Gesundheit : „Die Berliner Unis müssen effizienter werden“

Wedig von Heyden, Generalsekretär des Wissenschaftsrats, verlangt, Doppelangebote abzubauen

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WEDIG VON HEYDEN (60) ist seit Anfang 2001 Generalsekretär des Wissenschaftsrats.


Herr von Heyden, an den Berliner Universitäten herrscht Unruhe. Die UniPräsidenten sagen, sie müssten 240 Professuren und 10000 Studienplätze abbauen. Berlins Wissenschaftssenator hält dagegen, die Unis hätten im nichtwissenschaftlichen Bereich, in der Verwaltung oder bei den Immobilien noch größere Einsparmöglichkeiten. Wer hat Recht?

Das kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Sagen aber kann man, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach an jeder Universität Einsparpotenzial gibt, etwa in der Verwaltung. Man kann auch Lehrkapazitäten einsparen, wenn man die Studiengänge auf Bachelor und Master umstellt. Unabhängig davon bedauert der Wissenschaftsrat, dass auch in Berlin an den Universitäten gespart wird. Die Politik verkennt die Lage der generell unterfinanzierten Hochschulen, wenn sie so tut, als ob man dort ohne weiteres 75 Millionen Euro sparen könnte.

Die Unis sagen, gerade die Umstellung auf Bachelor und Master kostet Geld. Schließlich müssen die Studenten in den praxisnahen Studiengängen besser betreut werden als jetzt.

Der Bachelor-Abschluss soll aber schneller erreicht sein als das alte Diplom, nämlich in der Regel in drei statt fünf Jahren. Hierüber werden Kapazitäten frei. Es ist Aufgabe der Politik zu entscheiden, wie man diese freien Kapazitäten nutzen will: für eine bessere Betreuung der Bachelor-Studenten oder für einen möglichst breiten Übergang der Bachelor-Absolventen in den Master-Studiengang. Der Wissenschaftsrat spricht sich für einen beschränkten Zugang aus.

Sind die Berliner Universitäten bei der Einführung von Master und Bachelor zu zaghaft?

Die Humboldt-Universität und die Freie Universität sind dabei recht weit fortgeschritten. Zaghaft sind insbesondere die Ingenieurwissenschaften in den Technischen Fakultäten. Das gilt auch für die TU Berlin. Allen Universitäten gemeinsam ist, dass sie noch viel zu wenig akkreditiert haben.

Wo sehen Sie noch Anhaltspunkte dafür, dass die Berliner Universitäten nicht effizient genug arbeiten?

Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Universitäten seit Jahren, Schwerpunkte zu setzen und sich dabei abzustimmen. Dies gilt in besonderer Weise für Berlin; dies hat der Wissenschaftsrat auch in seinen Empfehlungen aus dem Jahr 2000 herausgearbeitet. Mit Stirnrunzeln beobachten wir, dass das bislang nicht ausreichend geschieht, etwa in den Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Erziehungswissenschaften. So sollten an der Technischen Universität – abgesehen von den Berufsschullehrern – keine Pädagogen ausgebildet werden.

Heißt das, die Unis könnten auf die 75 Millionen Euro auch verzichten, ohne gleich große Flurschäden anzurichten?

Berlin scheint diese Sparsumme für unumgänglich zu halten. Wenn die Universitäten effizienter werden, müssen deshalb aber nicht in größerem Ausmaß Studienplätze verloren gehen. Zum einen dürfte es auch in Berlin unterausgelastete Fächer geben; zum zweiten sollten vorhandene Doppelangebote auf den Prüfstand gestellt werden. Auch sollten die Universitäten prüfen, ob die Umsetzung der Sparerfordernisse nicht einzelne Fachbereiche so schrumpfen lässt, dass sie alleine nicht mehr lebensfähig sind und nur auf Grund eines Zusammenschlusses weiter bestehen können. In jedem Fall muss die Politik anerkennen, dass es sich hier um schwierige und langfristige Prozesse handelt. Außerdem gibt es noch einen heiklen Punkt: Nicht alle Professoren sind in der Forschung sonderlich aktiv. Was spricht dagegen, dass diese dann ein höheres Lehrdeputat bekommen? Dafür muss die Politik die rechtlichen Grundlagen schaffen.

