Gesundheit : Die Wahrheit über die Lüge

Nicht nur in der Politik ist der Schwindel allgegenwärtig – wir alle flunkern. Warum eigentlich?

Bas Kast

Noch nie hatte es die Lüge so leicht wie heute. Seit jeher galt es als zutiefst verwerflich, wissentlich die Unwahrheit zu sagen. Von der Bibel bis zur Aufklärung – immer wieder ist der Schwindel aufs Schärfste gegeißelt und gescholten worden. Für Immanuel Kant war das Flunkern ein Verrat an die Vernunft schlechthin: Die Lüge, so der große Philosoph des 18. Jahrhunderts, schade „der Menschheit, indem sie die Rechtsquelle unbrauchbar macht“.

Dazwischen ließen sich zwar immer wieder andere, sanftere Töne vernehmen, nahm der eine oder andere den Schwindel in Schutz. „Der Beste muss zuweilen lügen. Mitunter tut er’s mit Vergnügen“, dichtete schon Wilhelm Busch. Man duldete sie, die Lüge, fand sie okay, mehr oder weniger. Nur die Wenigsten aber wagten sich so weit vor, die Lüge zu loben.

Das hat sich geändert. Die Lüge befindet sich längst auf dem Weg zur Rehabilitation. Ohne sie, darin sind sich inzwischen alle Experten einig, wären wir nicht, was wir sind. Manche behaupten sogar: Ohne die Lüge wären wir geistig noch auf dem Niveau eines Australopithecus africanus.

Alles fing damit an, dass ein Psychologenteam die Probe aufs Exempel machte und uns beim Alltag einmal genauer auf die Finger beziehungsweise auf den Mund sah. Da stellte sich heraus: Wir flunkern was das Zeug hält. Der Mensch, so ergab sich, lügt zwischen 1,6 und 200 Mal täglich, je nachdem, wie eng man es mit der Definition nimmt, je nachdem also, ob man auch Scherzhaftes, Floskeln, Über- und Untertreibungen usw. mit einberechnet.

Bei einem der Versuche hat der US- Psychologe Robert Feldman 121 Studenten in ein zehnminütiges Gespräch mit einem ihnen unbekannten Menschen verwickelt. Das Gespräch zeichnete er auf, um es den Probanden anschließend bewerten zu lassen. Sie sollten sagen, wie oft sie gelogen hatten. Das Resultat: 60 Prozent der Versuchsteilnehmer gaben freiwillig kleinere und auch größere Lügen zu. Sie hatten beispielsweise gesagt, sie würden eine bestimmte Person mögen, die sie in Wahrheit nicht ausstehen konnten. Während Frauen dazu tendierten, dem Gesprächspartner Honig um den Mund zu schmieren, neigten Männer dazu, sich selbst in ein gutes Licht zu stellen. Gemeinsam war ihnen, dass sie bereits in dem kurzen Gespräch mit der Wahrheit allein nicht auskamen.

Bald schon ergab sich die Frage nach dem Warum. Wenn die Lüge tatsächlich so verwerflich ist, weshalb bedienen wir uns ihrer dann so reichlich?

Die Antwort darauf ist erstaunlich einfach. Dass uns die Wahrheit manchmal schadet, dass dem Lügner, wenn er denn nicht erwischt wird, gelegentlich Vorteile winken, dass man mit Täuschung und Desinformation der Konkurrenz ein Schnippchen schlagen kann, darin liegt sicher ein Teil der Antwort. Und doch trifft das noch nicht den Kern der Sache.

Der entscheidende Vorteil der Lüge wird uns erst klar, wenn wir uns vor Augen halten, wie es wäre, in einer Welt der Wahrheit, der ganzen Wahrheit und nur der Wahrheit zu leben. Wie würde eine solche Welt aussehen?

