Gesundheit : „Die Literatur schlüpft in andere Künste“

Ein Gespräch mit dem Nestor der Literaturwissenschaft Eberhard Lämmert zum 80. Geburtstag

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Herr Lämmert, wenn Ihr Leben in geraden Bahnen verlaufen wäre, wären Sie heute Geologe. Wie kommt man vom Studium der Steine zum Studium der Literatur?

Meine väterliche Familie kommt seit Generationen aus dem Bergbau. Als ich nach dem Krieg aus britischer Gefangenschaft entlassen wurde, habe ich angefangen, in Bonn Mineralogie und Geologie zu studieren. Dazu gehörte, ein Jahr im Bergbau zu arbeiten, unter Tage und über Tage.

Das hat Sie nicht abgeschreckt?

Im Gegenteil, das war wunderbar, weil man dafür Schwerstarbeiterverpflegung bekam. Das war 1946/47 viel wert. Die Geographie habe ich bis zur Promotion durchgehalten, und bis heute interessiere ich mich für Erdschichten, Minerale – Steine sind so etwas Unverwüstliches, Verlässliches.

Trotzdem fanden Sie sich in Bonn immer mehr in anderen Hörsälen wieder.

Das war ein allmählicher Prozess. Ich habe mich nach dem Krieg wirklich befreit gefühlt: Es war eine große Erleichterung, anderes zu lesen als in der Schule. Camus, Faulkner, Greene – das öffnete den Blick und weitete den Horizont.

Sie haben dann, mit 27 Jahren, mit einem Werk promoviert, das bis heute ein Standardwerk für Literaturstudenten geblieben ist: „Bauformen des Erzählens“, zuerst erschienen 1955. Wie sehen Sie Ihr Jugendwerk, mit bald fünfzig Jahren Abstand?

Ich muss es historisch sehen, der Ton ist heute nicht immer leicht zu lesen. Aber mich befriedigt weiterhin, dass die „Bauformen“ nicht bei der Analyse von Erzählstrukturen stehen bleiben, sondern mit einem Kapitel über den Dialog enden. Der Metzler Verlag will 2005 eine Jubiläumsausgabe herausbringen, für die ich eine neue Einleitung schreibe. Am Text selbst wurde nie etwas geändert, weil das Buch ein Dokument des Prästrukturalismus ist, der sich ja in Deutschland durch die Ideologiekritik und die Rückkehr zur Geschichte in den späten 50ern zunächst nicht fortgesetzt hat und erst über Frankreich wieder zu uns gekommen ist.

1961, nach der Habilitation über „Reimsprecherkunst im Mittelalter“, erhielten Sie einen Ruf an die Freie Universität. Wie haben Sie das politisch unruhige Berlin der sechziger Jahre erlebt?

Ausgerechnet am Tag des Mauerbaus habe ich ein Haus in Berlin gemietet. In Bonn konnte man das nicht verstehen: mit drei Kindern ins eingeschlossene Berlin … Für mich war Berlin ein neuer Ansporn. Es erlebte damals einen ungeheuren Kulturboom, denken Sie nur an die Autoren, die Walter Höllerer aus aller Welt versammelte.

Dann kamen die Studentenunruhen …

Das habe ich als Herausforderung empfunden, mich mit der Zeit neu auseinander zu setzen – und damit, was an der Universität notwendig zu verändern war. Sie wuchs ja in Riesensprüngen, auch für den Umgang mit den Studenten bedurfte es neuer Arbeitsformen. Das hat mich mit manchen Kollegen in schmerzlichen Gegensatz gebracht, aber auch geholfen, die Zeit der Unruhen gelassener zu durchstehen.

Sie sind schon damals viel gereist, reisen bis heute viel, um die Germanistik in Dialog mit anderen Kulturen zu bringen.

Die Germanistik sollte das Zusammentreffen mit anderen Kulturen zu einer ihrer Hauptaufgaben machen. Ich habe da viel von Auslandsgermanisten gelernt, die ja immer schon Kulturvermittler waren. Daher scheint mir auch das Motto des diesjährigen Germanistentags „Germanistik in und für Europa“ zu eng – die Germanistik sollte sich nicht erneut als Sachwalter einer Region verstehen. Schließlich haben wir sie beim Germanistentag 1966 nicht aus den nationalen Fesseln erlöst, um sie jetzt für Europa zu vereinnahmen. Sie ist eine Regionalwissenschaft, die in die Welt wirken soll. Es ist so interessant zu hören, wie afrikanische Germanisten Effi Briest interpretieren …

Die Literatur bleibt also auch in Zukunft ein Medium, über das sich Gesellschaften und Individuen miteinander verständigen?

