Gesundheit : Die Kreativitätsformel

Innovation – das Wort ist in aller Munde. Es geht um Ideen. Wodurch zeichnen sich schöpferische Menschen eigentlich aus?

Bas Kast

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Zum Beispiel Friedrich August Kekulé. Seit geraumer Zeit schon hatte sich der deutsche Chemiker mit dem Benzol beschäftigt, einer farblosen, giftigen Flüssigkeit, die beispielsweise in Erdöl und Kohle vorkommt. Einer Art „Universalrohstoff“.

Auf Grund der Eigenschaften, die der Forscher beobachtet hatte, konnte das Benzol keine kettenförmige Kohlenstoffverbindung sein. Es musste eine ganz besondere Struktur besitzen, nur welche?

Dann, im Jahr 1865, kam die Erleuchtung. Erschöpft hatte sich Kekulé in seinen Lehnstuhl vor dem Kamin gelegt und war in einen Halbschlaf versunken. Vor seinen müden Augen bildeten die Funken des Kaminfeuers kleine Kreise in der Luft, „schlangenartig sich windend und drehend“, wie es der Wissenschaftler beschrieben hat. Plötzlich erfasste eine der Schlangen den eigenen Schwanz, und „wie durch einen Blitzstrahl erwachte ich“. Heureka! Im Schlummerzustand hatte Kekulé eine der wichtigsten Verbindungen der organischen Chemie entdeckt: den Benzolring.

Kekulés Entdeckung gilt als das Paradebeispiel für den Geistesblitz. Für den magischen Moment, in dem es im Kopf funkt.

Innovation – das Wort ist wieder in aller Munde. Nun ist sie sogar zur Chefsache geworden, die Kreativität: Der Kanzler fordert Wirtschaft und Wissenschaft zu einer neuen „Innovationskultur“ auf. Aber was zeichnet eine Innovation aus? Was ist das eigentlich, Kreativität?

Geschenk der Götter

Der Philosoph Platon meinte, die Quelle seiner Einfälle sei eine „göttliche Macht“. An dieser Sicht hat sich bei vielen bis heute nichts geändert: Der US-Physiker Leo Kadanoff hält seine Eingebungen für ein „Geschenk der Götter“.

Tatsächlich ist kaum eine menschliche Fähigkeit so schwer zu fassen wie die Kreativität. Auch Psychologen haben sich lange gescheut, dem Rätsel genauer auf den Grund zu gehen. Intelligenz etwa, das lässt sich messen, einigermaßen. Aber Kreativität? Das ist etwas, das plötzlich passiert, vorm Kamin, in der Badewanne, unter der Dusche. Eine kreative Lösung weicht per definitionem von einer Standardlösung ab. Wie also sollten die Psychologen mit ihren Standardtests das vom Standard Abweichende messen? Kreativität ist etwas Neues, nie Dagewesenes. Unfassbar.

Doch trotz dieser Schwierigkeit sind Wissenschaftler den Gesetzen der Geistesblitze in den letzten Jahren immer mehr auf die Spur gekommen.

Bereits Thomas Alva Edisons hatte eine knappe Kreativitätsformel zu bieten. Gefragt nach dem Geheimnis seiner Geistesgröße, antwortete der Erfinder der Glühbirne schlicht: „Ein Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration.“

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die moderne Kreativitätsforschung. So hat der aus Ungarn stammende Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (sprich: Tschick Sent Mihaji) in einer aufwändigen Untersuchung 91 hochkreative Köpfe unter die Lupe genommen – Dichter, Schriftsteller, Jazzpianisten, Physiker, Biologen, viele Nobelpreisträger, wie die Chemiker Manfred Eigen und Ilya Prigogine.

Keiner dieser Persönlichkeiten erfüllte das Klischee vom faulen Künstler, der nur darauf warten muss, bis ihm die Muse küsst. Wenn die von Csikszentmihalyi untersuchten Denker und Schöpfer eine Eigenschaft gemeinsam hatten, dann war es diese: Sie waren von ihrer Arbeit regelrecht besessen. Kreative Menschen, so das Fazit des Forschers, „machen Überstunden, arbeiten mit höchster Konzentration“ – für Csikszentmihalyi übrigens keine Überraschung. Denn um sein Fachgebiet revolutionieren zu können, muss man es zuerst kennen.

