Gesundheit : „Die Eltern erwarten vergleichbare Standards“

NAME

Die Kultusminister der Länder haben auf ihrer jüngsten Tagung in Eisenach vereinbart, länderübergreifende Vergleichsarbeiten in den Schulen schreiben zu lassen, um Klarheit darüber zu gewinnen, was wirklich gelernt worden ist. Reicht diese Maßnahme als Reaktion auf den Pisa-Schock aus?

Nein, ganz gewiss nicht. Es ist ein erster richtiger Baustein. Wir bereiten jetzt eine andere Steuerung des Bildungswesens über eine Bewertung von Ergebnissen des Unterrichts vor. Gemeint sind Ergebnisse im Blick auf Bildungsstandards. Das beginnt mit der Diagnose in der einzelnen Schule, das geht über eine länderinterne Wertung und soll – das ist ein wichtiger weiterer Schritt – im Vergleich der Länder münden.

Ist der geheiligte Grundsatz, dass jedes Land für sich die Schulfächer in Eigenverantwortung gestaltet, und zwar durch eigene Curricula, überholt? Ist er nicht mit schuld an dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei den internationalen Schultests?

Zum Föderalismus gehören nach meiner Überzeugung zwei Pflichten. Das eine ist der Wettbewerb um die besten Ideen als Motor für Innovation. Von daher bin ich leidenschaftliche Föderalistin. Die andere Pflicht aber ist ebenso bedeutsam: In der schulischen Bildung müssen wir vergleichbare Standards zwischen allen 16 Ländern haben. Eltern erwarten von uns zu Recht, dass die Bildungschancen und damit auch die Zukunftschancen ihrer Kinder nicht davon abhängen, in welcher Region in Deutschland sie leben. Deshalb müssen wir auf der einen Seite akzeptieren, dass es unterschiedliche Lehrpläne und auch unterschiedliche Arten der Lehrpläne gibt, aber klar muss zwischen uns sein: Es gibt vereinbarte Standards, die erreicht werden müssen und dazu benötigen wir die Evaluation.

Was unterscheidet eigentlich die vergleichbaren Standards von der bisherigen Arbeit an den Curricula, in denen die Unterrichtspläne von Klasse zu Klasse definiert wurden?

Die von der CDU und CSU regierten Länder haben den Kultusministern in Eisenach erste Standards angekündigt, auf die wir uns geeinigt haben, und zwar für die Fächer Physik, Chemie, Englisch, Französisch und Mathematik. Was sind Bildungsstandards? Sie formulieren das Wissen und die Kompetenzen, auch methodische und überfachliche Kompetenzen, die nach einem bestimmten Bildungsabschnitt zu erreichen sind. Ich beschreibe diese Kompetenzen und dieses Wissen – das kann in einer Sprache ein erreichter Wortschatz sein –, und ich liefere Beispiele und Musteraufgaben als Einstieg in die Evaluation. Ich beschreibe nicht nur, was sein soll, sondern ich liefere zugleich das Instrument, um zu erfahren, ist denn tatsächlich das auch erreicht worden, was wir an Standards formuliert haben.

Bisher wussten die Eltern zum Entsetzen vieler Angehöriger der älteren Generation nicht, ob die Schüler in Deutschland überall wenigstens einmal den Faust I gelesen oder nur Ausschnitte von Faust I zur Kenntnis genommen oder überhaupt nichts von diesem Werk erfahren hatten. Jetzt hat der brandenburgische Schulminister Steffen Reiche (SPD) eine Literaturliste für den Deutschunterricht für die Klassen sieben bis zehn entwickelt mit über 200 Titeln. Da findet sich neben viel moderner Literatur unter anderem auch Faust I von Goethe als Pflichtlektüre. Ist das der richtige Weg, um zu vergleichbaren Standards zu kommen?

Das ist eigentlich die Diskussion über den Literaturkanon im Deutschunterricht. Wir müssen die Aufgabe leisten, einen Kernbestand an Literatur zu beschreiben, von dem wir sagen, wer die Kultur begreifen will, in der wir leben und wer einen Zugang zur Literatur erreichen will, der muss das gelesen und sich damit beschäftigt haben. Ich bin aber auch dafür, nicht so schnell etwas zu formulieren, das dann geschlossen wirkt. Denn natürlich muss es zu einem Kanon auch Alternativen geben. Junge Leute lesen in Deutschland laut der Pisa-Studie furchtbar ungern. Es muss wirklich relevant ausgewählt werden und gleichzeitig darf die Kenntnis von Literatur in der Schule nicht vor 20 oder 30 Jahren aufhören, wenn wir es schaffen wollen, dass Jugendliche – und das ist vor allem ein Jungenproblem – nicht den Kontakt zum Buch völlig verlieren sollen.

Kenner der Schulszene sagen, dass die herkömmlichen Lehrpläne im Grunde genommen überflüssig sind. Entweder halten sich nur Anfänger oder unsichere Lehrer an sie. Auf der anderen Seite werden diese Curricula mit hohen Erwartungen und einem riesigen Aufwand erstellt. Wie sollen die Bildungsstandards und die unverzichtbaren Kompetenzen einen neuen Akzent setzen?

