Gesundheit : Deutsche Geschichte: Die Geburt des schwarzen Adlers

Ernst Hinrichs

Die Selbstkrönung des ersten preußischen Königs Friedrich I. in Königsberg am 18. Januar 1701 zählt zu den denkwürdigen Daten der brandenburgisch-preußischen Geschichte zwischen dem Westfälischen Frieden von 1648 und dem Untergang dieses Staates im 20. Jahrhundert. Auf lange Sicht erhielt die preußische Staatenwelt durch dieses Ereignis ein einigendes Symbol, eine Vorstellung von der Einheit in der Vielfalt, so etwas wie eine Staatsidee. Kurzfristig, das heißt in den Überlegungen Kurfürst Friedrichs III., der sich mit der Idee des Kronerwerbs gegen einige seiner führenden Berater durchgesetzt hatte, scheinen andere Überlegungen eine Rolle gespielt zu haben. Das Kurfürstentum Brandenburg mit seinen beachtlichen Territorialgewinnen im 17. Jahrhundert - neben Kleve, Mark und Ravensberg (1609) waren im Verlauf dieses Jahrhunderts das Herzogentum Preußen (1618), Hinterpommern und die Fürstbistümer Kammin, Halberstadt und Minden (1648) und schließlich das ehemalige Erzstift Magdeburg (1680) in die Herrschaft der Hohenzollern übergegangen - spielte in der europäischen Politik die Rolle einer bedeutenden Mittelmacht. Vor allem die Bündnispraxis des Großen Kurfürsten hatte dazu geführt, dass diese Macht ernst genommen und Bündnisse mit ihr gesucht wurden.

Gleicher Rang mit anderen Fürsten

Dennoch "zählte" oder besser "wog" sie nicht wie die anderen, da ihr Ranggleichheit mit jenen Mächten fehlte, mit denen es im diplomatisch-dynastischen Mächtespiel zu konkurrieren hatte, Schweden etwa, Dänemark oder Sachsen, dessen Herzog Friedrich August I. vier Jahre vor dem Königsberger Ereignis als August II. König von Polen geworden war. Vieles deutet darauf hin, dass die Vorstellung der Ranggleichheit Brandenburgs mit den übrigen europäischen Königreichen der eigentliche Antrieb für die kurfürstliche Politik des Kronerwerbs war, wie sie in Königsberg Wirklichkeit wurde.

Wie bedeutsam die Idee der Ranggleichheit für die statusbesessenen Fürsten des Barockzeitalters war, vermag ein Blick in die zeitgenössische Ikonografie zu belegen. Aus der Zeit um 1709 stammt ein Gemälde von Samuel Theodor Gericke, das heute im Charlottenburger Schloss und in einer Kopie im restaurierten Caputher Schlösschen zu sehen ist. Es ist die idealisierte Darstellung eines Treffens zwischen drei europäischen Königen - Friedrich I., August dem Starken und Friedrich IV. von Dänemark. Sie waren während des Nordischen Krieges zu Gesprächen über Bündnismöglichkeiten gegen die Großmacht Schweden und dessen König Karl XII. zusammengekommen, durch die das Gleichgewicht unter den um die Ostsee gruppierten europäischen Mächten bedroht war. Gericke zeigt die drei Potentaten in vollem Ornat, sie tragen ihre Königskronen stolz auf den Häuptern, halten sich wie zu einem königlichen Ringelreihen die Hände und schauen selbstbewusst auf den Betrachter. Ohne die Königskrone des preußischen Königs hätte der Maler das Thema gewiss so nicht angehen können, mit ihr aber bot sich ihm und seinem vermutlichen Auftraggeber, König Friedrich I., die Chance zu einem bemerkenswerten Stück fürstlicher Rang- und Gleichheitsdemonstration.

Historische Chance genutzt

Immer wieder ist die Königsberger Krönung mit anderen europäischen Rangerhöhungen verglichen worden, etwa mit der Wahl Augusts des Starken zum polnischen König oder mit dem englischen Thronerwerb durch die Hannoverschen Welfen. So richtig dies aus der Sicht der Herrscher und ihrer Dynastien auch ist, denen es um Ansehensgewinn für das eigene Haus ging, so wenig wird ein solcher Vergleich dem Vorgehen Friedrichs I. wirklich gerecht. Anders als der sächsische Herzog wurde der Brandenburger nicht gewählt, und auch sein Sohn musste sich nicht einer erneuten Wahl stellen, wie es den Sachsen in Polen erging, bevor es dann überhaupt vorbei war mit der Herrlichkeit der Wettiner auf dem polnischen Thron. Vielmehr begründete Friedrich mit seinem aus sich selbst heraus legitimierten Akt eine neue und dauerhafte Erbmonarchie, die bis zum Ende des preußischdeutschen Reichs 1918 Bestand haben sollte. Anders als der Welfe erwarb er keine Krone im Ausland, von wo aus seine Erben das Stammland allmählich aus den Augen verloren, sondern er schuf die neue Würde auf eigenem Territorium und ließ sie hier ihre Wirkung entfalten. Zwar konnte der Kurfürst von Brandenburg nicht brandenburgischer König werden, da die Begründung einer zweiten Königswürde innerhalb der Grenzen des Alten Reichs weitab aller denkbaren Möglichkeiten lag; doch mit dem Herzogentum Preußen stand ein Territorium außerhalb der Reichsgrenzen zur Verfügung, und es gehört zu den historischen Verdiensten Friedrichs I., diese Chance erkannt und genutzt zu haben.