Ja, Literatur wird immer ein bedeutendes Medium der Verständigung bleiben. Man muss nur sehen, dass sie auch in anderem Kleide als nur im schön gedruckten Buch erscheinen kann, dass sie wieder in andere Künste und Medien schlüpft und dort auch neue Formen hervorbringt. Sie ist und bleibt ein Medium, mit dem man seine Erfahrungen vervielfachen kann, sie bringt dem Hörer wie dem Leser Lebensgewinn. Und davon abgesehen: Sie ist ein großes Vademecum in Gefangenschaft und in trostlosen Lebenssituationen. Wenn ich mich an meine Kriegsgefangenschaft erinnere und daran, wie viel jemand für sich und andere tun konnte, wenn er den Faust rezitieren oder einfach nur gut erzählen konnte, dann zweifelt man nicht daran, was Literatur den Menschen vermitteln kann.

Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, auch auf Ihre Jahre als FU-Präsident von 1976 bis 1983: Was bedauern Sie?

Die Präsidentschaft war für mich ein Gewinn, weil ich für die FU internationale Kontakte knüpfen konnte und viel über andere Wissensgebiete, von der Religionsphilosophie bis zur Herzchirurgie, gelernt habe. Vieles jedoch, was ich verwirklichen wollte, ging in Auseinandersetzungen unter. Ich bedaure auch, dass mir die unruhigen Jahre nicht die Gelegenheit gegeben haben, ein weiteres großes Buch zu schreiben – aber vielleicht gelingt mir das noch. Ich arbeite an einem Buch über das Verhältnis von Geschichtsschreibung und Roman und an einer Studie über poetische Gerechtigkeit.

Was lesen Sie gerade?

Im Moment lese ich zum Spaß wieder russische Romane, Gontscharov, Dostojewski, Tolstoi. Zwischendurch habe ich gerade mit großem Interesse Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“ und Wibke Bruhns „Meines Vaters Land“ gelesen – beide Bücher handeln von Zeitgeschichte, sind insofern für mich auch ein Stück repetierte Lebensgeschichte.

Haben Sie irgendwann einmal überlegt, die Seiten zu wechseln und selbst Romane oder Erzählungen zu schreiben?

Ich habe Jugendgedichte und Erzählungen geschrieben, aber danach habe ich gedacht, das stehe mir nicht mehr an, weil ich das zu reflektiert angehen würde. Mir war die Wissenschaft genug.

Würde es Sie heute reizen, eine Art intellektuelle Autobiographie zu schreiben?

Ich sehe mit großer Vorfreude auf die Autobiographie, die Peter Wapnewski angekündigt hat, weil er sich selbst nicht in den Mittelpunkt rückt, sondern Zeitgeschichte unter seinem Blick schreiben will. Ob ich das auch mal tun werde? Ich weiß nicht – ich bin noch nicht so fertig mit mir selbst. Ich habe noch zu viele Dinge, die angesponnen sind und denen ich folgen möchte.

Sie wirken so strahlend, so zufrieden mit Ihrem Leben.

Es gibt ja kaum einen Beruf, in dem man sich freier entfalten kann als in meinem. Als Professor, und mehr noch als Emeritus, hat man den ungeheuren Vorzug, selbstbestimmt arbeiten zu können. Und meine Familie hat mir das außerordentlich leicht gemacht, sogar bei langen Vortragsreisen und Gastsemestern.

Wie werden Sie Ihren 80. feiern?

Meine Frau und ich werden vom Germanistentag in München aus über Budapest in die Ukraine fahren. Meine Mutter ist in Budapest geboren, meine Großeltern kamen aus verschiedenen Gegenden Siebenbürgens, mein Großvater aus einer Stadt am Ostrand der Karpaten, die heute zur Ukraine gehört. Diese Reise ins Vergangene soll dazu dienen, ein Stück Familiengeschichte lebendig zu machen.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

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