Gesundheit : Dicke Zahlen, dünner Inhalt

Rechenspiele mit Anti-Fett-Pillen: Die Cholesterin senkenden Statine sind keine Wundermittel gegen Infarkt oder Schlaganfall

Justin Westhoff

Es schien so, als habe die Pharmaforschung ein Wundermittel entdeckt. Statine – Stoffe also, die das „schlechte“ Cholesterin niedriger Dichte (LDL) senken und das „gute“ HDL-Cholesterin fördern, – schützen vor Herz-Kreislauf-Krankheiten und verhindern den Tod durch Infarkt und Schlaganfall. Mehr noch, sie helfen gegen die rheumatoide Arthritis und wirken womöglich gegen Alzheimer und Multiple Sklerose.

Statine blockieren das zuständige Enzym in der Leber, und senken somit LDL-Cholesterin. Der Streit um die Vorteile der medikamentösen Fettbekämpfung wurde als beendet deklariert.

Doch dann kam der Lipobay-Skandal. Das Statin-Präparat der Firma Bayer hatte mehr als andere die Eigenart, nicht nur in die Leber zu fluten, sondern auch in weitere Körperzellen zu gelangen. Die Folge war eine vergleichsweise hohe Zahl von Rhabdomyolysen, der Zersetzung der Muskulatur mit schweren Folgen. Bayer musste das Mittel vom Markt nehmen. Die Hersteller ähnlicher Substanzen nutzen dies, um herauszustreichen, dass ihre Mittel nicht nur sicherer, sondern auch wirksamer seien. Seit einigen Wochen nun das vorläufig letzte Kapitel in der Auseinandersetzung um Statine: Der Konzern Pfizer weigert sich, den Wirkstoff Atorvastatin (Handelsname: „Sortis“) zum von Ärzte- und Kassenvertretern gemeinsam bestimmten Festbetrag zu verkaufen. Mit der Folge, dass Patienten für zum Beispiel eine Packung mit 100 Tabletten zu 20 Milligramm gut 57 Euro hinzuzahlen müssen.

Die Firma argumentiert, ihre Statin-Variante sei viel wirksamer als andere. Und sowohl die (meist wenig unabhängige) ärztliche Fachpresse als auch manche Zeitungen griffen dies auf. „Dies ist eine gezielte Verunsicherung der Öffentlichkeit mit Hilfe von unsauberen Zahlenspielen“, kommentierte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Bruno Müller-Oerlinghausen, beim Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin.

Die statistischen Zahlenspiele laufen unter Kürzeln wie RRR, ARR und NNT. RRR steht für relative Risikoreduktion. So ist zu lesen, dass Atorvastatin die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten um 44 Prozent und die Gefahr eines Schlaganfalls um 41 Prozent senke, während die Konkurrenten (etwa Simvastatin oder Pravastatin) sehr viel schlechter wirkten. Frank Meyer (Magdeburg) zeigte eine der vielen Anzeigen, die genau mit dieser angeblichen Überlegenheit wirbt – und räumte mit der „umsatzfördernden Fehlinterpretation“ gründlich auf. Die absolute Risikoreduktion mittels Atorvastatin nämlich betrage für Herzkreislauf-Erkrankungen nur 3,2 und für Schlaganfall 1,5 Prozent, und das im Vergleich zu einer wirkstofflosen Pille.

Aber auch diese Art der Darstellung ist noch wenig aussagekräftig. Mittlerweile ist es eigentlich üblich, Studienergebnisse so darzustellen, dass deutlich wird, wie viele Menschen behandelt werden müssen, um ein „Ereignis“ zu vermeiden - auf Englisch: Number Needed to Treet (NNT).

Je höher diese Zahl, desto weniger nützlich die Behandlung. Erst dies erlaubt eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Medikamenten. Und siehe da: Um zum Beispiel einen Schlaganfall zu verhüten, müssen 77 Menschen Atorvastatin einnehmen, die vermutlich nichts davon haben. Meyer legte einen Vergleich von Untersuchungen vor mit dem Ergebnis: je nach Studie variieren die NNT, aber ein Vorteil von Atorvastatin ist nicht erkennbar.

Nun wissen leider weder Arzt noch Patient, wer dieser zwanzigste, hundertste oder nur tausendste ist, der von einer Behandlung profitiert. Aber immerhin, so der Marburger Arzneimittelexperte, erleichtert die NNT die Entscheidung, ob eine Medikamenteneinnahme angesichts von Nebenwirkungen und geringem Nutzen überhaupt sinnvoll ist und welche Substanz für den jeweiligen Kranken am ehesten in Frage kommt.

Ersatzweise werben Pharmafirmen mit der stärkeren Senkung entsprechender Laborwerte. Dabei sind Cholesterinwerte, so die Experten in Berlin, lediglich „Surrogatparameter“: ein für sich genommen nichts sagender Ersatz, weil die Senkung etwa des LDL-Cholesterins alleine nichts über den klinischen Nutzen sagt.

Der Mediziner und Ökonom Karl Lauterbach legte dar, dass bisherige vergleichende Statin-Studien nicht überzeugen. Allerdings sei es beim einzelnen Patienten ethisch ohnehin nicht vertretbar, eine Behandlung wegen einer hohen NNT zu unterlassen. Am ehesten, so die einhellige Meinung beim Ärzteforum, haben Patienten etwas von der Cholesterin-Senkung, die zugleich mehrere hohe Risiken tragen.

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