Gesundheit : Doktor B. A.

Der Bachelor als Medizinabschluss? Noch wehren sich die Ärzte. Doch eine Umstellung wird diskutiert

Rosemarie Stein

Ein Medizinstudium mit Bachelorabschluss? Bis vor Kurzem schien das noch undenkbar – die deutsche Ärzteschaft wandte sich vehement dagegen, die neuen Studienabschlüsse auch für das Medizinstudium einzuführen. Doch jetzt hat die Diskussion über die neuen Abschlüsse offenbar auch die deutsche Medizin erreicht. So will der Wissenschaftsrat eine Arbeitsgruppe bilden, um die Chancen und Risiken einer abgestuften Ausbildung in der Medizin zu prüfen.

Bisher hatten sich die deutschen Mediziner an der internationalen hochschulpolitischen Diskussion über den Bologna-Prozess so gut wie gar nicht beteiligt. Der Bologna-Prozess soll europaweit zu vergleichbaren Curricula und Abschlüssen führen und so die Mobilität der Lernenden und Lehrenden in ganz Europa fördern. In Bachelor und Master eingestufte Medizinstudiengänge gibt es in einigen Ländern durchaus: So wurden BA-Medizinstudiengänge bereits in der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark und teilweise in Belgien eingeführt. Eine „Harmonisierung“ scheint also auch in der Medizin nicht überflüssig, obgleich sie in der gegenseitigen Anerkennung der Studienabschlüsse weiter ist als andere Fächer.

Mindestens drei Jahre bis zum Bachelor, dann zwei Jahre bis zum Master, danach vielleicht noch der Doktor: So soll ein gestuftes Studium zukünftig aussehen. In der traditionellen deutschen Medizinerausbildung dagegen folgte einer zweijährigen natur- und humanwissenschaftlichen („vorklinischen“) Phase das eigentliche vierjährige Medizinstudium mit dem Ziel der Approbation als Arzt. In reformierten Curricula wie etwa dem Berliner Reformstudiengang Medizin werden vorklinische und klinische Phase, also Wissenschaft und Praxis, eng verzahnt.

Der Bachelor soll in den neuen gestuften Studiengängen laut der Bologna-Deklaration eigentlich der erste berufsqualifizierende Abschluss sein. Die Ärzteschaft hat das alarmiert. Die Bundesärztekammer fürchtet, der Staat könnte in einer Zeit der Sparzwänge mit dem Medizin-Bachelor einen billigen Schmalspurarzt anstreben. Auch der Deutsche Hochschulverband, die Interessenvertretung der Professoren strebt an, die Medizin von der Umstellung auf das Bachelor- und Masterstudium auszunehmen.

Tatsächlich treten auch die Befürworter des Medizin-Bachelors nicht dafür ein, dass Absolventen nach nur drei Jahren Studium ans Krankenbett treten und Patienten behandeln sollen. Alle mit der Thematik befassten Gremien sind sich vielmehr einig, dass der Bachelor keinesfalls zum Arzt qualifizieren könne. Auch in den Ländern, wo er schon eingeführt wurde, befähigt er nur zum Weiterstudium der Medizin oder anderer Fächer. Eine Richtlinie der EU hat festgelegt, dass ein Arzt ein sechsjähriges Studium braucht – sein Abschluss wird nur dann in 25 europäischen Staaten anerkannt.

Gleichwohl könnte die Einführung eines Medizin-Bachelors Vorteile haben, sagen Befürworter. Beim Wissenschaftsrat verfolgt man inzwischen die europäische Entwicklung intensiv. Dass ein medizinischer Bachelor nicht ärztlich tätig sein dürfe, sei zwar klar, sagte Inka Spang-Grau vom Wissenschaftsrat dem Tagesspiegel. Aber warum nicht eine gemeinsame Grundausbildung für verschiedene Gesundheitsberufe, wie in manchen ausländischen Medizin-Reformfakultäten? Die bessere Qualifikation der an Bedeutung und Zahl zunehmenden nichtärztlichen Gesundheitsfachberufe sei ein Argument für den Bachelor, sagt auch die Gesellschaft für medizinische Ausbildung. Über 100 solcher Berufe im Gesundheitsbereich gibt es inzwischen.

Der Bachelor wird auch als Chance für all diejenigen betrachtet, die sich während des langen und teuren Studiums gegen die klassische Arztlaufbahn entscheiden. Deren Zahl differiert je nach Definition und Quelle. Das Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelte für 2005 eine Schwundquote von 13 Prozent, aber Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung kamen im selben Jahr auf 23 Prozent – unter Einbeziehung der Ärzte im Praktikum sogar auf 42 Prozent.

Auch die Auslandsdienstreferentin der Bundesärztekammer, Susann Katelhön, sieht im Bologna-Prozess eine Chance, „notwendige Veränderungen zu erkennen und in Angriff zu nehmen.“ Die Gesellschaft für medizinische Ausbildung rät den Fakultäten, sich „dem Bologna-Prozess keinesfalls grundsätzlich zu verschließen“, sondern auf eine Umsetzung hinzuwirken, „die den besonderen Erfordernissen der ärztlichen Ausbildung und des Medizinstudiums gerecht wird.“ Auch in Berlin versucht man dies anscheinend. Die Charité will sich derzeit zwar nicht ausführlich zum Thema Bachelor äußern. Der Bologna-Prozess werde intern aber „intensiv diskutiert“, sagte Charité-Sprecherin Kerstin Endele.

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