Gesundheit : Die Skulptur im Kopf

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Von Bas Kast

Stellen Sie sich vor, Sie kämen eines Morgens ins Büro, und alle Mitarbeiter hätten sich in Affen verwandelt. Die Sekretärin, der Chef, der Postbote, die heimliche Liebhaberin, der Rivale: lauter Affengesichter, die Sie anstarren.

Sie könnten sich auf ein paar anstrengende Wochen gefasst machen. Denn während wir die Gesichter von Vertretern unserer eigenen Spezies mühelos auseinander halten, kommen uns die unserer haarigen Vettern so ähnlich vor wie Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track. Gar nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Sie den Chef mit der Liebhaberin, die Liebhaberin mit der treuen Sekretärin, die Sekretärin mit dem intriganten Rivalen und diesen mit dem arglosen Postboten verwechseln würden – höchste Zeit für einen Jobwechsel!

Wären Sie ein Baby, bestünde keinerlei Gefahr. Das Affentheater im Büro wäre ein Kinderspiel für Sie. Der Chef, der Intrigant, die Liebhaberin – alles kein Problem. Denn im Gegensatz zu uns Erwachsenen haben sechs Monate alte Säuglinge keine Schwierigkeiten damit, das Antlitz verschiedener Affen von einander zu unterscheiden. Das hat ein Forscherteam unter Leitung des Psychologen Olivier Pascalis von der Universität Sheffield in Großbritannien herausgefunden. Die Studie ist im US-Fachblatt „Science“ erschienen.

Trennung zwischen „L“ und „R“

Babys sind uns nicht nur bei Affengesichtern überlegen. Auch bei der Unterscheidung von Sprachlauten hängen Säuglinge uns ab, wie andere Studien gezeigt haben. So kann ein vier bis sechs Monate altes Kind noch zwischen den Lauten verschiedener Sprachen unterscheiden. Ein japanisches Baby etwa trennt noch problemlos zwischen einem „L“ und einem „R“.

Doch schon im Laufe des ersten Lebensjahres geht auch diese Fähigkeit zu Grunde. Irgendwann kann das Kind nur noch Laute der eigenen Sprache auseinander halten. Da man im japanischen Sprachraum nicht zwischen den Lauten „L“ und „R“ unterscheidet, hört das Babyhirn irgendwann auf, zwischen beiden Lauten zu trennen. „Wir stellen uns Entwicklung normalerweise als einen Prozess vor, bei dem wir Fähigkeiten dazugewinnen“, sagt die Psychologin Michelle de Haan vom University College in London, eine Ko-Autorin der neuen „Science“-Studie. „Deshalb überrascht es, dass Babys mit zunehmendem Alter auch Fähigkeiten verlieren.“

Für ihr Gesichter-Experiment nutzten die Forscher ein altes psychologisches Prinzip: den Instinkt des Menschen, neuen Reizen mehr Aufmerksamkeit als Altbekanntem zu schenken. Zeigt man uns etwa ein Gesicht, das wir noch nie gesehen haben, und gleichzeitig eines, das wir schon kennen, dann gucken wir länger auf das neue Gesicht. Das funktioniert bereits bei Babys.

Das Psychologenteam bot seinen Versuchspersonen jeweils zwei Menschen- oder zwei Affengesichter dar (siehe Bild). Die Versuchspersonen waren: elf Erwachsene, 30 neun Monate alte und 30 sechs Monate alte Babys. Eines der Gesichter hatten die Probanden schon gesehen, das andere war neu.

Das Ergebnis: Die Erwachsenen blickten bei den Bildern von Menschen länger auf das neue Gesicht – wie ja auch zu erwarten war. Bei Affengesichtern jedoch zeigte sich dieser Unterschied nicht. Es war, als konnten die Erwachsenen das neue Affengesicht nicht von dem Gesicht unterscheiden, das sie schon gesehen hatten. Das gleiche Resultat ergab sich bei den neun Monate alten Babys.

Für die Überraschung sorgte erst das Ergebnis der jüngsten Probanden: Die sechs Monate alten Babys studierten nicht nur die neuen Menschengesichter länger – sie starrten auch ausführlicher auf die neuen Affengesichter. Nur die ganz jungen Babys waren fähig, zwischen verschiedenen Affengesichtern zu unterscheiden.

Was, fragt man sich, denkt sich das Hirn bloß dabei, schon im ersten Lebensjahr den intellektuellen Rückwärtsgang einzulegen? Wieso büßen wir Fähigkeiten ein, die wir als Säuglinge hatten? „Für dieses Opfer bekommen wir was zurück“, sagt Christian Keysers, Hirnforscher an der Universität Parma. „Als Erwachsene können wir zwar keine Affengesichter mehr unterscheiden – dafür sind wir um so besser darin, die Gesichter unserer Mitmenschen auseinander zu halten.“

Hirnzellen für den Chef

Im Laufe des Lebens wandelt sich das Hirn von einem „Alleskönner“ zum Spezialisten. Viele Zellen, die auf Gesichter reagieren, sprechen in jungen Jahren noch auf so gut wie alles an, das rund ist, Augen und einen Mund hat. Allmählich spezialisieren sich diese Zellen – und zwar auf solche Gesichter, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. „Vermutlich haben Sie in Ihrem Hirn sogar Zellen, die am liebsten auf das Gesicht Ihres Chefs reagieren“, sagt Keysers. Wir haben die Fähigkeit verloren, die Makaken im Zoo auseinander zu halten. Dafür hat sich die Erkennung der Gesichter, die wir täglich im Büro sehen, perfektioniert. Das Gleiche gilt für die Sprache: Hören wir kein Japanisch, verlieren wir die Fähigkeit, japanische Laute zu unterscheiden – gleichzeitig bauen sich unsere muttersprachlichen Fähigkeiten aus.

Diese Hirnentwicklung gleicht der Arbeit an einer Skulptur. Anfangs sind viele Zellen noch eher willkürlich mit vielen anderen Zellen verbunden. Dann werden – anhand von Erfahrung – die überflüssigen Verbindungen beseitigt: Zellverbände, die Menschengesichter kodieren, werden stimuliert – und so gestärkt. Zellverbände, die im frühen Babyalter noch auf Affengesichter reagierten, werden abgebaut: aus Mangel an Stimulation. „Lernen“, sagt der Hirnforscher Keysers, „heißt auch, Überflüssiges loszuwerden.“

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