Gesundheit : Die Humboldt-Universität braucht einen Präsidenten - und zwar schnell, und zwar Hans Meyer (Kommentar)

Richard Schröder

Die Humboldt-Universität war unter der Präsidentschaft von Hans Meyer in ein ruhiges Fahrwasser gelangt und hatte unter den drei Berliner Universitäten keinen schlechten Stand erreicht. Beides ist nicht selbstverständlich, wenn wir uns daran erinnern, dass noch 1991 die Idee, sie einfach aufzulösen, renommierte Vertreter fand.

Hans Meyer hat sich seiner Aufgabe innovationsfreudig angenommen. Mit ihm hat sich die Humboldt-Universität eine neue Verfassung gegeben. Deren Hauptneuerungen sind ein Kuratorium neuen Stils, bestehend aus unabhängigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, und ein neues Leitungsmodell. Noch zu Beginn des Wintersemesters war alle Welt davon überzeugt, dass Hans Meyer für eine weitere Amtszeit kandidieren wird. Da kam es über die Dauer dieser zweiten Amtszeit zu einer Kontroverse mit dem Kuratorium. An der Universität wuchs der Unmut darüber, dass sie sich vom Nominierungsprozess hinter verschlossenen Türen ausgeschlossen sah. Da schlug die Presseerklärung des Kuratoriums, es werde Meyer nicht nominieren, wie eine Bombe ein. Mit dem ruhigen Fahrwasser war es vorbei, es gab ein Feuerwerk von Stellungnahmen, das Wahlvolk zerstritt sich. Dass das Kuratorium sich schließlich auf eine vierjährige Amtszeit mit Herrn Meyer verständigte, brachte den Frieden nicht zurück. Von den zwei Präsidentschaftskandidaten bekam keiner die erforderliche absolute Mehrheit. Die stärkste Gegnerschaft hatte Hans Meyer bei den Studentenvertretern und bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern. Aber auch etwa ein Drittel der Professoren muss ihm die Stimme verweigert haben.

Die Gründe, die ich gehört habe, haben mich nicht überzeugt. Die Studentenvertreter haben sich zum Hauptkriterium die Studiengebühren gemacht, obwohl dergleichen gar nicht in der Zuständigkeit eines Präsidenten liegt und Hans Meyer Studiengebühren ohne solide Studienfinanzierung ablehnt. Einer hat im Konzil gesagt, eine schlechtere Universitätsleitung als diese könne es ja gar nicht geben. Das Urteil beruht auf einem Mangel an Fantasie. Der Präsident habe sie ein Jahr lang nicht eingeladen. Ich habe als Erster Vizepräsident der Studentenvertretung regelmäßige informelle Gespräche angeboten. Sie haben abgewinkt: Sie lassen sich nicht kommandieren.

Unter den Professoren sind einige Mathematiker empört, dass sie jetzt schon nach Adlershof umziehen sollen. Aber irgendjemand muss ja den Anfang machen. Wenn alle so denken, heißt das: Irgendjemanden muss sich der Präsident zum Feind machen, es sei denn, er entscheidet gar nicht. Im Übrigen gibt es an der Universität eine seltsame Tendenz, auf tausend Wegen gefallene Entscheidungen wieder zur Disposition zu stellen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wissenschaftliche Diskurse potenziell unendlich sind, politische aber nicht. Aus allen Lagern kommen einige, die Hans Meyer technokratisches Gehabe vorwerfen. Ich fürchte, sie meinen damit das, was ich konzentrierte Sitzungsleitung nennen würde und das Bestreben, die widrigen Umstände beim Namen zu nennen und trotzdem noch das Beste für die Universität herauszuholen. Den Bedarf nach Streicheleinheiten rechne ich im Übrigen nicht unter die Merkmale der Mündigkeit.

Wie soll es weitergehen? Das Kuratorium muss die Kommunikation mit allen Ebenen der Universität verbessern. Das neue Kuratoriumsmodell ist nicht gescheitert, sondern bloß schlecht angelaufen. Kuratorium und Konzil sollten beim neuen Leitungsmodell bleiben. Wenn wir keine Reform zu Stande bringen, kriegen wir sie von oben verordnet. In der neuen Leitung muss das Verhältnis zwischen Kandidaten von innen und Kandidaten von außen stimmen. Kommt der Präsident von außen, muss die Mehrheit der Vizepräsidenten von innen kommen. Kommt er von innen, können maximal zwei der vier Vizepräsidenten von außen kommen. Sonst ist die Universitätsleitung für mindestens ein Jahr blind und unfähig, die neue Leitungsstruktur, zu der ja eine Verwaltungsreform gehört, umzusetzen. Meyers Erfahrungsvorsprung in der Berliner Landespolitik holt ohnehin keiner so schnell auf.

Und dem Souverän, sprich: dem Konzil, darf die Souveränität nicht zu Kopfe steigen. Wenn nach drei Wahlgängen zwei Kandidaten durchfallen, hat jeder das Unheil kommen sehen. Es gibt ein Menschenrecht auf eine handlungsfähige Regierung. Insofern ist es makaber, dass einige das Nicht-Ergebnis als Sieg gefeiert haben. Die Kardinäle werden so lange eingemauert, bis sie einen Papst gewählt haben. Es muss auch ohne Konklave gehen.Der Autor ist Publizist und Vizepräsident der Humboldt-Universität.

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