DR. ADLI analysiert : Das wahre Wort des Jahres

Von Mazda Adli .

Mazda Adli

Schon wieder ist ein Wort, das – gelinde formuliert – mit „gemischten Gefühlen“ zu tun hat, zum Wort des Jahres gekürt worden. „Stresstest“ ist nach „Wutbürger“ (2010) erneut eine Vokabel, die Psychiater aufmerken lässt. Setzen uns unsere Gefühle seit zwei Jahren wirklich so zu? Fehlt es uns an Zuwendung und emotionaler Aufmerksamkeit?

Wir haben in unserem Stresslabor schon längere Zeit die Stirn gekräuselt, nachdem uns Atomkraftwerksbetreiber, Chefökonomen, EU-Politiker und Stuttgarter Diskutanten den Stresstest streitig gemacht haben. Dabei haben wir diese Tests – mit ihnen untersuchen wir biologische und psychologische Faktoren, die das menschliche Stressempfinden beeinflussen – schon lange in der psychiatrischen Forschung etabliert. Damals hatte der Stuttgarter Bahnhof noch einen anerkannten Kopf, Atomkraftwerke galten als modern, und Banken wurden höchstens über die Gestaltung ihrer Schalterhallen öffentlich wahrgenommen.

Inzwischen wissen wir, dass man in der Medizin Expertentum oft teilen muss. Das gilt besonders für Fragen der seelischen Gesundheit. Psychotests in Illustrierten, Wellnessgurus, nervöse Astrologinnen, alte Handlinienleserinnen in Jahrmarktszelten – alle sind im Dienste des psychischen Wohlbefindens unterwegs. Und auch den „Stresstest“ reklamieren jetzt eben andere für sich.

Schlichter Heiner Geißler hat das neue Wort des Jahres begrüßt. Stresstests, sagte er, seien Voraussetzung für mehr Bürgerbeteiligung. Das halte ich – selbst als Stressforscher – für etwas übertrieben. Was kommt da auf uns zu? Heimliche Belastbarkeitsproben am Warenregal? Zerreißproben in der Umkleidekabine? Sollen wir Kinder vor der Einschulung und Partner vor der Heirat erst darauf prüfen, was sie aushalten? Werden wir ein Volk von Zögerern und Entscheidungsverschiebern, weil wir erst stressen müssen, bevor wir handeln können?

Ich persönlich hätte übrigens auch hervorragend mit „Ab jetzt werden wir liefern!“ als Wort des Jahres leben können. Das hat es allerdings nur auf Platz 9 geschafft. Schade! Dabei wäre das ein passendes Handlungsbekenntnis gewesen, ohne poetische Verpackung oder Gefühlsanspielung. Ein Bekenntnis, das gerade in unübersichtlichen Lebenslagen, im Büro, in der Küche, im Bad oder im Bett überzeugt hätte.

Apropos Bett: Man muss keinesfalls Psychiater sein, um zu wissen, dass in Wirklichkeit ohnehin immer „Sex“ das Wort des Jahres ist. Irgendwie ein beruhigender Gedanke, nachdem man sich nur ausreichend lang aufgebrachte Wutbürger beim Stresstest vorgestellt hat.

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