Gesundheit : Die „stummen Kinder“ sprechen wieder

Wegen ihrer mangelnden Deutschkenntnisse resignieren viele ausländische Schüler im Unterricht. Aber es geht auch anders

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Von Roland Kaehlbrandt

Laut Pisa ist Deutschland Schlusslicht bei der Integration von Zuwandererkindern. Nirgends ist die Verknüpfung zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg so eng wie bei uns. Das heißt: Kinder aus „unteren“ sozialen Schichten bleiben im Bildungssystem unten. Und ganz unten sind die Zuwandererkinder. Aber nicht etwa, weil sie weniger begabt sind als andere. Dass es anders geht, beweisen Länder wie Schweden.

Die Integration von Zuwandererkindern war über Jahrzehnte kein wirkliches Bildungsziel in Deutschland. Der Mythos von den Gastarbeitern, die mit ihren Kindern nach getaner Arbeit wieder in ihr Heimatland zurückkehren, hat sich letztlich bis vor kurzem gehalten. In der schulischen Bildung äußerte sich das so, dass Zuwandererkinder Muttersprachenunterricht nehmen mussten, was von den Kultusministerien bezahlt wurde. Weniger Sorgen machte man sich offenbar, ob die Kinder auch Deutsch lernten. Diese Politik ging auch von der Voraussetzung aus, dass die Kinder in einem deutschen „Sprachbad“ aufwachsen, also von der deutschen Sprache umgeben sind und sie sozusagen nebenbei lernen. Das ist aber seit langem nicht mehr der Fall.

Eine der großen deutschen Stiftungen, die Gemeinnützige Hertie-Stiftung mit Sitz in Frankfurt, hat sich vor zwei Jahren entschieden, in Hessen eine Bildungsinitiative für Zuwandererkinder zu starten. Von 700 000 Schülern sind in Hessen rund 100 000 nichtdeutscher Herkunft, also rund 15 Prozent. 94 Prozent der deutschen Schüler schaffen einen Schulabschluss, aber nur 82 Prozent ihrer ausländischen Mitschüler. Das Abitur erreicht derzeit jeder dritte deutsche, aber nur jeder zehnte ausländische Schüler. In den Ballungsgebieten häufen sich die Probleme. So haben mehr als 30 Grundschulen und mit Grundschulen verbundene Schulen in der Stadt Frankfurt einen Ausländeranteil von 45 bis 81 Prozent.

Die Stiftung setzte in dem klassischen Zuwandererviertel Frankfurts an, im Gallus. Gemeinsam mit dem hessischen Kultusministerium wurde vereinbart, an den drei Grundschulen im Gallus in allen ersten Schulklassen für Kinder mit geringen deutschen Sprachkenntnissen an zehn Unterrichtsstunden pro Woche eine Fördergruppe in den Fächern Deutsch und Rechnen einzurichten, also für etwa 60 Kinder. Dafür wurden vier von der Stiftung finanzierte zusätzliche Lehrerstellen eingerichtet.

Außerdem wurden gemeinsam mit dem Kultusministerium für jede Schule Computer angeschafft, damit der Sprachunterricht durch moderne Lernsoftware unterstützt werden konnte. „Deutsch & PC“ heißt denn auch das Projekt.

Man spricht häufig von nicht ausreichenden Sprachkenntnissen der Zuwandererkinder. Was aber genau bedeutet das? Die Kinder haben die Vorstellungsinhalte in ihrer „eigenen“ Sprache nicht ausreichend ausgebildet. Sie kennen den Vorstellungsinhalt „Baum“, aber nicht „Ast“, also den Oberbegriff, nicht aber den Unterbegriff. Oder umgekehrt: Sie kennen den Vorstellungsinhalt von „Apfel“ oder „Gurke“, aber nicht die Kollektiva: „Obst" und „Gemüse“. Oder sie kennen den Vorstellungsinhalt von „Straße“, nicht aber den Oberbegriff „Verkehr“. Dem Sachunterricht können die Kinder bei nur gering ausgeprägten Vorstellungsinhalten und bei undifferenziertem Vokabular kaum folgen. Gleiches gilt in Mathematik: Wörter wie „hinzufügen“, „abziehen“, „halbieren“, „verdoppeln" sind unbekannt. Wie sollen die Kinder Textaufgaben verstehen?

„Machen, gehen, sagen“

Auch der Satzbau ist nicht hinreichend entwickelt. Es hat sich im „Gallus-Slang“ eine Art Minimalsyntax entwickelt, mit der eine mündliche Kommunikation durchaus möglich ist, die aber dem Schulziel „Schriftsprache“ überhaupt nicht genügt. Die Kinder haben oft keine Vorstellung davon, was ein vollständiger Satz ist. Verbreitet sind zum Beispiel so genannte Universalverben; das heißt, solche mit einer abstrakten Minimalbedeutung, also „machen“, „tun“, „gehen“, „sagen“. „Ich gehe Türkei“, sagen die Schüler. Die differenzierten Verben der Bewegung wie fliegen, fahren, radeln, hüpfen, hechten, rennen, spurten, krabbeln, robben etc. werden nicht beherrscht. Die Eltern nehmen diese sprachlichen Mängel oft nicht wahr, eben weil sie der „Verkehrssprache“ der 30 Nationen im Gallus entstammen. Anstatt dass eine echte Zweisprachigkeit entsteht, die eine Bereicherung wäre – und auch eine echte Bikulturalität –, entsteht ein sprachliches Gemisch ohne rechten Zugang zur Allgemeinsprache. Dabei wäre eine echte Zweisprachigkeit für eine Handelsstadt wie Frankfurt durchaus interessant.