Doppelangebote abbauen und Schwerpunkte setzen: Heißt das, Sie halten die Volluniversität mit einem sehr breiten Fächerspektrum für nicht mehr möglich?

Keine Universität in Deutschland kann heute ernsthaft den Anspruch erheben, auf Dauer eine Volluniversität zu bleiben. Es müsssen Profile gebildet werden.

Der Senator hat es den Unis überlassen, selbst Einsparvorschläge zu unterbreiten. Die Vorschläge decken sich aber nicht mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrats. Die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät der HU soll eingestellt werden, die TU kann sich noch nicht dazu durchringen, ihre Lehrerausbildung abzugeben. Sind die Unis überfordert?

Ich finde es richtig, dass die Berliner Politik den Universitäten nur die Eckdaten vorgibt und sich aus der Umsetzung im Einzelnen zurückzieht. Allerdings muss der Berliner Senat dafür sorgen, dass es bei dieser Umsetzung zu den erforderlichen Abstimmungen zwischen den Universitäten kommt.

Wie könnte der Senat dabei helfen?

Der Wissenschaftsrat hat schon früher empfohlen, einen Landeshochschulrat einzusetzen. Das würde das Geschäft sehr erleichtern.

Welche Rolle sollte die Nachfrage der Studenten bei den Kürzungen spielen? Schließlich wollen die Uni-Präsidenten eine hohe Forschungsqualität auch in Fächern sichern, die bei den Studenten weniger beliebt sind, wie Chemie oder Physik.

Natürlich spielt die Nachfrage eine Rolle. Die Ingenieurwissenschaften zum Beispiel sind besonders teuer, aber waren viele Jahre nicht gut nachgefragt. Andererseits gibt es einen enormen gesellschaftlichen Bedarf an Ingenieur- und Naturwissenschaftlern. Man sollte sich nach der Auslastung richten und das Angebot gegebenenfalls auf eine Universität verlegen oder in der Lehre kooperieren.

Die FU hält trotz der Sparvorgaben weiter an der vollen Personalausstattung ihrer Regionalinstitute fest, obwohl diese vor drei Jahren vom Wissenschaftsrat nicht gut evaluiert wurden. Wie beurteilen Sie das?

Ja, ein Teil der Regionalinstitute wurde vom Wissenschaftsrat kritisch gesehen. In jedem Fall gilt auch hier: Neben den wissenschaftlichen Erfolgen sollte auch die Frage der Auslastung eine Rolle spielen.

War es richtig von den Unis, einen fast flächendeckenden Numerus clausus einzuführen? Die Kapazitäten im Hauptstudium sind keineswegs immer ausgelastet.

Das ist sicherlich als Notmaßnahme zu deuten. Die Universitäten wussten ja nicht, was die Sparsumme konkret bedeutet. Aber auf Dauer kann diese Maßnahme so keinen Bestand haben. Denn die Rechtsprechung verlangt, dass die Kapazitäten ausgelastet sein müssen. Die Sparvorgaben gelten aber erst ab 2006 und zeigen noch keine Folgen.

Die Studenten protestieren auch gegen Studiengebühren. Welche Haltung hat der Wissenschaftsrat zu diesem Thema?

Der von Bund und Ländern getragene Wissenschaftsrat kann sich hierzu nicht äußern, da die Ansichten in dieser Frage teilweise diametral auseinander gehen. Ich gehe aber davon aus, dass das Urteil des Verfassungsgerichts, das im nächsten Jahr erwartet wird, eine neue Diskussion in Gang bringen wird.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

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