Gesundheit : Die Geschichte eines Schuhhauses

DORTE VON STÜNZNER

Der Flur ist so ungemütlich, daß die Besucherin unwillkürlich noch einen Schritt schneller geht. Bloß vorbei an den schmutzig-beigen Tonkacheln am Eingang, den schwarzen Säulen und geometrischen Wandreliefs, die auch bei Sonne in trüben Farben Regenwetterstimmmung verbreiten. Keine leichte Aufgabe, in diesen Räumlichkeiten im Rathaus Kreuzberg eine Ausstellung zu gestalten, die Leute zum Verweilen einlädt. Das weiß auch Angela Harting, Studentin der Museumskunde im sechsten Semester, und trotzdem ist sie optimistisch. "Hier können wir zeigen, was wir für Fähigkeiten haben." Zusammen mit neun anderen angehenden Museologen und Museologinnen will sie den Kreuzbergern ihren Nachbarbezirk Friedrichshain in neun Ausstellungswänden auf angenehme Weise näherbringen.Erste Erfahrung im Ausstellungsmachen haben die neun bereits. Denn der achtsemestrige Studiengang "Museumskunde" an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft setzt auf Praxis. Um überhaupt zum Studium zugelassen zu werden, müssen die Studenten ein sechsmonatiges Vorpraktikum in einem Museum, im Kulturamt oder einer Kunstgalerie nachweisen.Im Studium geht es dann gleich weiter mit praktischer Arbeit. Das Inventarisieren, Dokumentieren und die computergestützte Datenerfassung von Sammlungsstücken - das Handwerkszeug eines Museumskundlers - lernen die Studenten schon im Grundstudium und natürlich auch die Organisation von Ausstellungen. "Wir haben im dritten Semester unsere erste Ausstellung über die Geschichte eines Schuhhauses in Berlin-Mitte gemacht", erzählt Angela Harting. Die Ergebnisse dieses Projektes präsentierten die Studenten damals noch in ihren Räumlichkeiten in der FHTW in Blankenburg. "Es kamen aber nur sehr wenige Besucher, weil es so weit draußen ist", erinnert sich die Studentin. Im Kreuzberger Rathaus hoffen die Studenten auf mehr Zulauf.Für die Ausstellung "Friedrichshain trifft Kreuzberg" muß jeder der Studierenden neben der Gestaltung einer Stellwand auch eine organisatorische Aufgabe übernehmen. Angela Harting beispielsweise ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, die anderen müssen den Aufstellungsaufbau planen, Karten anfertigen, Finanzpläne aufstellen und die Gesamtkonzeption im Auge behalten. Dabei lernen die Studenten fürs Leben. "Teamarbeit und interdisziplinäres Arbeiten ist ungeheuer wichtig im Museum", erklärt Angelika Ruge, die als Professorin für Museumskunde die Austellung betreut. Diese Fertigkeiten sollen beispielsweise durch die vier allgemeinwissenschaftlichen Ergänzungsfächer im Bereich Wirtschaft oder Kommunikationsdesign gefördert werden.Den Studiengang Museumskunde gab es bereits in der DDR. Angesichts der Veränderungen nach der Wende - durch das Zusammenlegen von Sammlungen und die gestiegenen Ansprüche der Besucher - wurde er 1993 mit einer ganz neuen Konzeption wiederbelebt. "Museen müssen heute markt- und besucherorientiert arbeiten", sagt Angelika Ruge. Die Studenten lernen deshalb Personalführung, Haushalts- und Vertragsrecht, Museumsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit - möglichst gleich direkt beim Profi. "Einer unserer Lehrer für Kunstmarketing hat selber eine Werbeagentur und dadurch einen ganz anderen Blickwinkel als die Leute aus der Museumswelt", sagt Angela Harting. Auch filmen und fotografieren haben die Studenten gelernt. "Die neuen Medien spielen in Museen eine viel größere Rolle als jemals zuvor", sagt Angelika Ruge. Besucher würden sich heute ihre Informationen am liebsten selber aneignen und legten Wert auf bewegte Bilder und Internetpräsentationen.Bei der Ausstellung in Kreuzberg können die Studenten nicht auf teure Installationen und Animationen zurückgreifen. "Die Räumlichkeiten sind nicht bewacht, deshalb können wir auch keine wertvollen Orginale ausstellen", erklärt Angela Harting. Trotzdem reicht die Palette der Ausstellungsstücke von Modeartikeln über Fotografien bis hin zu alten Karten aus der Geschichte des Bezirks. Mit all dem kennen sich die Studenten ein bißchen aus, denn "wir haben zum Beispiel Vorlesungen in Denkmalpflege, Kunst- und Naturgeschichte, in Ikonographie und auch in allgemeiner Geschichte, aber wir machen das alles natürlich nicht so intensiv wie die Historiker", erklärt Harting.Die Historiker und Kunstgeschichtler sind die größten Konkurrenten der Museologen auf dem Arbeitsmarkt. "Die Museumskundler haben aber gegenüber den Geisteswissenschaftlern den Vorteil, daß sie nach dem vierjährigen Studium die Arbeit im Museum in Theorie und Praxis viel besser kennen", sagt Angelika Ruge voller Überzeugung. Die Studenten wüßten aus Erfahrung, wie sie mit sensiblen Sammlungsstücken umzugehen hätten und könnten die Organisation von Ausstellungen optimieren. "Einige unserer Studenten haben auch Auslandserfahrungen im Amerika und Barbados gesammelt, und wir werden unser Austauschprogramm noch ausweiten", sagt Ruge.Rosig sieht es auf dem Arbeitsmarkt trotzdem nicht aus. Nur wenige der Absolventen haben bis jetzt eine feste Anstellung in einem Museum gefunden. Viele arbeiten frei an Projekten. Was würde Angela Hartig am liebsten machen? Sie kann sich fast alles vorstellen. "Einerseits würde ich gerne Herrin aller Dinge in einem Bezirksmuseum werden und meine kleinen Schätze hüten, wissen, wo sie sind und mit ihnen Ausstellungen machen." Andererseits reizt sie aber auch die Öffentlichkeit- oder die Verwaltungsarbeit in einem großen Museum. Und schließlich würde sie auch gerne auf freier Basis arbeiten. Mit dieser Arbeitsform hat sie in ihrem fünften Semester, dem Praxissemester, gute Erfahrungen gemacht, als sie für einen freischaffenden Historiker gearbeitet hat. Mit ihren Kenntnissen, da sind sich die Studenten sicher, werden sie dem ungemütlichen Flur ein angenehmes Flair einhauchen. "Wir möchten zum Beispiel eine Straßenatmosphäre schaffen, mit Bänken und Grünanlagen", verrät Angela Harting schon mal.

Die Ausstellung wird am Dienstag, dem 13.Juni, um 19 Uhr im zweiten Obergeschoß im Rathaus Kreuzberg eröffnet. Sie ist bis zum 3. Oktober zu sehen.

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