Gesundheit : Der zwölfte Mann

Wie die singenden Fans die Geschicke ihrer Mannschaft beeinflussen

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Vor heimischem Publikum gewinnt man öfter. „Seit Beginn der Fußball-Bundesliga haben die Mannschaften zu Hause zwei Drittel ihrer Punkte geholt und nur ein Drittel bei Auswärtsspielen“, sagt der Statistiker Adalbert Wilhelm von der Uni Bremen. In der italienischen Serie A fällt der Heimvorteil noch deutlicher aus.

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Weniger klar ist, woher er rührt. Zuschauer können Sportler wie Langläufer beflügeln, letzte Reserven zu mobilisieren. Der Einfluss der Fans sei am Ende des Fußballspiels am größten, sagt Wilhelm. Dann lassen Kräfte und Ausdauer nach. „Wenn es bei einem Spiel nach 75 Minuten unentschieden steht, wendet es die Heimmannschaft überproportional häufig noch zu ihren Gunsten.“

UNTER ERFOLGSDRUCK

Darüber hinaus scheint es keine Bedeutung für den Ausgang eines Fußballspiels zu haben, wie viele Zuschauer kommen und wie stark sie jubeln. Wenn eine hohe Konzentration oder koordinative Fähigkeiten gefragt sind, können Zuschauer und der damit verbundene Erfolgsdruck auch negative Folgen haben. Das ist vom Golfspiel bekannt, betrifft aber auch den Fußball. „Spieler der Heimmannschaft verschießen eher einen Elfmeter als Spieler der Gastmannschaft“, sagt Thomas Dohmen von der Uni Bonn. Er hat alle Strafstöße der Bundesliga-Historie unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass sich die Schützen zu Hause mehr Fehlschüsse leisten als auswärts. Ein Umzug in ein neues Stadion kann ebenfalls Punkte kosten. Richard Pollard von der California Polytechnic State University hat festgestellt, dass sich der Heimvorteil im neuen Stadion im ersten Jahr um ein Viertel verringern kann.

ZU SPÄT ABGEPFIFFEN

Unter dem Druck der Zuschauer versagen aber nicht nur Spieler, sondern auch Schiedsrichter. In Spanien etwa begünstigen sie die Heimteams. Liegt die Heimmannschaft mit einem Tor vorn, pfeifen die Referees ein Spiel im Mittel zwei Minuten schneller ab, als wenn das Auswärtsteam führt, haben Luis Garicano und Canice Prendergast von der Uni Chicago ermittelt: Dohmen hat in der Bundesliga denselben Trend beobachtet – allerdings nur in Stadien ohne Tartanbahn, in denen das Publikum also nicht durch eine Laufbahn vom Spielfeld getrennt ist. Solche Stadien werden eher zum Hexenkessel, hier bekommt das um ein Tor zurückliegende Heimteam im Schnitt fast eine Minute mehr Nachspielzeit als ein Auswärtsclub, der im Hintertreffen ist.

UNBERECHTIGTE ELFMETER

Bei Elfmeterentscheidungen lassen sich Referees ebenfalls von der Stadionkulisse beeinflussen. In den Bundesliga-Spielzeiten 1993 bis 2004 hätten die Schiedsrichter nur 65 Prozent aller Elfmeter für die Heimmannschaft zu Recht gegeben, so Dohmen. Bei Strafstößen für die Gäste habe die Quote immerhin bei 72 Prozent gelegen.

Fazit: Der Einfluss der Fans bei der WM sollte nicht zu hoch bewertet werden, auch wenn die Hausherren bei Sportveranstaltungen im Vorteil sind. Selbst in der Schach-Bundesliga könne man einen geringen Heimvorteil feststellen, sagt Wilhelm. Der aber hat nichts mit den Zuschauern zu tun, sondern eher mit den Mühen der Anreise: Nach langer Fahrt sind Spieler früher matt. tdp

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