Gesundheit : "Die Charité soll Uni-Klinikum bleiben"

Sabine Beikler,Anja Kühne

Mit großer Überraschung haben Charité-Professoren und auch eine Reihe von Politikern auf einen Bericht in der "Berliner Zeitung" vom Dienstag reagiert, wonach die SPD plant, die Charité als Uniklinikum aufzugeben. Die Landesvorstandssprecherin der Grünen, Regina Michalik, sagte dem Tagesspiegel, das Thema Hochschulmedizin sei während der Sondierungsgespräche zwischen SPD, Grünen und FDP nicht angesprochen worden. "Dieser Vorschlag ist nicht abgestimmt", sagte Michalik.

Der Grünen-Haushaltsexperte Oliver Schruoffeneger lehnte den SPD-Vorschlag ab. Sollte jetzt der Beschluss gefasst werden, nur noch das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz zu halten, müsse das Land Berlin rund 300 Millionen Mark Hochschulbaufördermittel für die Charité an den Bund zurückzahlen. "Diese Gelder haben wir zweckgebunden bekommen." Es sei für Berlin kostengünstiger, die Sanierung des Charité-Bettenhauses mit den notwendigen Landesmitteln in Höhe von 150 Millionen Mark zu beenden. Außerdem lehnten die Grünen eine Reduzierung der Studienplätze in Berlin ab. Die Aufgabe der Charité als Universitätsstandort hätte dies zur Folge.

Auch Lisa Paus, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, war von dem SPD-Vorschlag überrascht. Man habe sich während der Verhandlungen über die Hochschulverträge darauf verständigt, eine Expertenkommission zu gründen, die bis zum Sommer 2002 einen Vorschlag zur Zukunft der Hochschulmedizin in Berlin ausarbeiten soll. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser SPD-Vorschlag als Substanz bei den Koalitionsverhandlungen trägt."

Die FDP hält sich mit einer Stellungnahme zurück. Martin Matz, stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender, verweist auf die Koalitionsverhandlungen. Man wolle ein "tragfähiges Paket" schnüren und nicht jetzt mit Einzelforderungen in die Gespräche gehen. Die Berliner CDU bezeichnet den Vorstoß der SPD als "unverantwortlich". Dadurch gefährde man Arbeitsplätze und setze die internationale Reputation der Charité aufs Spiel.

Verwunderung verursachten die Überlegungen aus der SPD-Parteispitze auch bei Parteigenossen. Der hochschulpolitische Sprecher der SPD, Peter Schuster, sagte: "Das klingt mir sehr unwahrscheinlich." Er halte einen solchen Plan, nach dem Berlin nur noch das Benjamin-Franklin-Klinikum in Steglitz als Uni-Klinikum bliebe, für "politisch nicht durchzuhalten". Für die Senatsverwaltung für Finanzen sagte deren Sprecherin Christine Peters: "Überlegungen in der Finanzverwaltung sind mir nicht bekannt." Von bloßen "Gerüchten" sprach die Sprecherin des Berliner Landesverbands der SPD, Anja Sprogies: Über Einzelfragen werde man überhaupt erst in den Koalitionsverhandlungen sprechen. Der Sprecher des Senats, Helmut Löllhöffel, sagte, über entsprechende Absichten "ist im Senat nie gesprochen worden."

Dass die Nachricht an der Charité Aufregung verursacht, obwohl es sich noch nicht um konkrete Pläne handelt, hängt mit älteren Sparvorschlägen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit zusammen. Vor der Wahl hatte er vorgerechnet, dass die Berliner Hochschulmedizin teurer sei als die anderer Bundesländer und schlug Einsparungen von 150 Millionen Mark vor. Nach den Hochschulverträgen müssen die Klinika 145 Millionen Mark einsparen, den Großteil der Summe soll die Charité erbringen.

Der ärztliche Direktor der Charité, Manfred Dietel, hält den Gedanken, die Charité in ein normales Krankenhaus umzuwandeln, für "absurd". Er rechnet vor, dass die Charité im Jahr 100 Millionen Mark Drittmittel einwirbt, von denen 1850 Arbeitsplätze direkt abhängig seien. "Der Flurschaden für die Wirschaft wäre enorm." Dietel bezeichnete die Charité als Sockel, von der die Berliner Biotechnologie und Molekularmedizin maßgeblich abhingen und zitierte aus einer Studie des Deutschen Institus für Wirtschaftsforschung (DIW), wonach jede in die Forschung investierte 2,8 Mark zurückbringe. Dietel will sich um ein klärendes Gespräch mit Wowereit in den nächsten Tagen bemühen.

Der Dekan der Charité, Joachim Dudenhausen, warnte vor einem weiteren Abbau von Studienplätzen in der Medizin: "Es kommt der Tag, da brauchen wir Greencards für Ärzte." Er hält es für völlig abwegig, auch nur den Standort in Mitte als Uniklinkum zu schließen: Die Hälfte der Studienplätze der Humboldt-Uni würde dann wegfallen. Große Bereiche wie die Pathologie, die Immunologie und Neurologie könnten nach Dudenhausens Ansicht im Weddinger Rudolf-Virchow-Klinikum, dem zweiten Standbein der Charité, unmöglich Platz finden.

Ein ähnlicher Vorschlag, wie er jetzt in der SPD kursiert, kam vor den Wahlen von der PDS, die eine Fusion der beiden Uniklinika Charité (Humboldt-Uni) und Benjamin Franklin (Freie Universität) vorgeschlagen hatte.

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