Kurz gesagt: Sie wäre ein Albtraum. Wie so oft hat sich Hollywood den Albtraum schon für uns ausgemalt. In dem Kinofilm „Der Dummschwätzer“ verkörpert Jim Carrey einen erfolgreichen, aalglatten Anwalt, einen Lügner aus Gewohnheit, der auf Grund eines Fluchs 24 Stunden lang nur noch die Wahrheit sagen kann. Im Nu versinkt seine Welt im Chaos; Wut, Tränen, Verzweiflung, Ärger, Schlägereien beherrschen die Tagesordnung.

Und dem Zuschauer wird klar: Die Lüge, ob es uns gefällt oder nicht, ist das Schmiermittel im Getriebe der Gesellschaft. Nicht die Wahrheit, sondern der Schwindel hält uns zusammen. „Guten Tag!“ – „Wie nett von Ihnen“ – „Mit herzlichen Grüßen“ – „Gut sehen Sie aus!“ – „Was für ein schönes Geschenk“ – „Keine Sorge, wird schon wieder...“ – diese und andere kleinen Lügen sind aus dem alltäglichen Miteinander nicht wegzudenken. Vor allem: Ohne die aktive Unterdrückung dessen, was uns an unseren Mitmenschen stört, anödet, nervt, würde die Gesellschaft zusammenbrechen. Auch die Höflichkeit ist im Grunde nichts anderes als eine institutionalisierte, subtile Form des Flunkerns.

Einige Wissenschaftler gehen noch einen Schritt weiter und sagen: Erst die Lüge hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Das Lügen liege uns geradezu in den Genen. Der Schwindel, so argumentieren manche Evolutionsbiologen, war es, der der Entwicklung des menschlichen Gehirns einen der wichtigsten Wachstumsimpulse gegeben hat.

Lügen erfordert, im Gegensatz zur Wahrheit, Fantasie. Wer lügt, muss sich in den anderen hineinversetzen, seinen Wissensstand kennen, strategisch planen. Der Lügner braucht ein gutes Gedächtnis: Er muss sich genau an sein Konstrukt erinnern – das kleinste Detail könnte es zum Einstürzen bringen. Lügen erfordert Konzentration, schnelles Denken, Improvisationstalent. Umgekehrt bedarf es der Beobachtungsgabe und des Scharfsinns, eine Lüge zu erkennen.

Kein Wunder also, dass Hirnforscher festgestellt haben: Wenn wir lügen, sind viele Teile unserer grauen Masse aktiver, als wenn wir einfach nur die Wahrheit sagen. Der Verstoß gegen das achte Gebot der Bibel erweist sich als eine intellektuelle Herausforderung, die unsere Neuronen auf Trab bringt.

Und doch, intellektuelle Höchstleistung hin oder her: Wer von uns mag es schon, angelogen zu werden? Wer von uns hat nicht ein schlechtes Gewissen, wenn er lügt? Ist die Lüge am Ende also doch – schlecht?

Der Schriftsteller Jurek Becker war einer von vielen, die auf diese Frage mit einer Geschichte geantwortet haben. In seiner Erzählung „Jakob der Lügner“ kann es der Jude Jakob Heym, der im Warschauer Ghetto lebt, nicht länger mitansehen, wie sich die Menschen reihenweise umbringen. Kurzerhand erfindet der Mann eine Lüge, die Leben rettet: Er gibt vor, im Besitz eines Radios zu sein und erzählt, die Russen und damit die Befreiung stünden unmittelbar bevor. Seine Lüge schenkt den Menschen Hoffnung, die Selbstmorde gehen zurück, der Lebenswille gewinnt die Oberhand.

Die Lüge erweist sich somit weder als gut noch schlecht. Eine Behauptung, die unwahr ist, ist moralisch erst einmal neutral. Entscheidend ist die Absicht, mit der wir lügen oder die Wahrheit sagen. Ja, es stimmt, dass wir die Lüge oft in ihrer moralisch verwerflichen Form verwenden: um uns selbst zu bereichern oder anderen zu schaden. Schließlich wäre es ja auch zu schön um wahr zu sein, wenn nur unsere Güte, nicht aber unser Egoismus sich der Lüge bedienen würde. Aber was kann die Lüge dafür?

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