Gesundheit : Die Schwindsucht schwinden lassen

Am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie wird ein Impfstoff gegen Tuberkulose entwickelt

Adelheid Müller-Lissner

Von seinem Schreibtisch aus hat Stefan Kaufmann Robert Koch jederzeit im Blick. Die Büste des Mannes, der 1882 in Berlin den Tuberkulose-Erreger entdeckte, steht im Regal gegenüber, die historische Ausgabe seiner Schriften im Bücherschrank. „Koch wäre mit den langsamen Fortschritten, die wir in der Tuberkulose-Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht haben, nicht zufrieden“, vermutet der Biologe, der hier am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie die Abteilung für Immunologie leitet.

„Wir verwenden die diagnostischen Verfahren von Koch, einen Impfstoff, der vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammt, und Medikamente, die zwischen 1945 bis 1970 entwickelt wurden“, sagt Kaufmann. Kein schlechter Ansporn für die eigene Forschung am geschichtsträchtigen Ort auf dem Gelände der Charité, und so fügt der Wissenschaftler auch sofort hinzu: „Über das erneute Interesse an der Entwicklung eines Impfstoffs, das derzeit zu erkennen ist, würde Koch sich aber wahrscheinlich freuen.“

Lange Zeit gab es keinen wirklichen Grund für solchen Elan. Unter den komfortablen Lebensbedingungen der Industrienationen spielte die Seuche kaum mehr eine Rolle, zudem konnte sie mit Antibiotika wirksam behandelt werden. Neun von zehn Erwachsenen stecken die Infektion mit dem Tuberkulose-Erreger ohnehin weg, ohne zu erkranken. Ihr Immunsystem kann die Bakterien zwar nicht zerstören, macht sie aber durch eine Einkapselung unschädlich.

Dass die Schwindsucht-Forschung einen neuen Aufschwung erlebt, hat seinen Grund vor allem im Wiederaufflammen der besiegt geglaubten Seuche. Jährlich zwei Millionen Todesfälle und neun Millionen Neuerkrankungen, dazu 50 Millionen Menschen, die mit besonders hartnäckigen resistenten Stämmen des Bakteriums infiziert sind, gegen die gängige Antibiotika nicht mehr wirken: Neben dem Aidsvirus HIV fordert Mycobacterium tuberculosis unter den Krankheitserregern inzwischen die meisten Opfer.

Hauptgrund ist die Aids-Epidemie, denn typischerweise nutzt das Tuberkelbakterium heute die Gunst der Stunde und setzt immungeschwächten HIV-Positiven zu. Über 15 Millionen Menschen sollen mit beidem infiziert sein. Bei HIV-Infizierten, die mit den modernen Aids-Medikamenten behandelt werden, wurden zudem überraschend starke Tb-Ausbrüche festgestellt. Die Behandlung der Tuberkulose ist langwierig und umfasst mehrere Medikamente, viele Patienten springen deshalb vorzeitig ab.

Der Impfstoff, den die beiden französischen Mediziner Albert Calmette und Camille Guérin schon 1921 bewusst für den Schutz von Kindern entwickelten und der – ihren beiden Nachnamen folgend – das Kürzel BCG trägt, wirkt nicht lebenslang. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die geimpften lebenden, aber abgeschwächten Bakterien vom Stamm BCG, die das Immunsystem zu seiner Antwort veranlassen sollen, von dessen Fresszellen in Gebilde namens Phagosomen eingeschlossen werden.

Kaufmanns Arbeitsgruppe hat mit molekularbiologischen Methoden einen BCG-Impfstoff entwickelt, der diese Abkapselung verhindert: Um die Antigene – die „Feinde“, die dem Immunsystem mit dem Impfen dosiert und gezielt vorgesetzt werden – der körpereigenen Abwehr besser zugänglich zu machen, wird dem „Klassiker“ BCG bei diesem Impfstoff mit verschiedenen Tricks das Eiweiß Listeriolysin zugesetzt. Es hilft, die Wände der Phagosomen zu durchlöchern. In Tierversuchen verbessert sich der Schutz vor der Tb durch dieses rekombinante BCG (rBCG) vom Zehn- auf das Hundertfache. Und der neue Impfstoff schützt anscheinend auch vor solchen Stämmen des Bakteriums, die nicht nur gegen viele Antibiotika unempfindlich sind, sondern ebenso der herkömmlichen Impfung widerstehen.

Von da bis zur allgemeinen Schutzimpfung ist es ein weiter Weg. Kaufmann und seine Arbeitsgruppe betreiben Grundlagenforschung. „Aber wir meinen, dass man damit zur Lösung gesellschaftlicher Probleme einen Beitrag leisten kann.“ Das meint auch das Forschungsministerium, das die Impfstoffentwicklung unterstützt und dafür die Vakzine Project Management gründete. Als Partner, der von der Max-Planck-Gesellschaft mehrere Patente erworben hat.

Gleichzeitig arbeiten weltweit andere Arbeitsgruppen an Impfstoffen, die aus einzelnen Komponenten des Erregers bestehen, Spaltvakzine genannt. Sie schützen zwar nicht besser als das klassische BCG, könnten dessen Weiterentwicklung rBCG jedoch ergänzen. „Wir verstehen sie nicht als Konkurrenten, sondern als zusätzlichen Schutz“, sagt Kaufmann.

So könnte man sich vorstellen, dass eines Tages Kinder zunächst mit rBCG geimpft werden, dessen Wirkung sich später durch Spaltvakzine verstärken ließe.

Die molekularbiologischen Untersuchungen der Arbeitsgruppe finden am MPI statt, doch für die Beobachtungsstudien fahren immer wieder Mitarbeiter des Instituts nach Südafrika. Vor allem auf dem Schwarzen Kontinent wird die Impfung dringend gebraucht. Wegen HIV, das die Gefahr erhöht, an Tuberkulose zu erkranken. Das aber gleichzeitig das Impfen mit einem Lebendimpfstoff wegen der Schwächung des Immunsystems auch riskanter macht. Um Kinder impfen zu können, die möglicherweise schon von ihrer Mutter mit HIV infiziert wurden, setzt Kaufmann darauf, für den Impfstoff einen Erreger zu „designen“, der nach einer gewissen Zeit abstirbt.

Molekularbiologische Tests sollen in Zukunft schneller Hinweise darauf geben, ob die Strategie Erfolg hat. Langjährige Studien an Versuchspersonen, Erwachsenen wie Kindern, werden dadurch aber nicht überflüssig.

„Vor 2010 werden wir nicht mit klinischen Studien der entscheidenden letzten Phase III beginnen können“, prognostiziert Kaufmann. Während die Robert-Koch-Büste den Forscher weiter zum zügigen Tempo antreibt, scheint ihn ein Mitbringsel aus Kambodscha zur Geduld zu mahnen: Nachdenklich präsentiert der Biologe die Statue, die einen meditierenden Priester darstellt.

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