Gesundheit : Die heutige Uni-Generation ist arbeitsfreudig und wissensdurstig

Anne Strodtmann

Der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Frühwald, hatte überschwängliches Lob für deutsche Studenten parat: "Ich habe noch keine Studentengeneration erlebt, die so fröhlich, arbeitsfreudig und wissensdurstig ist wie diese." Zwischen 20 und 30 Prozent der Studierenden seien "exzellent". Ihnen folge ein breites Feld, das immerhin mittelprächtig sei. Lediglich 20 Prozent der Studierenden hätten sich bei der Wahl ihrer Ausbildung völlig vertan. Deren Begabung läge auf anderen Gebieten. Aber mit zwei Dritteln der studierwilligen und studierfähigen Generation "lassen sich Pferde stehlen".

Zum Jahrestag der FU prophezeite das heutige Kuratoriumsmitglied eine positive Zukunft - vorausgesetzt, drei Hebel würden an den Unis angesetzt: Zuerst sollte auf eine konsequente Umsetzung von Tutorenprogrammen gesetzt werden - Anfängerstudenten sollten also durch ältere Kommilitonen oder Dozenten betreut werden. Die bedeutenden Universitäten in den USA seien nicht deshalb so angesehen, weil sie die besten Professoren einkaufen könnten. Vielmehr hätten sie das Prinzip der kleinen Gruppe absolut gesetzt. Und das schaffe die notwendige "Corporate identity". In Deutschland habe das 630-Mark-Gesetz die Möglichkeiten für die Einstellung von Tutoren allerdings halbiert.

Außerdem müsse man sich mehr um die Absolventen kümmern. Die Leistung einer Universität sei daran zu messen, wie die jungen Akademiker in die Berufsphase begleitet werden. Heute klagten die jungen Menschen über ein "Großvatersyndrom" in den Universitäten: Nach Abschluss der Prüfungen wenden die Professoren sich der nächsten Studentengeneration zu. Das Lehrer-Schüler Verhältnis sollte verändert werden. Gleichzeitig müssten die Abiturienten beim Übergang zur Universität besser beraten werden, um jenen 20 Prozent, die nicht studierfähig sind, das Desaster einer verfehlten Berufsausbildung zu ersparen.

Als ein wichtiges Ziel bezeichnete Frühwald es, mehr ausländische Studenten nach Deutschland zu holen. Das müsse keineswegs Dimensionen wie in den USA annehmen, wo bis zu 60 Prozent der Studierenden keine Amerikaner seien. Aber der Anteil der ausländischen Studenten müsse steigen, "Deutschland wird sonst zur wissenschaftlichen Provinz". "Ausländische Studenten", sagte Frühwald, "kommen aber nicht nach Deutschland, um broken English zu lernen, sondern um die zentraleuropäische Kultur zu erfahren."

Das australische und neuseeländische Modell der Studien- und Hochschulfinanzierung lässt sich nach Frühwalds Ansicht nicht auf Deutschland übertragen: "Es ist zu stark am Markt orientiert." Die Zukunft der europäischen Universität müsse dahin führen, dass ein Student an einer deutschen Universität sein Studium beginne, nach einigen Semestern an eine englische oder französische Hochschule wechsele und vielleicht seinen Abschluss in der Schweiz macht. Bildungspolitik stehe aber bei der Europäischen Union nicht im Zentrum. Die Wissenschaft könne diese Aufgabe nur selbst bewältigen und tragfähige Modelle entwickeln.

Dennoch war Frühwalds Sicht auf die Universität nicht frei von Skepsis. "Die Wissenschaft und ihre Institutionen werden in dem Maße abgewertet, wie ihre Ergebnisse wichtiger werden." Diese Tendenz, sagte er, sei sowohl in Asien als auch in den westlichen Demokratien zu erkennen. "Wenn der bürgerliche Wissenschaftsbegriff sich auflöst, werden die Universitäten der gesellschaftlichen Entwicklung folgen müssen." Daher müsse jetzt gefragt werden, was an der Universität im Kern erhaltenswert sei. Und da habe sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis als am beständigsten erwiesen.

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