte der Zuckerkranken überhaupt nichts von ihrem Leiden wusste. Zudem fehlen dem Nierenkranken meist jene Schmerzen, die ihn zu einem Arztbesuch veranlassen würden. Häufig führt selbst ein Abfall der Nierenfunktion um die Hälfte nicht zu Symptomen. Erst darunter kommt es zu Muskelschwäche, Blutarmut, Appetitlosigkeit oder Müdigkeit. Fällt die Funktion unter 15 Prozent, versagt die Niere ganz. Dann hilft nur noch eine Dialyse oder Transplantation. Über 75000 Patienten sind derzeit an einer künstlichen Niere angeschlossen – fast die Hälfte von ihnen sind zuckerkrank.

Die meisten Patienten mit einer Nierenschädigung sterben jedoch schon vorher an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt. Denn das Risiko dafür ist bei ihnen extrem erhöht. Die Zahlen sind beängstigend: Die Lebenserwartung von Diabetikern ist im Mittel um sieben Jahre vermindert.

Die Spezialisten hatten deshalb auf dem Berliner Kongress eine deutliche Botschaft: Wir brauchen mehr Routineuntersuchungen durch den Hausarzt. „80 Prozent der Diabetiker haben einen zu hohen Blutdruck“, beklagte Alberti. Die Nierenfunktion werde bei ihnen nicht häufig genug überprüft. Dabei weiß man, dass ein erhöhter Eiweißgehalt im Urin ein Warnsignal ist. Denn bei Kranken wird der Filter in den Nieren löchrig, sie scheiden besonders viel von dem Eiweiß Albumin aus. „Unser Ziel ist es, auch schon eine geringe Erhöhung des Albumin- Gehaltes zu entdecken“, sagte Ritz. Denn in diesem Stadium kann am wirksamsten eingegriffen werden. Hier gibt es wichtige Fortschritte: Eine solche Früherkennung ist seit kurzem mit einfach handhabbaren Teststreifen möglich.

Eine befriedigende Antwort auf den Alterszucker können Medikamente jedoch nicht sein, warnte Alberti. Denn das Problem hat längst globale Ausmaße angenommen. So manches „Fast Food“ hat den Diabetes auch in Länder gebracht, die sich eine teure Behandlung nicht leisten können. In China und Indien ist die Krankheit derzeit auf dem Vormarsch. Alberti: „Letztlich müssen wir unsere Lebensgewohnheiten ändern.“

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