Gesundheit : Dinos vespern

Paul Janositz

Schiffbruch in krokodilverseuchten Gewässern zu erleiden, gehört wohl zu den schlimmsten Albträumen. Die schnappenen Riesenmäuler vor Augen und zu wissen, dass es kein Entrinnen gibt. Dem Schreckenskabinett der Riesenechsen ist jetzt ein neues Exemplar hinzugefügt worden. Zwölf Meter lang und acht Tonnen schwer war "Sarcosuchus imperator", das Superkrodidil, das vor etwa 110 Millionen Jahren in Zentralafrika lebte. Aus versteinerten Schädel- und Skelettknochen haben amerikanische Forscher jetzt das Riesen-Reptil rekonstruiert. Dies berichten Forscher am heutigen Freitag im Wissenschaftsmagazin "Science".

Die Fossilien hatte das Team um den Paläontologen Paul Sereno von der Universität Chicago im vergangenen Jahr in Niger gefunden. Die schiere Größe ihres ausgegrabenen Objekts war gar nicht einmal sensationell. "Krokodile dieses Ausmaßes gibt es immer wieder", sagt Hans-Peter Schultze, Wirbeltier-Paläontologe und Direktor des Berliner Naturkundemuseums. Im Los Angeles-County-Museum sei beispielsweise ein Exemplar ausgestellt, dessen Kopf allein fünf Meter messe. Allerdings ist das aus dem Azonas-Becken stammende Fossil "nur" drei Millionen Jahre alt. Mit ihrer aktuellen Rekonstruktion eines Krokodils aus der Kreidezeit bringen Serono und Kollegen erstmals genaue Details von Anatomie, Lebensweise und Stammbaum der Riesenechsen ans Licht. Die Spezies "Sarcosuchus imperator" war bereits 1964 von französischen Wissenschaftlern entdeckt worden, das von Sereno geborgene Skelett ist jedoch das bisher größte.

"Das neue Material verschafft uns einen guten Überblick über die Riesenkrokodile", sagt der Dinosaurier-Forscher Sereno. Niemand habe bisher genug vom Schädel oder dem Skelett gehabt, um die genaue Größe der Tiere zu bestimmen. Der lang gezogene Schädel ist demnach etwa zwei Meter lang gewesen. Mit mehr als hundert, laut Serono "unglaublich kräftigen" Zähnen seien die Krokodile gefährliche Jäger gewesen. Aus dem Überbiss und den weich abgerundeten Zähnen schließen die Forscher, dass der Sarcosuchus anders als seine Fisch fressenden Vettern Pholidosaurus und Terminonaris auch Fleisch von Landtieren zu sich nahm.

"Die heutigen Krokodile sind Vielfresser", erklärt David Unwin, Kustos für Reptilien und Vögel am Berliner Naturkundemuseum, in dem sich auch sehenswerte Fossilien und Skelette der Riesen-Reptilien befinden. Von Pflanzen halten Krokodile allerdings nichts viel. Ihr großes Maul befähigt sie zum Fang von Fischen und Schildkröten, auch Säugetiere, die sich in die Nähe wagen, werden nicht verschmäht. Von Krokodilen gefressen zu werden, sei die eigentliche Gefahr bei Schiffsunglücken in Indien, viel größer als zu ertrinken, meint auch Unwin.

Anschaulich wird der durch die Zeiten gehende Horror angesichts des Kopfes, der die Sarcosuchus-Rekonstruktion schmückt. Das Maul nimmt fast drei Viertel des Schädels ein und ist breiter als der Rachen des modernen indischen Krokodils Gharial oder anderer Urzeit-Reptilien wie des Pholidosaurus und Terminonaris. Fossilien dieser beiden "Vettern" hatten Paläontologen in Meeresablagerungen entdeckt. Der Sarcosuchus dagegen lebte im Flußbett, gut 150 Kilometer von der Küste entfernt.

Die Augenhöhlen müssen - so Serono - nach oben gerichtet gewesen sein, so dass das Tier unter Wasser bleiben und gleichzeitig das Ufer beobachten konnte. Wie heutige Krokodile lauerte auch der Sarcosuchus im Wasser auf Beute am Ufer, griff an und ertränkte sie. Wegen seiner beträchtlichen Größe kamen für ihn auch Dinosaurier in Frage, wie zum Beispiel die damals in Afrika weit verbreiteten Sauropoden. "Ein kleiner Sauropode, sechs oder neun Meter lang, wäre kein Problem gewesen", erklärt Sereno.

Der Kopf, Körper und Teile des Schwanzes des Riesenkrokodils waren mit Schildplatten geschützt. Jede dieser Platten der gefundenen Fossilien wies 40 Jahresringe auf. Sereno schätzt, dass das Krokodil zu 80 Prozent ausgewachsen war. Demnach dauerte es wahrscheinlich 50 bis 60 Jahre, bis das Urzeit-Reptil ausgewachsen war.

Dinosaurier dagegen waren schneller erwachsen und lebten kürzer als Krokodile. Vielleicht ist das "gemächlichere" Größerwerden ein Indiz für die bessere Überlebensstrategie gegenüber den ausgestorbenen "Dino-Vettern". "Vorteilhaft war es, dass die Krokodile zurück ins Wasser gingen", sagt Unwin. Dort waren die Bedingungen für die Reptilien ausgeglichener, als es bei den sensiblen, warmblütigen Dinos der Fall war.

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