Außenpolitischer Kraftakt

Der Kronerwerb des Hohenzollern in Preußen war ein außenpolitischer Kraftakt und eine massive Herausforderung für die Partner, Nachbarn und Gegner Brandenburg-Preußens. Kurfürst Friedrich III, seit Friedrich dem Großen und Johann Gustav Droysen ein enfant maudit der älteren borussischen Geschichtsschreibung, hat sich diesem Problem mit großer Beharrlichkeit, mit viel Geschick und mit einer guten Portion Glück gestellt. Der Wunsch nach Rangerhöhung und Ranggleichheit setzte die Anerkennung dieses Rangs durch die anderen Mächte voraus, so dass ausführliche diplomatische Verhandlungen vor, während und nach der Krönung vonnöten waren. Die politische Situation in Europa freilich war günstig. Sowohl für den Kaiser als auch für Polen stellte Brandenburg-Preußen einen interessanten und wichtigen Bündnispartner dar, für Habsburg in seinem absehbaren Konflikt mit Frankreich um die Erbfolge in Spanien, für das Königreich Polen in dem sich zur selben Zeit schürzenden Knoten des Kampfes mit Schweden und Russland um die Vorherrschaft im Nordosten Europas. Während sich Friedrich in den langwierigen, aber letztlich nicht besonders schwierigen Verhandlungen mit der Wiener Hofburg als Gegengabe für die Anerkennung seiner neuen Würde zu einer dauerhaften Politik an der Seite des Kaisers bewegen ließ, lagen die Dinge in Polen weitaus komplizierter.

Territorialkonflikt mit Polen

Man braucht sich nur die Lage des zum Herrschaftsbereich der Hohenzollern gehörigen Teils Preußens zu vergegenwärtigen, um das Gefühl der Bedrohung zu verstehen, das für einen Polen aus der Königsberger Krönung entsprang. Das Herzogtum war wie ein Stachel im Fleisch der darum herumliegenden polnischen Territorien, denn der westliche, nicht-herzogliche Teil Preußens, das spätere Westpreußen, gehörte zu Polen, war "Preußen königlichen Anteils". Zwar änderte sich im territorialen Verhältnis beider Mächte zueinander durch die Krönung nichts, die beschriebene Situation war schon seit 1618, seit dem Erwerb Preußens durch Brandenburg, gegeben, und Polen hatte unter dem Druck der außenpolitischen Situation im Vertrag von Wehlau (1657) zudem das Herzogtum aus seinen Lehnsbedingungen an den polnischen König in die Souveränität entlassen. Doch jetzt, mit der Krönung, zeigte sich die für Polen fatale Folge dieser Entwicklung: Auf polnischem Lehnsgebiet hätte Friedrich die Königswürde ebenso wenig errichten können wie in Brandenburg oder in einem anderen seiner Territorien innerhalb des Reichs. Die Souveränität Preußens, das große Zugeständnis der Polen an das Kurfürstentum Brandenburg in der Mitte des 17. Jahrhunderts, schuf die staatsrechtliche Voraussetzung für diesen Schritt. Für die polnische Adelsrepublik, in der Mitte und am Ende des 17. Jahrhunderts noch eine wirkliche europäische Großmacht, konnte die Errichtung einer Monarchie in Preußen darum nichts anderes bedeuten als den definitiven Verlust dieses Territoriums, der nicht einmal im Vertrag von Wehlau vorgesehen war. Dort war noch von einer Rückkehr Preußens in die polnische Lehnshoheit die Rede für den Fall, dass die Dynastie der Hohenzollern ausstarb.

Vor diesem Hintergrund verliefen die Verhandlungen mit Polen schwierig und nur teilweise erfolgreich. August der Starke hatte Interesse am Bündnispartner Brandenburg in seinem Kampf gegen Schweden, stimmte nach langem Zögern dem Plan Friedrichs zu und erkannte auch nach dem Akt von Königsberg die neue Würde an. Ganz anders jedoch die im Sejm versammelte Adelsrepublik. Sie spürte und thematisierte in ihrer Mehrheit die Bedrohung durch das neue Königreich, verweigerte die Zustimmung und lehnte auch nach der Krönung trotz intensivster Bemühungen der brandenburgisch-preußischen Diplomatie die Anerkennung der neuen Würde des Nachbarn ab. Auch die Tatsache, dass Friedrich I. im Hinblick auf die Bezeichnung seines Königtums schon frühzeitig Kompromissbereitschaft gezeigt und die Denomination "König in Preußen" statt "König von Preußen" akzeptiert hatte, konnte daran nichts ändern.

