Gesundheit : Die Welt im Tropfen

Speichel, Urin oder Blut hinterlassen nach ihrer Verdunstung einzigartige Muster, wie die Fotos von Bernd Kröplin zeigen. Der Ingenieur vermutet: Wasser hat ein Gedächtnis

Paul Janositz

Es sind Bilder, die die Fantasie anregen. Manche erinnern an leuchtende Bälle oder fein gemusterte Weihnachtskugeln, andere zeigen konzentrische Kreise, die sich um ein helles Zentrum scharen. Trotz unterschiedlicher Formen und Farben haben die Bilder den gleichen Ursprung. Sie sind Überreste von Wassertropfen, die auf dünne Glasplatten getropft wurden. Nachdem die Flüssigkeit verdunstet war, schauten sich die Experimentatoren am Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumkonstruktionen der Uni Stuttgart das Ergebnis unter dem Mikroskop an. Die Muster wurden fotografiert und zieren eine Ausstellung in der Berliner Urania: „Welt im Tropfen“.

Es geht nicht nur um interessante Bilder oder um naturwissenschaftliche Aspekte zum Wasser. Es geht auch um Phänomene, die sich mit rationalen Argumenten alleine nicht erklären lassen. „Hat Wasser ein Gedächtnis?“, fragt der Stuttgarter Institutsdirektor Bernd Kröplin, der seit Jahren den Geheimnissen des nassen Mediums auf der Spur ist. Auf das feuchte Element gekommen ist der Bauingenieur, weil ihn die Auswirkungen von Handystrahlung interessierten.

Für ein Konzept, luftschiffartige Plattformen in der Stratosphäre zu stationieren, hatte Kröplin 1999 den Körber-Preis erhalten. Die propellergetriebenen Stationen sollen in 20000 Metern Höhe ihre Energie von der Sonne beziehen und vor allem für die Telekommunikation eingesetzt werden. Mobilfunk, Radio und Fernsehen könnten dadurch ohne zwischengeschaltete Relais, Funkmasten und ohne Zeitverzug funktionieren.

„Wissenschaftler müssen sich um die Folgen ihrer Forschung kümmern“, sagt Kröplin. Deshalb sucht er Methoden, um die Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf Organismen zu untersuchen. Von Versuchen mit Zellen hält er nicht viel, da diese Grundeinheiten des Lebens zu komplex seien. Wie will man unter Abertausenden von zellulären Abläufen diejenigen herausfinden, die von Handystrahlung beeinflusst werden? Andererseits sieht es der 59-Jährige auch nicht als besonders aussagekräftig an, etwa die Erwärmung des Kopfes während des Gesprächs mit einem Mobiltelefon zu messen.

„Ist es nicht besser, Wasser zu nehmen?“, fragt Kröplin. Schließlich besteht der menschliche Körper zu zwei Dritteln aus dieser Flüssigkeit. Körpersäfte wie Blut, Speichel oder Urin transportieren Nährstoffe und Abfallprodukte des Stoffwechsels. Wasser als Modell für die Wirkung von Feldern, die Veränderung von Körpersäften als Indikator für Elektrosmog? Das klingt logisch, und so betrachten viele Besucher interessiert die Fotos, die Bernd Kröplin in den vergangenen Jahren zusammengestellt hat.

Zum Beispiel: Speicheltropfen, getrocknet vor und nach einem zweiminütigen Handygespräch. Die zuvor an Eiskristalle erinnernden Strukturen haben sich in grüne und braune Ringe verwandelt, die um ein weiß leuchtendes Zentrum geschart sind. „Das Tropfenbild ist in der Mitte rigider geworden“, sagt Kröplin. Ähnliche Veränderungen zeigten Urin- und Blutproben. Sogar auf das Gedeihen von Salatpflanzen wirkten sich die mobilen Gespräche aus. Kröplin ließ Handys in Plastikschalen auf dem Gießwasser schwimmen. Je nachdem, ob das Handy eingeschaltet war oder nicht, entwickelten sich mickrige oder schöne Salatköpfe.

