Gesundheit : Die Zukunft liegt in der geistigen Mobilität

HEIKO SCHWARZBURGER

Deutschland hat derzeit etwa 4,2 Millionen Arbeitslose.Nimmt man die Vorruheständler, die Langzeitstudenten und die unfreiwilligen Hausfrauen hinzu, dürften es fast sechs Millionen sein - eine Bilanz, die vor siebzig Jahren mit dem Machtantritt der Nazis einherging."Doch die Massenarbeitslosigkeit am Ende der Goldenen Zwanziger kam über Nacht, mit dem Börsencrash von 1929", sagte Richard Biernacki, Wirtschaftshistoriker an der Universität von Kalifornien in San Diego, in diesem Jahr auch Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg."Die heutige Entwicklung zeichnete sich aber über mehr als drei Jahrzehnte ab."

Biernacki sprach auf einer Tagung zur Geschichte und Zukunft der Arbeit, die das Wissenschaftskolleg, die Freie Universität und die Humboldt-Universität gemeinsam veranstalteten.Sie bildete den Auftakt zu einem breit angelegten Forschungsprogramm, dessen Ergebnisse im Januar 2001 vorliegen sollen.

Wer heute von Arbeit spricht, meint in erster Linie die unselbständige Erwerbsarbeit der Industriegesellschaft.Der Arbeiter tauscht seine in einer bestimmten Arbeitszeit erbrachte Leistung gegen Geld.Mit diesem Geld schafft er sich in seiner Freizeit einen Ausgleich für die verlorene Lebenszeit an der Werkbank."Frühere Gesellschaften kannten diese Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nicht", erläuterte der Anthropologe Chris Hann, Kodirektor des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschungen in Halle."Im bäuerlichen Leben war die Arbeit ohne scharfe Übergänge in den Alltag eingebettet.Landwirtschaft, Familie und Kultur gehörten eng zusammen."

Mitte des 15.Jahrhunderts wurden die mittelenglischen Bauern von ihren Ländereien und damit von ihrer Lebensgrundlage vertrieben, denn die Grundbesitzer wollten das Land als Schafweiden nutzen.Die Einhegungen markierten den Beginn der englischen Tuchindustrie, den Anfang des modernen Kapitalismus.Die entwurzelten Bauern mußten sich als Weber verdingen, wollten sie nicht verhungern.Die Folge war ihre Entfremdung von der Arbeit, denn der Webstuhl eines fremden Herren bestimmte fortan ihren Lebensrhythmus.

Dieses Grundprinzip blieb bis heute unverändert, auch wenn automatische Fließbänder und sozial kompetente Teams die moderne Arbeitswelt dominieren."Die Industriegesellschaft hat eine dem Menschen feindliche Vorstellung von Arbeit etabliert", sagte der Publizist Warnfried Dettling."Wir stehen jetzt nicht nur vor einer Krise des Arbeitsmarktes, die irgendwann vorbei geht, sondern vor einem grundlegenden Umbau der Gesellschaft."

Bislang ist die sozial anerkannte Arbeit vor allem auf Erwerbsarbeit im Sinne des ersten Arbeitsmarktes beschränkt.Wer seinen Job verliert, gilt als sozial minderwertig und vereinsamt wegen fehlender sozialer Bindungen.Auch dieser psychologische Druck ist eine Folge von 200 Jahren Industriegesellschaft, erhöht er doch die Bereitschaft der Arbeitslosen, für weniger Geld und größere persönliche Kompromisse wieder in das geregelte Arbeitsleben zurückzukehren.

Dettling forderte, auch die Tätigkeit im Haushalt, im Ehrenamt und für das Gemeinwohl als gesellschaftlich wichtige und notwendige Arbeit anzuerkennen.Dies läßt sich durch steuerliche Vorteile oder angerechnete Rentenzeit regeln.Die deutsche Realität hingegen nimmt sich fast grotesk aus: Die Kassen der öffentlichen Haushalte sind leer, immer mehr soziale und Jugendeinrichtungen schließen, obwohl immer mehr Arbeitslose und Vorruheständler nur darauf warten, noch einmal gebraucht zu werden.

"Statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren, sollte man die Bürgerarbeit unterstützen", forderte Dettling.Er kritisierte, daß sich die Politiker und Manager an die unwiederbringliche Vergangenheit der bezahlten Vollbeschäftigung klammern."Damit blockieren sie jede Suche nach alternativen Lösungen.Auch den Gewerkschaftsbossen fällt nichts besseres ein, als die unselbständige Erwerbsarbeit weiter zu verteuern.Beim Bündnis für Arbeit treffen sich die Schlachtrosse der alten Industriegesellschaft.Neue Berufe aus dem Dienstleistungssektor oder gar neue Ideen sind nicht vertreten."

Bereits in der Eröffnungsveranstaltung zum neuen Forschungsschwerpunkt des Wissenschaftskollegs wurde deutlich, daß die beiden Begriffe Freizeit und Entfremdung einen Ausweg aus der Misere bieten.Chris Hann machte in Ungarn und in der zerfallenden Sowjetunion eine interessante Entdeckung: Die Menschen dort nutzen ihre Freizeit für zeitintensive Tätigkeiten, die mit wenig Konsum verbunden sind."Schach ist der beliebteste Freizeitsport in Rußland", berichtete er."In den modernen Industriegesellschaften des Westens versuchen die Menschen jedoch, sich durch teuren Massenkonsum und immer intensivere Kurzzeiterlebnisse einen Ersatz für die entfremdete Arbeitswelt zu schaffen."

Dennoch grassieren in der Konsumgesellschaft des Westens Einsamkeit, Verlorenheitsgefühle und Existenzängste.Mehr Freizeit für die Befriedigung immaterieller Bedürfnisse und für engere soziale Kontakte könnte bald das Zeitalter der psychischen Gesundheit einläuten.Der Dienstleistungssektor und die gemeinnützige Tätigkeit leben von Individuen, die innerhalb und außerhalb ihrer Arbeitswelt nach Selbstverwirklichung suchen.Die Grenzen zur Freizeit lösen sich auf, ganzheitliche Lebenskonzepte erleben eine Renaissance.

Mit den Mitteln der modernen Kommunikationstechnik steigen zudem die Chancen, auch jenseits der etablierten Wirtschaftsstrukturen tragfähige Netze für alternative Lebenskonzepte zu knüpfen.Die Industriegesellschaft benötigte das atomisierte, physisch mobile Individuum.Die Zukunft liegt in der geistigen Mobilität und im Wissen.

Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Streeck schilderte die Situation in den Niederlanden und Dänemark, wo die Arbeitslosigkeit innerhalb weniger Jahre unter vier Prozent sank."Bei hochqualifizierten Dienstleistungen besteht sogar ein Mangel an Arbeitskräften.Die Voraussetzung dafür war der Umbau des Bildungssystems.Die Holländer haben ihre Schulen und Universitäten konsequent auf modernes Management umgestellt.Ein gutes Bildungssystem ist die beste wirtschaftspolitische Strategie."

Beide Länder erreichen die weltweit höchsten Bildungsquoten und leisten sich zugleich Spitzenwerte bei Sozialabgaben und Steuern.Doch statt diese zur Verwaltung der Arbeitslosigkeit einzusetzen, fließen die Mittel in Investitionen zur Veränderung des Bildungswesens.Steuerliche Anreize erleichtern es jungen Firmen, sich am Markt zu etablieren.Zugleich gelang es durch eine geschickte Wirtschaftspolitik, bisher vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene Gruppen wie die Hausfrauen stärker in Teilzeitjobs einzubinden.Dieser Trend zeichnet sich auch in der Schweiz ab.

Angesichts solcher Erfolge in den Nachbarstaaten fragte Dettling: "Lassen sich die deutschen Strukturen in ähnlicher Weise reformieren?" Er verwies darauf, daß größere soziale Umwälzungen in Deutschland stets in der Folge von Kriegen wirksam wurden.Provokativ fragte er: "Welches funktionale Äquivalent haben wir heute für Kriege?"

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