Gesundheit : Die Gewalt der Verdauung

Anatol Schneider

Fleisch ist männlich, Gemüse weiblich. Das gilt auch für die Schweiz, wo nur "das" Joghurt - psychoanalytisch gesprochen - noch im Stadium frühkindlicher polymorpher Sexualität verharrt. Fleisch wird im kulturellen Bewusstsein nämlich eher mit männlichen Eigenschaften wie Kraft, Gemüse eher mit weichen, weiblichen Eigenschaften wie Gesundheit verbunden. In jedem Fall steht unsere Nahrung, wie der Züricher Kulturhistoriker Jakob Tanner am Einstein-Forum vorführte, in enger Beziehung zu Charaktereigenschaften, ja selbst zu gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen. Damit ist auch die Frage beantwortet, wer warum am Tisch immer das größte Stück Fleisch erhält.

Nach den Ursprüngen solcher Zusammenhänge fahndete Tanner besonders im 19.Jahrhundert. Dort nämlich versuchten sogenannte "Gastrosophen", bürgerliche Theoretiker des Kulinarischen, besonders phantasiereich, eine gedankliche Verbindung von Esskultur und gesellschaftlicher Ordnung herzustellen. "Gute Küche" war dabei mehr als ein rein geschmackliches Problem, sie wurde als Zugewinn politischer Stabilität gewertet. Denn von guter Nahrung ließ sich über gute Gesundheit leicht der Bogen zu guter Kondition und schließlich sogar zu einer stabilen Gesellschaft schlagen. Kurzum: Kulinarische Leitkultur sollte als Bollwerk gegen revolutionäre Tendenzen dienen.

In diesem Sinn wollte auch der sattsam bekannte Satz verstanden sein: "Der Mensch ist nichts anderes, als er isst." Doch nicht Ludwig Feuerbach, wie oft vermutet, ist dessen Urheber. Der Gastrosoph Karl Friedrich von Ruhmor hat ihn bereits 1822 in einem Kapitel über die Suppen formuliert. Die so eingängige These über den Zusammenhang von Sein und Essen stiftet auf den zweiten Blick freilich eher Verwirrung. Immerhin bliebe die Möglichkeit, dass Menschen eben doch sind, was sie essen, weil sie eben essen, was sie sind.

Aber die Gastrosophie scheute auch andere Konsequenzen ihres Themas nicht. Wie nämlich der Franzose Anthelme Brillat-Savarin 1826 einsah, lebt man nicht in erster Linie von dem, was man isst, sondern von dem, was man verdaut. Die Verdauung, so der Franzose ist aber nicht nur diejenige Funktion, "die am meisten Einfluss auf das moralische Befinden des Individuums hat." Aber erst in der egalisierenden "Gewalt der Verdauung" liegt, so Sarasin, auch der Grund für eines der zentralen modernen politischen Gebote: das der Gleichheit. Die verschiedenen Genüsse, die auch unterschiedliche soziale Hierarchien bezeichnen, sind hier endgültig getilgt.

So absurd und freifliegend die gastrosophischen Assoziationen des 19. Jahrhunderts mitunter anmuten, Tanner zeigte in seinem Vortrag "Kulinarischer Materialismus und gesellschaftliche Ordnung" doch auch: noch die Gegenwart steht im Bann verwandter Konstellationen. Denn die aufgrund wissenschaftlicher Methoden wie der Gentechnik manipulierte Nahrung steht im Dienst eines Menschenbildes, für welches das reibungslose Funktionieren des Menschen an vorderster Stelle steht.

So erklärte der derzeitige Fellow am Wissenschaftskolleg, im "Functional Food", etwa bei Bionahrungsmitteln, werde alles, was dem Körper nicht nutzt oder gar schadet, vorsorglich eliminiert. Den neuen kulinarischen Materialismus, der etwa mit der genmanipulierten Nahrung Einzug gehalten hat, sieht Tanner daher als Antwort auf den Kollaps der sozialreformerischen Utopien in den letzten Jahren. Der Mensch als politisches und kulturelles Wesen ist eben doch, was er isst. Und der gesellschaftlichen Revolte bleibt angesichts des neuen kulinarischen Materialismus allein noch die Currywurst.

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