Das pädagogische Fiasko aber ist: Die Kinder beginnen ihre Schullaufbahn voller Enthusiasmus und Neugier. Die Zuwandererkinder mit schlechten Deutschkenntnissen fallen aber rasch zurück. Mangels Fördermöglichkeiten schleppen sie ihre Mängel immer weiter. Die Lehrer können in Gruppen mit bis zu 20 Kindern darauf nicht so eingehen, wie sie es als ihren Auftrag empfinden. Daraus entsteht die Negativspirale, von der Enttäuschung über die Resignation bis zur Aggression.

Viele der zugewanderten Grundschüler wirken müde, resigniert. Sie verstummen zusehends, ganz untypisch für Kinder! Und so scheitern Jahr für Jahr Tausende von neugierigen, lernbereiten Kindern schlicht und ergreifend an einer Hürde: der Sprache - und an mangelnder sprachlicher Förderung in der Schule und im vorschulischen Bereich.

Bei „Deutsch & PC“ kommen die Kinder als Erstklässler in die Schule und werden von zwei Lehrkräften vier Wochen beobachtet. Die Lehrkräfte beraten und schlagen vor, welche Kinder in die Fördergruppe kommen sollen (etwa acht Kinder). Die restliche Klassengruppe ist nun etwas homogener, ebenfalls kleiner und profitiert gleichermaßen. Nach der Stundentafel werden fünf Stunden Deutsch und fünf Stunden Mathematik in den beiden Gruppen unterrichtet. Hier findet Förderung also nicht zusätzlich nach dem Unterricht oder am Nachmittag statt – Kinder im ersten Schuljahr sind auch nur bedingt belastbar, Zeit zum Spielen muss bleiben.

Das Projekt ist Teil des normalen Curriculums. Es ist in die Schule integriert, auch in die Lehrerschaft – im Unterschied zu allerlei aufgepfropften Projekten, die nie den Weg in die Schule schaffen. Die Kosten: 1,3 Mio. Euro für fünf Jahre.

Zufriedene Eltern und Lehrer

Nach einem Jahr kann folgende Bilanz gezogen werden: An allen Schulen ist das Projekt von den Beteiligten gut angenommen worden. Die Lehrer der ersten Klasse und die Förderlehrer sind sehr angetan, weil sie sehr viel intensiver und individueller alle Schüler fördern können. Gleichwohl bedeutete das Projekt für die Lehrkräfte einen erheblichen Arbeitsaufwand. Es ging aber auch ein Ruck durch die Kollegien.

Inzwischen gibt es mehr Wünsche von Kollegen, Förderlehrer werden zu wollen, als Fördergruppen vorhanden sind. Die Eltern schätzen das Projekt, da durch die Einführung von Fördergruppen die Kinder intensiver betreut werden können. Auch der Einsatz der Computer zum Aufbau von Medienkompetenz wird von den Eltern positiv beurteilt.

Die sprachlichen Aktivitäten der Schüler haben generell zugenommen. Die Förderschüler äußern sich in den Fördergruppen häufiger als im Klassenunterricht früherer Jahrgänge. Sie treten sprachlich selbstbewusster auf, ohne Scheu, sich zu artikulieren. Es gibt keine „stummen Kinder“ mehr!

Der Wortschatz der Förderkinder hat im Gegensatz zu früheren Jahrgängen erheblich zugenommen, sie sind in der Lage, komplexere Sachverhalte sprachlich darzustellen, in ganzen Sätzen, klar und verständlich. Es gibt mehr Sprechanlässe, Fragen können sofort geklärt werden – der Lehrer sieht sofort, wo Dinge nicht vorangehen und kann eingreifen.

Als besonders erfolgreich erweist sich der tägliche Erzählkreis, das Vorlesen durch die Lehrkraft oder der Einsatz von Reimen, Liedern und Rätseln. Das freie Schreiben am Computer hat sich als besonders hilfreich und motivierend zur Auseinandersetzung mit Sprache erwiesen. Die Computerlernprogramme, etwa für akustische Übungen stützen diesen Prozess.

Durch das System von Fördergruppen und Restklassen werden alle Schüler gefördert. Sicher ist, dass die Förderschüler im übrigen Klassenunterricht ohne größere Schwierigkeiten teilnehmen können. Es ist nur ein Indiz für eventuellen Erfolg, wenn man feststellen kann, dass alle beteiligten Schüler der drei Schulen, an denen „Deutsch & PC“ läuft, das Klassenziel erreichen. In den Jahren zuvor musste stets eine Gruppe von Kindern aus sprachlichen Gründen die erste Klasse wiederholen.

In den zweiten Klassen soll „Deutsch & PC“ mit fünf Stunden Förderunterricht wöchentlich aus den Mitteln des hessischen Kultusministeriums fortgeführt werden. Spätestens nach Beendigung des Projekts ist eine Ausweitung auf Brennpunktschulen in Hessen angestrebt. Zweiter Baustein der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung ist das vor kurzem begonnene Stipendienprogramm „Start“ für begabte und gesellschaftlich engagierte Zuwandererkinder der Klassen 8 bis 13 in Hessen.

Viel zu lange wurde in Deutschland das Negativ-Bild von zugewanderten Kindern und Jugendlichen kultiviert. Heute wissen wir: Wir brauchen zugewanderte Talente – und wir profitieren von jungen Menschen, die zwischen unserer Kultur und anderen Kulturen Brücken bauen können. Grundvoraussetzung dafür ist die Beherrschung der deutschen Sprache. „Deutsch & PC“ zeigt, dass man spätestens in der Grundschule beginnen muss – und dass man damit erfolgreich sein kann.

Der Autor ist Geschäftsführer der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

KaehlbrandtR@ghst.de ; www.ghst.de

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