In der Tat sind die meisten Lehrpläne in Deutschland heute stark mit Spezialwissen überfrachtet, das eine relativ kurze Zeit von den Schülern behalten wird. Nach der nächsten Klassenarbeit verschwindet es jedoch auf Nimmerwiedersehen. Pisa hat uns vor Augen geführt, dass Schüler und Schülerinnen in Deutschland vieles von dem, was sie gelernt haben, nicht verstehen und nicht anwenden. Deshalb werden wir in Baden-Württemberg die Bildungsstandards mit einem Kerncurriculum verbinden, in dem gegenüber den heutigen Lehrplänen nur noch maximal zwei Drittel beschrieben werden. Von diesem Kern glauben wir: Das ist gleichsam eine Hilfestellung, eine Orientierung im Blick auf die Bildungsstandards. Mindestens ein Drittel ist nicht festgelegt, sondern dient zur Vertiefung, zur Ergänzung für aktuelle Module. Heute ist es so, dass alles, was aktuell in die Schulen hereingetragen wird, noch einmal oben draufgepackt wird. Wir brauchen deshalb auch ein Kerncurriculum, weil wir eine Grundlage für nachhaltigeres Lernen, für eine Stärkung der Grundlagen benötigen. Grundsatz muss sein: Abbau von Spezialwissen, Stärkung der Grundlagen. Das Kerncurriculum ist dafür ein guter Weg.

Sind die Standards, die die acht unionsregierten Länder verabredet haben, so zu verstehen, dass sie nur dann bundesweit vernünftig gehandhabt werden können, wenn man sich auf ein Kerncurriculum verständigen kann?

Soweit sind wir noch nicht. Auch andere Länder zeigen uns, die schon sehr viel mehr Erfahrung mit Bildungsstandards und Evaluation haben, dass die Wege dahin unterschiedlich sein können. Das kann das Kerncurriculum sein, das kann in manchem Land so sein, dass die Schule den Lehrplan erstellt. Ich schließe auch nicht aus, dass manches Land sagt, wir entschließen uns aus unserer Tradition für ausführlichere Lehrpläne, die aber am Standard orientiert sind. Ich halte nichts davon, die Wege zu uniformieren. Die Länder, die mit der Evaluation Erfahrung gesammelt haben, sind in dieser Hinsicht nicht zentralistisch, sondern zeichnen sich durch sehr selbstständige Schulen aus. Zur Qualitätssicherung sind die Standards wichtig. Wenn das erreicht ist, dass wir wirklich in eine Evaluation gehen, dann ist das ein riesengroßer Schritt. Die Evaluation muss künftig zur Bildungsberichterstattung der Kultusministerkonferenz der Länder gehören und darf nicht nur eine reine Statistik sein, sondern muss auch Rechenschaft geben über Standards und das, was wir an Ergebnissen zu bewerten haben.

Kommen wir dann auch zu einer Regelung, dass an einem festgelegten Tag bundesweit an allen Schulen bestimmte vergleichbare Arbeiten geschrieben und zentral ausgewertet werden?

Bei Pisa haben wir schon einen solchen gleichen Zeitpunkt nicht für alle Schulen, sondern für eine repräsentative Stichprobe. Das wird auch künftig so sein. Das ist auch in anderen Ländern wie Finnland so. Es darf daraus kein Riesenbürokratismus entstehen, sondern es muss entsprechend den Regeln einer solchen empirischen Untersuchung geschehen. Aber es wird schon so sein, dass wir sagen, in diesem Jahr zu diesem Zeitpunkt wird am Beispiel einer repräsentativen Stichprobe diese Kompetenz in allen 16 Ländern getestet und dann bietet der nächste Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz die Möglichkeit, die Ergebnisse darzustellen, zu bewerten und mit Schlussfolgerungen zu verbinden.

Sind sich alle Unions-regierten Länder über diese letzten praktischen Konsequenzen klar und wie ist die Bereitschaft der SPD-regierten Länder, auch diesen Weg einzuschlagen?

Die Unions-regierten Länder, die das erarbeitet haben, sind sich einig auch in diesen ganz praktischen Fragen. Wir haben immer gesagt, ein wirklicher Fortschritt ist erst dann erreicht, wenn Standards und Evaluation zusammenkommen. Die SPD hat signalisiert, dass sie auch davon ausgeht, dass wir solche Qualitätsstandards brauchen. Auch Kultusminister der SPD wünschen eine Evaluation. Von daher habe ich die Hoffnung, dass auf der Grundlage dieses prinzipiellen Konsenses, den uns die Sozialdemokraten in Eisenach signalisiert haben, jetzt auch in der entsprechenden Arbeitsgruppe der KMK zügig über die Umsetzung beraten wird. Die Öffentlichkeit erwartet, dass wir bald zu Ergebnissen kommen und nicht über viele Jahre Arbeitsgruppen beschäftigen, die erst zum Zeitpunkt der nächsten Schülergeneration die ersten Konsequenzen aus Pisa liefern.

Das Gespräch führte Uwe Schlicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben