Gesundheit : Die Geister, die sie riefen

Großbritannien möchte die Studiengebühren wieder los werden – aber es drohen neue Haushaltslöcher

Kathrin Singer

„Viele junge Leute denken nicht zweimal darüber nach, wenn sie einen Kredit für ein Auto oder ihre Ferien aufnehmen müssen. Beides aber sind Gegenstände, deren Wert sich mit der Zeit vermindert, Investitionen in die Bildung dagegen ermöglichen ihnen einen Start, der ein Leben lang reicht.“ Mit diesem provokanten Vergleich mischte sich jüngst der neue britische Bildungsminister, Charles Clarke, in die angeheizte Diskussion über die Zukunft der Studiengebühren ein.

Clarkes Äußerung überraschte viele, galt er doch als ehemaliger Vorsitzender der Nationalen Studenten Union eigentlich als Gebührengegner. Einmal im Kabinett teilt er aber nun offensichtlich die Meinung seines Chefs Tony Blair. Der ist inzwischen überzeugt, dass es keinen anderen Weg gibt als an den von ihm 1997 eingeführten Studiengebühren festzuhalten – allen Kontroversen zum Trotz. Es gilt zurzeit sogar als wahrscheinlich, dass man den Topuniversitäten erlaubt, zusätzliche Gebühren zu erheben. Der Rektor des renommierten Imperial College in London, Sir Richard Sykes, hat bereits öffentlich angekündigt, dass sein College ungefähr 10 500 Pfund pro Jahr für angemessen hält.

Die prinzipielle Entscheidung darüber war schon für Dezember 2001 versprochen und wurde jetzt bereits zum vierten Mal verschoben. Jetzt mit der Begründung, dass der neue Minister sich erst eine Meinung bilden muss, nachdem seine Vorgängerin Estelle Morris im Oktober auch wegen dieses kontroversen Themas ihr Amt niedergelegt hat. Dem Vernehmen nach konnte und wollte sie diesen Konflikt mit Premier Blair nicht austragen.

Alle sind sich darüber einig, dass die Hochschulen gravierende Probleme haben. Die jährlichen Ausgaben pro Student sinken seit Jahren. Noch vor zehn Jahren kamen auf neun Studenten ein Dozent, inzwischen hat sich die Zahl der Studenten pro Lehrer verdoppelt. Der Zustand der Gebäude und Anlagen verschlechtert sich, die Forschungsgeräte sind veraltet. Gleichzeitig geht der britische Anteil an den erstklassigen Forschungsergebnissen weltweit zurück. Erstklassige Forscher wandern verstärkt in Richtung USA ab – angelockt durch bessere Forschungsbedingungen und attraktivere Gehälter. Ein weltweit bekanntes Phänomen. Die Rechnungen der Universitäten ergeben, dass sie zusätzlich zu den von der Regierung zugebilligten acht Milliarden Pfund pro Jahr in den nächsten drei Jahren 9,94 Milliarden Pfund an öffentlichen Gelder benötigen werden, um die Situation zu verbessern.

In der Regierung zuckt man allerdings nur mit den Schultern und bezeichnet diese Rechnung als pure Fantasie. Seit 17 Monaten sucht man deshalb nach Möglichkeiten, um das Loch in der Kasse langfristig zu stopfen. Vor allem will man die richtige Balance finden: Zwischen einer universitären Ausbildung, die im Weltmaßstab standhält, und einer Finanzierung, die Nutznießer des Systems einbezieht. Drei Gruppen wurden dabei ausgemacht: Die Absolventen, die wie in den USA üblich, zur Unterstützung ihrer Hochschulen beitragen könnten. Deren Engagement soll die Regierung nun fördern. Die Studenten selbst, die in ihrem späteren Arbeitsleben in Großbritannien erheblich stärker von einem Hochschulabschluss profitieren als beispielsweise in Deutschland. Ein britischer Hochschulabsolvent verdient rund 400 000 Pfund mehr als der nationale Durchschnitt, errechnet die OECD. Zu den Nutznießern zählen aber auch die künftigen Arbeitgeber. Diese drei Gruppen sollen nun in die Rechnung einbezogen werden, so der offizielle Standpunkt der britischen Regierung.

Über 200 Finanzierungsmodelle wurden unter diesem Blickwinkel betrachtet, 40 davon durchgerechnet. Das ernüchternde Ergebnis: Die Studiengebühren müssen beibehalten werden. Von Abschaffen ist keine Rede mehr, trotz des Studentenschwunds.

Doch was kann man ändern? Im Gespräch ist erneut eine Absolventensteuer, die von vielen als fairer gesehen wird. In Schottland wird sie bereits erhoben. Ein Problem dabei ist jedoch, dass die Universitäten erst nach etlichen Jahren zu zusätzlichem Geld kämen. Blair macht außerdem geltend, dass die Hochschulen mehr Autonomie bekommen sollen. Eine Absolventensteuer würde jedoch erneut über die Regierung verteilt, würde also neue Abhängigkeiten bringen. Blair: „Ich möchte sicherstellen, dass unsere besten Universitäten die Freiheit und Unabhängigkeit bekommen, die sie wünschen.“

Deshalb ist der Premier sogar bereit, ihnen das Recht zu geben, mehr als die bisher festgeschriebenen 1100 Pfund an Studiengebühren pro Jahr zu verlangen. „Es geht nicht so weiter, dass unsere besten Universitäten im Weltmarkt nicht mithalten können“, sagt Blair zur Begründung. Doch diese Äußerungen rufen den Protest seines engsten Mitstreiters, Schatzkanzler Gordon Brown, hervor. Es gehe nicht um Freiheit. Universitäten gehörten, trotz ihrer Unabhängigkeit, wie Krankenhäuser und Schulen zum öffentlichen Service. Blairs Gedanke, die Marktwirtschaft in die Hochschulausbildung hineinzubringen, lehnt das Lager um Gordon Brown ab und mit ihm viele Mitglieder der Labourpartei. In dieser Woche sprach sich erstmalig sogar Kabinettministerin, Clare Short, öffentlich dagegen aus: Die „Top-Up-Gebühren“ sind eine wirklich schlechte Idee. Werden sie erlaubt, wird es zu einem Zweiklassensystem an den Universitäten kommen, in dem die Reichen zahlen und an die Eliteunis gehen.“

Über 120 Labour-Abgeordnete haben inzwischen eine Stellungnahme gegen die Studiengebühren unterschrieben. Sie fordern, die Einkommensteuer zu erhöhen, um damit das Finanzproblem zu lösen. Die Einführung der Studiengebühren hat sich als die kontroverseste Reform der Labour-Regierung unter Blair erwiesen. Geht der Premier zu weit, kann es im Parlament, in dem seine Partei die überwältigende Mehrheit stellt, zur Rebellion gegen seine Regierung kommen. Denn selbst wenn Labour weiterhin Familien mit niedrigem Einkommen unterstützt - auch jetzt zahlen nur 39 Prozent der Studenten die volle Gebühr, 42 Prozent zahlen gar nichts – wird genau die Mittelklasse, die den Wahlsieg von Labour fürs Parlament ermöglicht hat, am meisten von den Reformen betroffen sein. Und dennoch gehen alle Beteiligten davon aus, dass höhere Gebühren in der Größenordnung von 3000 bis 4000 Pfund auf dem Weg sind. Die Diskussion kann nur noch bewirken, die Ecken und Kanten der Reform etwas abzuschleifen.

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