Wie lässt sich das interpretieren? Ist die Handystrahlung schädlich? Werden die Schwingungen auf das Wasser übertragen? Der Stuttgarter Forscher weiß es nicht. „Wir beobachten derzeit nur die Phänomene“, sagt er. Und davon gibt es viele. Denn die Tropfversuche bergen noch andere Überraschungen. So zeigt sich, dass Wasser je nach Herkunft verschieden kristallisiert. Flüssigkeit aus den Tiefen des Bodensees sieht anders aus als Rheinwasser oder Proben, die Bergquellen entnommen wurden. Aber auch Pflanzen, die im Wasser gebadet wurden, beeinflussen das Bild.

Hat Wasser ein Gedächtnis? Der Ingenieur Kröplin will keine definitive Antwort geben. „Wir wollen mit unseren Untersuchungen zum Dialog anregen“, sagt er. Vorurteilsfrei sollten die Bilder betrachtet werden. Jeder könne sehen, dass Wasser aus Stuttgart anders aussehe als Quellwasser vom elsässischen Odilienberg. Er liest aus den Mustern sogar Einflüsse der Menschen, die mit dem Wasser hantierten. „In Reihenversuchen zeigte ein und dasselbe Wasser, das von verschiedenen Personen aufgetropft wurde, jeweils unterschiedliche Strukturen“, sagt Kröplin. Sogar der emotionale und psychische Zustand des Experimentators werde vom Wasser aufgenommen.

„Wenn das wahr wäre, müssten die Gesetze der Physik umgekrempelt werden“, sagt Martin Lambeck. Der emeritierte Physikprofessor an der TU Berlin billigt den Stuttgarter Tropfenbildern keinen wissenschaftlichen Gehalt zu. Dass Wasser individuelle Formen hinterlasse, zeigten schon die Eisblumen am Fenster. „Jede sieht anders aus“, sagt Lambeck. Warum soll es mit den Trocknungsmustern anders sein? Außerdem habe Wasser je nach Herkunft unterschiedliche Beimengungen. „In Berlin ist es mehr Kalk, im Süden mehr Eisen“, sagt Lambeck. Kein Wunder also, dass sich die Trocknungsbilder unterscheiden. Mit einem „Wassergedächtnis“ habe das alles nichts zu tun.

Auch dass die Muster je nach Experimentator variieren, überrascht ihn nicht. „Jeder zittert beim Auftropfen eben ein wenig anders“, erklärt er. Das Hauptproblem sieht Lambeck darin, dass die Versuche nicht nach wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt wurden. Er vermisst die exakte Beschreibung der Versuchsbedingungen oder nachprüfbare Datenerhebung. Die Handyversuche hält er für besonders fragwürdig. „Wo sind die Kontrollversuche mit Festnetz-Telefonen?“, fragt er.

Auch der Karlsruher Chemiker Fritz Frimmel vermisst die Anstrengungen, den Tropfphänomenen durch geeignete Experimente auf die Spur zu kommen. „Reihenversuche wären notwendig“, sagt der Vorsitzende der Wasserchemischen Fachgruppe in der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Dann könne man die Faktoren herausfinden, die die Tropfenbilder beeinflussen. Um wissenschaftlich Bestand haben zu können, müssten die Ergebnisse reproduzierbar sein.

Kröplin ficht solche Kritik nicht an. „Wir beobachten derzeit nur die Phänomene und klassifizieren sie“, sagt er. Um beispielsweise den Einfluss elektromagnetischer Felder zu untersuchen, wurde auch im Faradayschen Käfig getropft. In diesem von Elektromagnetismus völlig abgeschirmten Raum entstanden andere Wasserbilder als außerhalb. Doch auch im Käfig bildeten sich je nach Wasser unterschiedliche Muster, auch der individuelle Einfluss der Experimentatoren blieb erhalten – Effekte, die also nicht durch elektromagnetische Strahlung begründet sein können.

Das Interesse an der Vortragsreihe „Welt im Tropfen“ in der Berliner Urania ist bislang groß. Auch Bernd Kröplin spricht dort am 19.Januar und hält den Abschlussvortrag zum Thema „Wasser und die Steuerung des Lebendigen“.

Information: Urania; Tel 030/2189091 oder

www.urania.de

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