Deutsch-polnisches Schicksalsdatum

So wurde der Akt von Königsberg - zusammen mit dem von Wehlau - zu einem Schicksalsdatum in der langen, bis dahin keinesfalls nur durch Feindschaft gekennzeichneten preußisch-polnischen Beziehungsgeschichte, die ja auch eine deutschpolnische Beziehungsgeschichte war. Von dieser Epoche an wuchsen die Spannungen im Verhältnis zwischen der neuen Monarchie und der alten Adelsrepublik. Sie wurden durch die wachsende politisch-militärische Überlegenheit Preußens noch verschärft und auch dadurch, dass Preußen seine Polenpolitik von da an in der Regel mit dem östlichen Nachbarn Polens, der neuen Großmacht Russland, abstimmte. Die Forschung kleidet diese neu begründete politische Tradition, die ihren Höhepunkt im Prozess der Teilungen Polens fand und selbst beim Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes wieder wirksam wurde, in den Begriff "negative Polenpolitik" (Klaus Zernack); zu verhindern, dass eine vergleichbare Haltung und Konstellation noch einmal die Verhältnisse in Ostmitteleuropa bestimmen, ist nicht die unwichtigste Aufgabe gegenwärtiger "positiver" Polenpolitik, die das Ziel hat, Polen so bald wie möglich in die Europäische Union zu integrieren.

Im übrigen verlief der Akt der Rangerhöhung zur weitgehenden Zufriedenheit der Berliner Politik. Einige Mächte, so Frankreich, zierten sich eine gewisse Zeit mit der Anerkennung, andere, so die Kurie und der Deutsche Orden, warteten sehr lange damit oder sprachen sie nie aus. Allen späteren, von Politikern wie Historikern vorgebrachten Polemiken gegen den Prunk und die Verschwendung, die den Akt von Königsberg gekennzeichnet hätten, zum Trotz war der langfristige Ertrag des Kronerwerbs bemerkenswert. Man braucht sich nur die seit Friedrich Wilhelm I. und vor allem seit Friedrich dem Großen um den "roi de Prusse" rankenden Erzählungen und Legenden zu vergegenwärtigen, um die Bedeutung dieses Titels für die weitere Entwicklung Preußens zu ermessen. Selbst wenn die Nachfolger Friedrichs I. im 18. Jahrhundert ein anderes, "bescheideneres" Königtum verwirklichten, als diesem vorgeschwebt hatte, und deshalb etwa auf die Krönung und auf einen großen Hofstaat verzichteten, nutzten sie den Titel gern und setzten ihn ein im zähen Ringen um Statusvorteile im Rahmen des europäischen Mächtesystems. Und wenn schon im 18. Jahrhundert von Preußen in Deutschland und im Ausland gelegentlich jenes Bild der harschen, auf Kadavergehorsam beruhenden Militärmonarchie gezeichnet wurde, das dann im 19. Jahrhundert immer stärker zum bestimmenden Bild von Preußen wurde, so wirkte gerade die originelle Art, wie Friedrich der Große sich als König stilisierte, dieser Wahrnehmung auch wieder entgegen.

Volle Wirkung erst nach 1815

Seine größten Fernwirkungen zeitigte der Akt von Königsberg jedoch mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, in jener Zeit großer Umbrüche und Wandlungen in Preußen und Deutschland, als ein Teil der alten Ordnung und mit ihr das Alte Reich zusammenbrach. Plötzlich, nach 1806, war die preußische Krone eine der wenigen Institutionen und Symbole, die eine Kontinuität mit dem Ancien Regime herzustellen vermochte. Und wenn diese Krone beziehungsweise ihre Träger im Verlauf des langes Prozesses, den wir als "preußische Reformen" zu bezeichnen pflegen, auch keine glanzvolle Rolle gespielt haben, so stand ihre Legitimität doch weit weniger in Zweifel als, zumindest zeitweilig, das politische Handeln ihrer jeweiligen Träger. Nach 1815 wurde die Krone Preußens, eines erneut beträchtlich vergrößerten Preußens, zum Symbol eines völlig ranggleichen europäischen Staates, der im Zeichen der Politik der "drei schwarzen Adler" zusammen mit Österreich und Russland das Geschehen in Mitteleuropa bestimmte.

Als Wilhelm I. nach dem Tod Friedrich Wilhelms IV. am 2. Januar 1861 die Gunst des Termins nutzte und zum ersten Mal seit 1701 wieder eine Krönung anberaumte, und zwar in den altertümlichen Formen von 1701, wieder am 18. Januar und wieder in Königsberg, fand er mit dieser rückwärtsgewandten, an den Traditionen des Gottesgnadentums orientierten Entscheidung in der preußisch-deutschen Öffentlichkeit nur wenig Zustimmung, da sie mit einer eindeutigen Stellungnahme gegen die konstitutionellen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts verbunden war. Von da an war das Schicksal der preußischen Krone untrennbar verbunden mit der deutschen Verfassungsgeschichte und dem jetzt immer häufiger beschworenen "deutschen Beruf" Preußens, von dem König Friedrich I. zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch keinerlei Vorstellung hatte.

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