„Die erste Regel für Kreativität lautet: Wissen“, sagt auch die Lernpsychologin Elsbeth Stern vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „Picasso beherrschte die traditionellen Maltechniken, bevor er den Kubismus erfand.“ Der Biologe Charles Darwin sammelte schon als Kind Käfer, reiste um die Welt, beobachtete jahrzehntelang die Natur, bevor er seine bahnbrechende Theorie von der Entstehung der Arten formulierte.

Wissen ist ein guter Anfang – doch Wissen allein genügt noch nicht. Man muss das Wissen auch organisieren, kombinieren und vor allem: „Man braucht den Mut, Neues auszuprobieren“, sagt Stern. Ähnlich wie beim Kochen: „Um Ingwer mit Schweinefleisch zu kombinieren, müssen Sie zuerst mit beiden Ingredienzien gekocht haben, damit Sie überhaupt auf diese Kombination kommen. Und dann brauchen Sie die Lust am Experimentieren, den Drang, über das Bekannte hinauszugehen.“ Für die Forscherin Stern ist dieses Bedürfnis, sich nicht mit dem Vorhandenen zufrieden zu geben, das entscheidende Merkmal extrem kreativer Menschen.

Die Beobachtungen an den 91 klugen Köpfen förderten noch eine aufschlussreiche Entdeckung zu Tage. Die großen Geister, stellte der Psychologe Csikszentmihalyi fest, vereinten häufig widersprüchliche Charaktereigenschaften in einer Person.

Beispiel: Hochkreative sind nicht nur rebellisch, sondern auch konservativ. Sie nehmen die Tradition zur Kenntnis, gehen dann aber darüber hinaus.

Viele Kreative sind sowohl zurückgezogen („introvertiert“), als auch gesellig („extravertiert“). Sie diskutieren mit Anderen, kommen so auf neue Ideen – können sich dann aber auch monatelang zurückziehen, um den Einfall zu einem Roman, einem Gemälde oder einer Theorie auszuarbeiten.

Florenz im 15. Jahrhundert

Kreative sind weltklug und naiv zugleich, sie haben Disziplin, erlauben sich aber auch spielerisch zu sein – offenbar bedarf es dieser Widersprüche, um den Geistesblitzen im Gehirn auf die Sprünge zu helfen.

Mozart, Shakespeare, Einstein – das schillernde Genie fasziniert uns. Und doch hat man in den letzten Jahren erkannt, dass es nicht nur auf den Kopf des Kreativen ankommt.

Wie kreativ wir sind, hängt auch maßgeblich von unserem Umfeld ab. „Es ist leichter, Kreativität durch eine Veränderung äußerer Bedingungen zu fördern als durch den Versuch, das Individuum zu kreativerem Denken anzuregen“, bringt es Csikszentmihalyi auf den Punkt.

Da ist zum einen das, was der Psychologe die „Domäne“ nennt – das Wissen, auf das die kreativen Genies zurückgreifen, die vorhandene Kultur. Je reicher, vielfältiger sie ist, desto besser stehen die Chancen, dass es einen kreativen Menschen gibt, der daran anknüpft. Dass es funkt. Auf der anderen Seite braucht man das „Feld“ – Kräfte in der Gesellschaft, die die neue Kreation fordern und fördern, bewerten und anerkennen.

Nur vor diesem Hintergrund lässt sich zum Beispiel die plötzliche Explosion künstlerischer Kreativität in der Renaissance verstehen. Anfang des 15. Jahrhunderts gab es in Florenz ein starkes „Feld“: Reiche Bankiers etwa, die Geld für die Kunst ausgaben. Auch die „Domäne“ war da: Alte römische Bau- und Bildhauertechniken wurden wiederentdeckt. Erst in diesem stimulierenden Umfeld blühten der Architekt Filippo Brunelleschi oder der Bildhauer Lorenzo Ghiberti zur Höchstform auf.

Kreativität ist somit alles andere als ein Zufallsprodukt. Es ist kein Geschenk der Götter. Es ist das Ergebnis harter Arbeit und eines anregenden Umfelds. So gesehen ist es durchaus sinnvoll, zu einer neuen Kreativitätskultur aufzurufen. Selbst die Einrichtung eines „Innovationsbüros“, wie es der Kanzler am Wochenende verkündet hat, ist nicht so paradox, wie es zunächst klingt – auch wenn die epochalen Ideen selbst nicht dort entstehen werden, sondern, wie eh und je, in der Badewanne, unter der Dusche oder am warmen Kamin.

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