Gesundheit : Die Rettung (Glosse)

Thomas Lackmann

Das "Time Magazine" kürt ihn zum "Mann des Jahrhunderts", aber sein Raum-Zeit-Kontinuum verstehen wir noch nicht ganz, und zwischen den Jahren regen sich Zweifel, ob Einstein überhaupt die Tage von Weihnachten bis Silvester in seine Untersuchungen einbezogen hat. Zwischen den Jahren plumpst der global citizen in ein Wahrnehmungsloch. Das Verstreichen der Zeit wird für ihn unter den Pulsschlägen des verlangsamten postnatalen Alltags fast physisch wahrnehmbar, einerseits. Andererseits umstehen die Ereignisse der Medienwelt da draußen seinen Dunstkreis festlicher Urgemütlichkeiten noch unwirklicher als gewöhnlich. Kosmisches Computerchaos? Indische Flugzeugentführung? Putsch in Togo? Jahrhundertorkan? Solange der europäische Wüstling "Lothar" Berlin und etliche deutsche Landstriche verschont, steigern die TV-Impressionen ferner Verwüstungen eben dort das wohnzimmerliche Wohlbefinden, dessen Behaglichkeit erst durch Klagen einer nächtlichen Katze unterbrochen wird. Vor einem Zimmerbrand ist das Tier über ein Gerüst auf die Fensterbank im dritten Stock des Nebenhauses geflohen. Sein Geschrei durchdringt die Dunkelheit des Kiezes, der für den Berliner den Welt-Nabel bedeutet, doch erst am Vormittag erscheint die gerufene Polizei, stürmt mit dem Ruf "Polizei!" in die Wohnung eines überraschten Paares im vierten Stock, legt dem durchnässten Tier eine Bohle für den Rückweg aus und Lachsschinken, ohne Erfolg, und ruft die Feuerwehr. Diese rückt mit starker Truppe auf rotem Auto an, fährt ihre Riesenleiter aus, auf der sich Behelmte zum dritten Stock hocharbeiten, wo die kreischende Katze gepackt wird, bis sie trotz verzweifelten Krallenausfahrens herabgetragen und in eine lila Plastikbox gesperrt worden ist. Die Polizisten haben die zur Tagesfeier verordneten roten Mützen mittlerweile abgesetzt, wie Tücher in die Brusttasche geklemmt. Ein Sympathisant bringt Fleisch auf einem Alu-Teller, zwei Hosenmätze in Begleitung der Eltern beobachten den Vorgang durch Fernrohre. Die entschiedene Tat wirkt wichtig aus der Perspektive des Tierfreunds oder auch eines Berliner Dachhasens, der auf sein Jahrhundert zurückblickt; komisch erscheint sie im Kontext eines Orkans, mit dem andernorts Feuerwehren heroische Kämpfe austragen. Grotesk scheint der Einsatz, wenn man bedenkt, dass die Gerettete im Tierheim, demnächst, eingeschläfert werden könnte; ärgerlich ist er, wenn der von Einsparungen gebeutelte Steuerzahler die Aktion bezahlt. Nachdenklich macht die Maßnahme, sofern man unterstellt, dass sie vor allem die Öffentlichkeit davor rettet, eine Katze maunzen zu hören, leiden, sterben zu sehen. Welche Perspektive stimmt?

"Ein Hase sitzt auf einer Wiese / des Glaubens, niemand sähe diese. / Doch, im Besitze eines Zeisses / betrachtet voll gehaltnen Fleißes / vom vis-à-vis gelegnen Berg / ein Mensch den kleinen Löffelzwerg. / Ihn aber blickt hinwiederum / ein Gott von fern an, mild und stumm." Christian Morgenstern, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs gestorbene Dichter, hat so vor gut hundert Jahren seine Relativitätsphilosophie der globalen Beziehungen formuliert: Hoch über dem Allerhöchsten postiert, ironisiert er unsern Glauben an die Absolutheit des eigenen Horizonts. Auf eine noch höhere Wolke ist derweil Albert Einstein geklettert, schaut wiederum auf den Poeten herab, denkt sich sein Teil über den Nobelpreis, den jener nie empfing, über das "Time Magazine" und die Berliner Feuerwehr; während aus dem Wolkenberg am Horizont das Haupt einer Sphinx ragt, die sich fragt, ob der Titel "Katze des Jahrtausends" diesmal nach Charlottenburg geht ... Putsch in Togo? Jahrhundertsturm? Also, falls dieser Tage die Welt untergeht, bleiben Sie am besten zu Hause und machen einfach nicht auf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar