Gesundheit : Die Fachdidaktik ist kein "Rübenacker für Saisonkräfte"

DANIEL ECKERT

Für alle, die an der Humboldt-Universität für das Lehramt Deutsch oder eine Fremdsprachendidaktik eingeschrieben sind, könnte das Studium ab Herbst nächsten Jahres schwieriger werden.Wenn im August 1999 Professor Bodo Friedrich in den Ruhestand geht, wird der einzige Fachdidaktik-Lehrstuhl der Germanistik verwaist sein.Zwar ist von Seiten der Fakultät geplant, zum Ausgleich zwei neue C3-Stellen zu schaffen: eine für Literatur-, und eine für Sprachdidaktik.Doch zwischen Einrichtung, Ausschreibung und Besetzung einer Stelle können, mitbedingt durch die schlechte Haushaltslage, mehrere Jahre vergehen.

Und was bedeutet dies für die mehr als 1200 angehenden Deutschlehrerinnen und -lehrer der HU? Wohl bestehe die Möglichkeit, die befürchteten Personalengpässe durch Vertretungen und Lehraufträge aufzufangen, meint eine Dozentin aus der Germanistischen Linguistik.Allerdings dürfte auf jeden Fall mit "Unruhe und leichten Verzögerungen" im Lehrbetrieb zu rechnen sein.Gravierendere Nachteile sieht dagegen Professor Friedrich voraus.Nicht nur, daß bei der Praktikumsbetreuung und bei Prüfungen Störungen zu erwarten seien, darüber hinaus befürchtet er eine langfristige Beschädigung der Fachdidaktik als Wissenschaft."Die Forschung bleibt auf der Strecke", so seine Klage, denn "die Fachdidaktik ist kein Rübenacker, der mit Saisonkräften bestellt werden kann".

Kaum besser als in der Germanistik stellt sich die Situation in anderen Fächern der Philosophischen Fakultät II dar.Mit Ausnahme der Anglistik (551 Lehramtsstudierende), wo mit dem Lehrstuhl von Professor Volker Raddatz eine letzte Fachdidaktikstelle in der Fakultät auf absehbare Zeit gesichert ist, scheinen allen fremdsprachlichen Philologien in den kommenden Jahren qualitative Einschränkungen ins Haus zu stehen - meist als Folge von Pensionierungen.So wird die Slawistik (123 Lehramtsstudierende) ab 1999 ebenfalls auf Vertretungen und Lehraufträge angewiesen sein.

Noch härter trifft es die Romanistik (308 Lehramtsstudierende), in der ohnehin schon zwei Professorenstellen unbesetzt sind.Nach dem bevorstehenden Weggang von Professor Michael Wendt wird hier zusätzlich noch die Fachdidaktikprofessur verwaist sein.Für das Romanistische Institut doppelt ungünstig, weil dies die geplante Einrichtung der Lehramtsausbildung Italienisch - es wäre die erste in Berlin und Potsdam - betrifft.Dieses Vorhaben ist nach den jüngsten Entwicklungen nun ernsthaft in Frage gestellt.

Anders als viele Lehramtsstudierende, die sich bereits verunsichert an ihre Institutsleitungen gewandt haben, sieht die Universitätsspitze keinen Grund zur Besorgnis.Von einer Schwächung oder gar Krise der Fachdidaktik will die HU-Vizepräsidentin Ursula Schaefer nichts wissen: Wo es eine Lehrerausbildung gebe, brauche es auch eine Fachdidaktik.Es sei ausdrücklicher Wille der Universität, daß die Fachdidaktiken den jeweiligen Disziplinen erhalten bleiben, das habe sie mehrfach betont.Also falscher Alarm? Auch im Germanistischen Institut können viele Lehrende die Befürchtungen nicht nachvollziehen.

Unbestritten bleibt indes, daß die Fachdidaktik als wissenschaftliche Disziplin schweren Zeiten entgegengeht.Hinter vorgehaltener Hand äußern manche "reinen" Fachwissenschaftler Zweifel an Sinn und Zweck didaktisch ausgerichteter Seminare.Aber nicht nur aus der Professorenschaft erklingen skeptische Töne.Auch viele Studentinnen und Studenten sind mit Form und Inhalt ihrer fachdidaktischen Pflichtveranstaltungen unzufrieden.So wird beispielsweise oft bemängelt, die Dozenten würden ihren eigenen didaktischen und methodischen Ansprüchen nicht gerecht und führten sich damit ad absurdum.Anlaß zur fachlichen Selbstkritik sieht auch Michael Kämper-van den Boogaart, der in der Germanistik die Lehrstuhlvertretung für die Didaktik des Deutschunterrichts inne hat: Wenn Studierende die Fachdidaktik als irgendwie beliebig empfänden, sei das "fatal".Andererseits biete eine funktionierende Fachdidaktik die große Chance, künftigen Lehrerinnen und Lehrern die Souveranität zu vermitteln, im späteren Schulunterricht "nichts zu tun, wovon sie nicht selbst überzeugt sind."

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